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Theater müsste ein Schulfach sein!

Theater, gespielt von Schülerinnen und Schülern, gehört zu den erfolgreichsten Projekten des Theaters der Jugend im Wiener Theater im Zentrum. Die Themen wählen die Kinder und Jugendlichen aus. In etwa sieben Monaten werden die Stücke entwickelt -mit nur zwei Stunden Probezeit pro Woche.

Eine Gruppe, 15-bis 17-jährige Mädchen, setzte sich mit der Frage auseinander, was als normal gilt und was nicht toleriert wird und anders ist. Der Leiterin Barbara Rottensteiner-Comploi geht es in diesem Projekt um den Mut, sozialer Ausgrenzung entgegenzuwirken und zu sich zu stehen. Es geht um Themen wie dem Rechtsdrall der Familie, gleichgeschlechtliche Liebe, strenge Religiosität, Helfersyndrom, Veganismus und Todessehnsucht. Eine andere Gruppe, 13-bis 15-jährigen Mädchen und Buben, recherchierte bei ihren Eltern und Verwandten, wie sie mit verschiedenen Problemen in ihrer Jugend umgegangen sind. - Worum aber geht es bei all diesen Spielformen? Sich spüren zu lernen, aus sich herausgehen zu können und ein soziales Feingefühl zu bekommen!

Theater spielen bedeutet, sich zu verwandeln, Charakter und Verhalten anderer kennenzulernen. Gespielt wird in einer Gemeinschaft, in die man sich einordnen muss. Der Egoist, der sich für ein Genie hält und die Soloperformance vorzieht, hat hier keinen Platz. Alle Anforderungen, die an den Menschen im (Berufs-)Leben gestellt werden, können die jungen Menschen hier lernen -ganz abgesehen von Beherrschung der Sprache, des richtigen Atmens und der Haltung. Theater ist die beste Erziehung zum Menschen. Nicht zu jenem Chamäleon, das seine Meinungen stündlich ändert und - wie auch immer -Erfolg haben will; nicht zur angepassten, konsumfreundlichen Marionette, sondern zu jenem widersprüchlichen und wunderbaren Wesen, das zu Genuss, Begeisterung, Mitgefühl und Liebe fähig ist. Theater müsste ein Schulfach sein!

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