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Tut nichts, der Jude wird verbannt

Als im 17. Jahrhundert ein polnischer Publizist mancherlei Mißstände seines Vaterlandes in einer lateinisch abgefaßten Schrift anprangerte, wurde er heftig angegriffen: man solle doch nicht in einer westlich der heimischen Grenzen verständlichen Sprache derlei Dinge erörtern, das sei polnischen Pamphleten vorzubehalten. Es gibt auch heute Vertreter ähnlicher Ansichten, denen es insbesondere schwer auf die Nerven geht, wenn im Westen Klagen über und Anklagen gegen den in Polen wieder stark zunehmenden Antisemitismus laut werden. Die einen befürchten eine schädliche Rückwirkung auf Presse und Finanzwelt Amerikas, Englands und Frankreichs, damit aber ungünstige Folgen für die so sehr der Hilfe aus diesen Ländern bedürftige heimische Volkswirtschaft und für die politische Haltung der in Warschau besonders umworbenen gemäßigten Linken und der Liberalen der eben genannten Großmächte. Die anderen, vornehmlich aus intellektuellen Kreisen westwärts blickender christlicher, radikaler und sozialistischer Demokraten bestehend, schämen sich einfach gewisser Sachverhalte, die man nach den von Polen und Juden gemeinsam erduldeten Schrecknissen des zweiten Weltkrieges überwunden glaubte. Objektive Beobachter stimmen indessen darin überein, daß es am besten ist, die Lage rückhaltlos zu schildern, schon um Uebertreibungen entgegenzuhalten, die als Folge einer dem Stalinismus-Bierutismus inhärenten Vertuschungssucht eine mitunter an Hysterie grenzende polenfeindliche Kampagne, zumal in den USA, aber auch in Frankreich, ausgelöst haben. Es sei nur auf die Pressepolemik hingewiesen, die sich in Amerika aus Anlaß eines Federkrieges zwischen dem Sowjetdiplomaten und Publizisten Ilijtschow und jiddischen Zeitungen der Neuen Welt auch gegen Polen gewandt hat, ferner auf eine charakteristische Darstellung im „Monde“ vom 16. März, die eitens der unbefangenen Redaktion dieses gewiß keiner rassischen Vorurteile verdächtigen Tagblattes sofort in die gebührenden Schranken zurückgewiesen wurde. Wie sieht es also in Wahrheit mit dem polnischen Antisemitismus aus? Vier Fakten 'sind unbestreitbar: er war nach Kriegsende von der sichtbaren Oberfläche verschwunden; er hatte Anlaß, sich aus manchen trüben Erfahrungen der Jahre 1954 und 1955 zu nähren; er wird von den Intellektuellen und dem fortgeschrittensten, klügsten Teil der Arbeiterschaft ebenso abgelehnt wie von der katholischen Kirche und von der heutigen Parteileitung der regierenden PZPR, also von den Kräften, die hinter Gomulka stehen; er besteht trotzdem, vielfach in wachsendem Grade, fort, sowohl in Kreisen der Kommunistischen Partei, die seit dem vorigen Oktober durch den gemäßigten Kurs beiseitegedrängt wurden, als auch bei den schärfsten Gegnern der PZPR in der Bauernschaft, bei Kleinbürgern und endlich bei den zurückgebliebenen Schichten der Arbeiterschaft. Aehnliche Gesinnung findet sich freilich auch bei Angehörigen der vordem als „bessere“ betrachteten Klassen. Die irrationale, instinktmäßige Abneigung gegen die Juden ist da eine Gegebenheit, die zu begründen man erst hernach die Motive sammelt.

