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Unbequeme Mahner

Wie steht es um Österreich? Heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn des ersten Weltkrieges, dreißig Jahre nach dem Bürgerkrieg von 1934, stellt sich uns diese Frage hart und unerbittlich, so hart, daß viele sie gerne überhören.

Die Jahre der Täuschungen und der Selbsttäuschungen sind vorbei — die Jahre der „schönen” Redensarten. Wer glaubt unseren Politikern auch wenn sie es ehrlich meinen mögen —, wenn sie von „Österreich” reden? Was bedeutet ihnen und uns — denn wir alle sind für unsere Politiker, unsere Parteien unsere Regierung mitverantwortlich Österreich? Ist Österreich die „Sache” oder gar das Eigentum dieses oder jenes Interessenverbandes, gar einer Partei? Ist Österreich ein Slogan, den man zur Wahlzeit an die Litfaß-Säulen klebt, in Rundfunk und Fernsehen strapaziert?

Für sehr viele Österreicher ist das Vaterland heute der Rahmen für eine Konsumgesellschaft, in der man sich etabliert hat, um deren Bestand man aber fürchtet. Man kann es kaum erwarten, daß diese Konsumgesellschaft fest, fix und fertig, in eine noch viel größere Konsumgesellschaft verpackt wird.

Man spricht von „Wirtschaft” und meint Politik. Man spricht von „Europa” und meint den Anschluß an eine Art „Achse” (wenigstens bis vor kurzer Zeit; seither sind die Dinge wieder ins Fließen geraten…). Man spricht von „Demokratie” und meint die Sache des privaten Egoismus. Man spricht von Vergangenheit und Tradition, und man übersieht bereits die allernächste Vergangenheit, den Kampf und die Kämpfer um Österreichs Befreiung und Wiedergeburt. All das wird überschwiegen, überlogen, verleugnet, denunziert.

Der an sich gut gemachte und in sehr hoher Auflage publizierte „Österreichführer” des ÖAMTC, einer repräsentativen Organisation auch im guten Sinne, gewichtig durch die Zahl seiner Mitglieder und führenden Persönlichkeiten —, übersah in seiner überaus gewissenhaften Bestandsaufnahme und Schilderung selbst kleiner und kleinster Orte und Ortschaften in Österreich Mauthausen. Nicht etwa der Ort blieb unerwähnt, wohl aber jenes Mauthausen, in dem eine europäisehe Elite und hunderttausende „einfache” Menschen geschunden wurden und ums Leben kamen. Die „Hölle von Mauthausen” ist von Priestern, Theologen, christlichsozialen Politikern, von Sozialisten und Kommunisten aus vielen Nationen, nicht zuletzt von Österreichern, erlitten und — so sie überlebten — beschrieben worden. Hier wurde sie übersehen. Gewiß, die Zeitschrift des ÖAMTC hat sich nachträglich für dieses Übersehen entschuldigt. Um nicht mißverstanden zu werden: Kein einzelner, kein Verband soll hier belastet werden, sondern wir selbst. Wir belasten Österreichs Zukunft, gefährden sie und uns selbst durch das „Übersehen” unserer Vergangenheit.

Man darf wohl anerkennen, daß in den letzten Jahren Bemühungen unternommen worden sind, um Österreichs jüngste Vergangenheit ln Schule, Unterricht, Forschung in das Wissen und Gewissen der Gegenwart einzuführen. In diesen letzten Jahren sind aber auch viele Masken gefallen, die nach 1945 zunächst getragen wurden: Offen und ohne jede Scham kann man in Schrift und Wort über Österreichs Widerstand, über die Menschen, die ihn leisteten, die bösartigsten und gemeinsten Verleumdungen in der Öffentlichkeit verbreiten. In keinem anderen Lande der Welt, das etwas auf seine Vergangenheit hält — und auf seine Zukunft —, wäre das möglich.

Wohl ist es gestattet, an einigen wenigen Orten, selten genug, jene Männer, Frauen und Jugendliche zu ehren, die für Österreich ihr Leben geopfert haben.

Wir leben im Zeitalter des Sozial- tourismus. Viele Österreicher kennen heute (nicht nur durch den letzten Krieg) Italien und Frankreich. Von Ort zu Ort, von Straße zu Straße, von Stadt zu Stadt geleiten uns dort, bis in die einsamsten Bergdörfer hinauf, die Erinnerungsmale für Patrioten, die im Widerstand — gegen ihre eigene Regierung und gegen Hitler — fielen. Dort drüben, jenseits unserer Grenzen, weiß man, daß es ohne Erinnerung an die Vergangenheit keinen energischen Kampf um die Zukunft gibt.

Die Wiedergeburt eines österreichischen Patriotismus — viele Österreicher kannten ihn vorher nicht — begann unter Verfolgungen, im Kerker, angesichts des Galgens. Menschen mit gegensätzlichen politischen Überzeugungen und unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen haben damals ihre glühende Liebe zur Heimat, zum Volk, zu Österreich entdeckt und wdedergefunden, soweit sie nicht bereits als überzeugte Österreicher in die Kerker geworfen worden waren. Es gehört zu dem Eindrucksvollsten der hier vorgelegten Dokumentation: Ein unsichtbares Band umschloß vom März 1938 bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches Österreicher aus allen Lagern. Einstmals hat man stolz gesagt: „In deinem Lager ist Österreich.” 1938 bis 1945 konnte man feststellen: In Hitlers Kerkern ist Österreich! Im Völkerkerker des Dritten Reiches fanden sich Menschen aus fast allen Nationen Europas, fanden sich Österreicher, die sich zuvor nicht finden konnten, da sie einander nicht ins Gesicht sahen, sich nicht die Hand geben konnten, kein gutes Wort fanden.

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