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..und Einweisung in ein Arbeitshaus..

ES IST EINE HEITERE LANDSCHAFT, hier vor der Mündung des Inns. Ihre Auen mit dem Silbergewölk der Weiden und Erlen, wenn die Sonne das Laub trifft, die Weite des bayrischen Ufers mit Wiesen, Feldern und Wäldern, dahinter die Gebirgskette der Alpen. Und die vielen lieblichen Ortschaften hüben und drüben, mit den Zwiebeln ihrer Turmhelme — ein Bild des Friedens.

Einst, zu den Zeiten der Römer, lief am rechten Ufer des Innflusses eine Straße nach Schärding und Passau. Sie war befestigt durch Burgen und Wachttürme, von denen man die Schiffahrt beobachten konnte. Auch Suben war ein solcher Befestigungspunkt. Nach den Wirren der Völkerwanderung kamen die Bayern, und mit ihnen zog das Christentum in die Gegend ein. Der heilige Severin ging die Straße von Passau herab, nach Lauriacum, dem heutigen Lorch bei Enns. Die Agilolfinger, dieses bayrische Herzogsgeschlecht, gründeten hier viele Klöster. Auch Suben erhielt eine solche Stiftung. Unter Joseph II. — 1779 fiel das Innviertel von Bayern an Oesterreich — wurde das Stift, das, so wie heute noch im nahen Reichersberg und in St. Florian bei Linz, die Augustinerchorherren innegehabt hatten, aufgelöst. Der Klostersturm zu Ende des 18. Jahrhunderts wütete insbesondere in Oberösterreich. Einige Jahre nachher, 1792, bekam der Generalvikar des Bistums Linz, Finetti, Stift und Herrschaft Suben als Realdotation. Nach seinem Tode im Jahre 1802 zog der Staat Stift und Herrschaft Suben ein. Dann besetzte Napoleon den Landstrich und .schenkte. Suben dem bayrischen MdirfarschaH Fürsten Wrede. Seine;; .NachJrqiien verkauften 1855 den Besitz — das Iniiviertel gehörte seit 1816 endgültig zu Oesterreich — an den k. k. Strafhausfonds. Das Kloster wurde zuerst Frauenstrafgefängnis, zehn Jahre später Männerstrafhaus. Seit 193'2 ist es Arbeitshaus für Männer.

Für seinen heutigen Zweck ist es baulich verändert worden, jedoch unter der Hut des Bundes-denkmalamtes des Schutzes aller seiner kunstvollen Teile siehe'. Auch hat der neue Direktor des Arbeitshauses, Erich Zanzin-g e r, großes Verständnis für diese Werte. Seine Erneuerungen passen sich der ganzen Anlage von einst an, ja sie zielen darauf ab, wieder jene Einheit herbeizuführen, die durch Zweckbauten entstellt worden ist.

In das Männerarbeitshaus Suben werden alle jene Gesetzesübertreter eingewiesen, die nach mehreren, int einer Strafanstalt verbüßten Strafen noch fünf Jahre lang in einem Arbeitshaus anzuhalten sind. Die „leichteren“ Fälle mit dreijährigem Aufenthalt gehören dem Arbeitshaus Göllersdorf in Niederösterreich zu.

„NACH SUBEN KOMMEN“ gilt im Volksmund genau so viel, wie in einer Strafanstalt die im Urteil ausgesprochene Haft absitzen. Nach dem Gesetz besteht aber ein Unterschied zwischen Arbeitshaus' und Strafanstalt. Der Zweck des Arbeitshauses geht aus der Hausordnung in Suben hervor. Es heißt dort: „Der Aufenthalt im Arbeitshaus dient dem Zweck, den Hausinsassen geistig und sittlich zu heben und an einen rechtschaffenen und arbeitsamen Lebenswandel zu gewöhnen “ Das Arbeitshaus bezweckt also von vornherein, den, Gestrauchelten wieder in die Gesellschaft als ordentliches Mitglied zurückzuführen. Das Strafgefängnis dient nur der Abbüßung der Strafe.