So verdammen die Judenfeinde in den unlieben Gästen auf polnischer Erde bald die Stalinisten, bald die verbürgerlichten Gegner des Kommunismus, bald die ewigen Umstürzler, bald den Hort der Reaktion. Und sie haben auf jeden Einwand die um einen Buchstaben verminderte Antwort des Patriarchen aus „Nathan, der Weise" parat: „Tut nichts, der Jude wird verbannt.“ Nun können aber die Antisemiten am Weichselstrand, wie wir schon bemerkten, auch manche Argumente für ihre These anführen, die nicht ohne weiteres zu widerlegen sind. Nach der furchtbaren Tragödie des zweiten Weltkrieges, als mehr als drei Millionen Juden in den Gaskammern des Dritten Reiches ermordet worden waren, gab es auf dem Gebiet der wiedererstandenen Rzeczpospolita in deren neuen Grenzen höchstens 100.000 Juden, etwa vier Promille der Gesamtbevölkerung, wahrscheinlich noch weniger. (Wir verfügen über keine Religionsstatistik und begreiflicherweise über keine Zahlen betreffs der „rassischen“ Zugehörigkeit der Einwohner des Landes.) Nun traf man bald Juden überall an leitender Stelle des volksdemokratischen Staates und der herrschenden Partei. Im Politbüro waren gegen Ende der Aera Bierut von dreizehn Mitgliedern drei Juden (Berman, Mine, Zambrowski), im Zentralkomitee von siebenundzwanzig elf. Im Außenministerium und in der verhaßten Bezpieka, der polnischen Gestapo und NKVD, spielten Juden die ausschlaggebende Rolle, als Vizeminister oder Direktoren, unter bedeutungslosen Ministern. Aebnlich verhielt es sich auf dem Kul tursektor und in der Presse. Die antikommunistische und hart unterdrückte Mehrheit der Nation hatte also einigen Grund, Bolschewismus und Juden nach Goebbelsschem Rezept in einen Topf zu werfen. Anderseit waren es wiederum die „Fremdstämmigen“, die beim Ansturm der Intellektuellen gegen den Stalinismus in der vordersten Reihe standen, so die Schriftsteller Slonimski, Jastrun und Brzechwa. Innerhalb der PZPR traten die einstigen Sozialisten Hochfeld und Drobner besonders für die Forderungen der Oktobererhebung ein und Gomulkas Erfolg wurde durch das Verhalten des Befehlshabers der Innenarmee, General Komar, auch eines „Nichtariers“, entschieden. So durften also die Stalinisten ihrerseits den jüdischen „Verrätern“ grollen. Aus alldem hat sich eine paradoxe Situation herausgeschält. Das jetzige Regime verurteilt den Antisemitismus aufs schärfste, ln der gesamten Presse, vom katholischen ,,Tygod- nik Powszechny“, der als Sprachrohr Kardinal Wyszyriskis und des Episkopats gilt, über die Organe der Intellektuellen („Przegląd Kulturalny", „Nowa Kultura") und der Studentenschaft („Po Prostu“) bis zum kommunistischen Hauptmoniteur „Trybuna Ludu“, sind scharfe Zurechtweisungen des Rassenhasses zu lesen gewesen und noch zu lesen. Juden üben weiterhin in Polen wichtige Funktionen aus. Zambrowski sitzt im nun neungliedrigen Politbüro, der Demokrat Chajn in der Rada Paristwa, dem kollektiven Staatsoberhaupt; Hochfeld ist einer der beiden Vizepräsidenten der PZPR, Slonimski wurde an die Spitze des Schriftstellerverbandes gewählt; des Umstandes nicht zu vergessen, daß Gomulkas Gattin jüdischer Abkunft ist.

Doch das Streben derselben Parteikreise, die dem seit Oktober 1956 waltenden Ersten Sekretär alle erdenklichen Schwierigkeiten machen und an deren Abkehr vom Stalinismus niemand ernstlich glaubt, geht nach wie Vor dahin, die Juden aus den irgendwie bedeutsamen Positionen zu entfernen, sie aus dem politischen Leben auszuschalten. Gomulka, der — vermutlich seinen ursprünglichen Absichten sehr entgegen — einen Teil der ehemaligen (?) Stalinisten mitschleppen muß, hat diesem Begehren in einigem nachgegeben. So wurden zwei der wichtigsten Wojwodschaftssekretariate der PZPR

ihren nicht rassereinen Leitern abgenommen. Der anfangs für die hohe Würde des Sejmmarschalls (Vorsitzenden des Reichstags) in Aussicht genommene Krakauer sozialistische Veteran Drobner wurde infolge seines Geburtsfehlers nicht zu dieser Stellung zugelassen. Auf der Kandidatenliste der Nationalen Front finden sich, gemessen an den Zuständen von 1945 bis 1955, nur wenig Juden; allerdings noch immer mehr — über ein Prozent — als das dem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspräche. Es ist öfter zu antisemitischen Krawallen gekommen, zumal in den Westgebieten und in den Schulen ereignen sich Zwischenfälle. Die Mahnungen und der Tadel, sei es des Klerus, sei es der Angehörigen des kommunistischen Parteiapparats, vermögen daran so wenig zu ändern wie an der

Stimmung der Erwachsenen, die einmal vom antisemitischen Bazillus angesteckt sind. Die schlimme Wirtschaftslage, zu der die verhältnismäßig günstigere Situation der Intellektuellen — also in den Augen vieler geistig und materiell Enterbter: der Juden — in Gegensatz beharrt, trägt das ihre dazu bei, eine Propaganda von Mund zu Mund zu fördern, die seitens der nach Rückkehr an die Alleinmacht verlangenden Stalinisten verbreitet wird. Dieser Agitation dienen antisemitische Schlagworte als probate Mittel. Sie stößt aber auf energischen Widerstand der gesamten geistigen Elite des Landes — ein paar Ausnahmen sind ohne Belang — und sie vermöchte nur im Falle eines von außen her in Polen entfachten Chaos ihre verderbliche Wirkung auszuüben.

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