Daß hinsichtlich der Inhaftierten — man spricht beim Arbeitshaus nicht von Sträflingen, sondern von Insassen — oftmals nur wenig oder gar kein Unterschied besteht, ist bei der Lage der Dinge verständlich. Ins Arbeitshaus wird-ja, wie schon erwähnt, nur eingeliefert, wer bereits mehrere Gefängnisstrafen verbüßt hat. Das geht oft bis zu zwanzig oder dreißig Vorstrafen, ja noch mehr. Die meisten Arbeitshausinsassen haben kein Familienleben gekannt, viele sind schon im jugendlichen Alter mit dem Gesetz in Konflikt geraten und in Kaiser-Ebersdorf gewesen. Viele werden auch, wenn sie wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden sind, bald wieder rückfällig und kommen dann ins Arbeitshaus zurück. Vorzeitige Entlassung ist mit einer bestimmten Bewährungsfrist! verbunden.

Der Prozentsatz jener, die wirklich gebessert werden und dann nie mehr mit dem Arbeitshaus in Berührung gelangen, ist verhältnismäßig gering. Trotzdem darf in einer Gesellschaft, die nicht zuletzt als eine christliche bestehen -will, nichts unversucht gelassen werden, das Ziel des Arbeitshauses zu erreichen., ;'..-.'..

Direktor Zanzinger versucht dies —• bei aller Disziplin' — nach den verschiedensten neuen Methoden. Er stattet von Jahr zu' Jahr die Schlafräume und Zellen der Insassen besser aus. Der Finbau einer kleinen Radiozentrale mit Anschlüssen in allen Räumen hat sich insofern als günstig erwiesen, als es nun durch eine Auswahl aus dem Radioprogramm möglich ist, Bildung und gute Unterhaltung zu vermitteln. Eine Bühne — man hat sie scherzhafterweise das Keller-Zellen-Theater von Suben benannt — ist eingerichtet, auf der von den Insassen Stücke verschiedenster Art, auch recht problematische, gebracht werden. Manchmal hat sie sogar ein begabter Hausangehöriger geschrieben. In diesem Herbst werden die Kurse der Volkshochschule Schärding in Maschinenschreiben, Stenographie und Buchhaltung beginnen und sonstige belehrende Vorträge gehalten werden. Ein Sportplatz ist im Entstehen begriffen. Die Bücherei, lauter gute Werke, mit rund 10.000 Bänden, Spenden aus ganz Oesterreich, ist wohl die größte Bibliothek, die in österreichischen Strafanstalten und Arbeitshäusern vorhanden ist. Sie wird von den Insassen rege beansprucht.

Gerade die Freizeit der Insassen muß ausgefüllt sein. Hier sitzt der Feind der Menschheit. (Wir sehen es ja auch in unserem-alltäglichen Leben.) Wenn diese Männer einer furchtbaren Langeweile ausgesetzt sind, die sie dann — und zwar sind es immer die Gefährlichsten, die Abgebrühtesten — dazu verwenden, die Jüngeren, weniger Hartgesottenen über die Art aufzuklären, wie man Gesetze übertritt, ohne die längste

Zeit aufzufallen, so ist mit einem Aufenthalt im Arbeitshaus gar nichts getan. Was die tägliche Arbeit an innerem Auftrieb in dem einzelnen erzielt,' wird dann am Abend bei solchen Erzählungen wieder zur Gänze vernichtet. ,

TAGSÜBER WIRD GEARBEITET. Das Arbeitshaus Suben ist beinahe autark. Es hat die verschiedensten Werkstätten„ Schlosserei, Tischlerei, Korbflechterei, Weberei, Buchbinderei und so weiter, die Wäscherei ist automatisiert, und in der Küche arbeiten natürlich auch Insassen.

Die meisten müssen angelernt werden, und schon mancher ist als fertiger Tischler wieder in die Welt draußen vor den Toren von Suben getreten. Allerdings zählen diese Jahre nicht als Lehrjahre. Der einzelne kann dann nur als Hilfsarbeiter in dem erlernten Handwerk tätig sein. Derzeit hat das Arbeitshaus Suben sogar einen Kunstakademiker, einen Graphiker, der für einschlägige Arbeiten herangezogen wird.

Für die Arbeitsunwilligen ist die Strafe der Korrektion, der Absonderung in einer „harten“ Einzelzelle, vorgesehen; sie schließt alle Vergünstigungen, wie zum Beispiel das Rauchen, aus.

Es ist erschütternd, wenn man erlebt, daß ein Mensch von 28 Jahren lieber in diese Korrektionszelle geht, anstatt daß er arbeitet. Aber er hat kein Elternhaus gekannt, ist nie zu einer Arbeit angehalten worden. Er ist auf der Straße aufgewachsen und hat immer herumgelungert. Anderseits berührt es niederschmetternd, wenn ein Sechzigjähriger mit dreißig Vorstrafen und x-maligem Aufenthalt im Arbeitshaus sofort nach seinem Einstand nach der Korrektionszelle verlangt, weil er nichts arbeiten wolle. Das Bild vom Menschen als der Krone der Schöpfung zerfließt, die nackte Kreatur in ihrem Ich-Trieb bleckt uns an, jede sittliche Ordnung, jede Ethik geht unter in Anarchie und Nihilismus. Plötzlich erkennt man mit aller Deutlichkeit, daß ohne die Schranke des Gesetzes unsere Welt verloren wäre; es herrschte Zerstörung. Das Chaos bräche an.

Aber müssen wir uns nicht immer wieder fragen: Ist an diesen verpfuschten Leben nicht auch zum Teil die Oeffentlichkeit, die Gesellschaft schuld? Ist nicht jeder-einzelne von uns schuld?

Vergegenwärtigen wir i ; einmal die Situation!

DA KOMMT EINER AUS DEM ARBEITSHAUS und ist willens, wieder zu arbeiten, ein rechtschaffener Mann zu werden. Aber alle stoßen ihn zurück. Auch du und ich. Nun geht er, nach immer neuen Versuchen, gegen die Umwelt anzukämpfen, hin und stiehlt, damit er wieder ins Arbeitshaus kommt. Die Gesellschaft will ihn nicht mehr, aber im Arbeitshaus hat er ein Dach über dem Kopf.

Freilich, er ist nicht frei. Ueberau stößt er an Gitter und Türen, und hinter ihm wird sofort der Schlüssel umgedreht.

Er bemüht sich also, ein guter Arbeitshausirisasse zu sein„ um vorzeitig entlassen zu werden; dehn' die /Freiheit geht über alles. Er weiß es. Er hat schon vergessen, daß man ihn draußen nicht haben wollte, daß seine Kollegen an der Werkbank gegen ihn aufstanden, sobald sie erfahren hatten, daß er aus dem Arbeitshaus gekommen sei. Und draußen? Vielleicht hat er diesmal Glück und kommt bei den Menschen, in der Gesellschaft, an.

Ein Circulus vitiosus. Manchmal glückt der Ausbruch in die Freiheit, man behält ihn.

Erfreulich ist, daß sich in letzter Zeit — und auch das ist ein Verdienst Direktor Zanzingers — die Arbeitsämter um die Einstellung ehemaliger Arbeitshausinsassen sehr bemühen. Und doppelt erfreulich ist, daß sich diese ehemaligen Arbeitshausinsassen auch bewähren.

FLUCHT ODER AUSBRUCH aus dem Arbeitshaus Suben ist in den letzten Jahren nicht vorgekommen. Auch keine Revolte. Das heißt nicht, daß es den Insassen „zu gut“ geht. Solche Ansichten werden in der Oeffentlichkeit des öfteren verfochten. Der Mensch hat aber, das muß nochmals betont werden, am nötigsten die Freiheit. Ohne Freiheit ist er kein Mensch. Daß er die Freiheit verloren hat, besagt nicht, daß er sie nicht mehr verdiente. Der Strafvollzug im Arbeitshaus gehört demnach mit zu den Methoden unserer Justiz, Menschen, die sich gegen das Gesetz vergangen haben und nach mehreren Aufenthalten in Strafanstalten ins Arbeitshaus gekommen sind, für die Freiheit zu erziehen. Meist wurde dies bei ihnen früher versäumt. Jetzt ist diese Erziehung nachzuholen. Im Arbeitshaus Suben waltet ein Geist, der imstande ist, Gesetzesübertreter wieder auf den richtigen Weg zurückzuführen, ja sie überhaupt auf ihn zu führen. Bedenken wir stets, daß die meisten Arbeitshausinsassen kein Elternhaus, kein Familienleben gekannt haben! Vielleicht ist der eine oder andere noch für die Gesellschaft zu retten.

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