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"Ungarn war keinen Atomkrieg wert!"

Fragen über Fragen sind auch 50 Jahre nach dem Ungarn-Aufstand geblieben. Vor allem: Warum hat der Westen untätig zugeschaut?

Ein halbes Jahrhundert nach der ungarischen Revolution ist es in unserem formal medienoffenen Zeitalter verwunderlich, dass viele Fragen in Zusammenhang mit diesem wichtigen Ereignis nicht nur nicht beantwortet, sondern zum Teil nicht einmal gestellt werden. Daran ändert wenig, dass Teile der Archive, seltsamerweise mehr noch in Russland als in den USA, zugänglich sind. Im ehemaligen Jugoslawien, das eine wichtige Rolle als quasi unabhängiger, de facto stark involvierter Faktor gespielt hat, sind Archive teils noch immer gesperrt, teils in totalem Chaos, aber auch in Österreich gelingt es keineswegs, die Neugier gänzlich zu befriedigen.

Für mich als Journalisten war das Geschehen in Ungarn 1956 das Gesellenstück. Im Juli war ich Gast der Jugendzeitung Szabad Ifság (Freie Jugend), konnte die aufregende Tätigkeit des so genannten "Peto DDfi-Kreises" beobachten und wie es im Lande zu gären begann. Im Laufe des Aufstandes war ich Sonderberichterstatter einer Belgrader Wochenzeitung. Mein Vorteil war, dass ich seit meiner Kindheit ungarisch spreche und Freunde auf beiden Seiten der Barrikaden hatte.

Kádár: Henker der Ungarn?

Das einprägendste Erlebnis hatte ich am 29. Oktober 1956. Gemeinsam mit drei anderen jugoslawischen Journalisten warteten wir auf den nach Ausbruch des Aufstands zum Ministerpräsidenten berufenen Reformkommunisten Imre Nagy, dann hieß es, er könne nicht kommen, aber Genosse János Kádár wolle uns empfangen. Vor diesem Gespräch glaubten wir, die Russen zögen sich aus Ungarn zurück, Nagy und Kádár seien ein Herz und eine Seele, doch mit beiden Einschätzungen lagen wir falsch. Kádár eröffnete uns, so gehe es nicht weiter und sagte: "Wenn ich die Russen zurückrufe, gelange ich als Henker des ungarischen Volkes in die Geschichte ... Berichtet den Genossen in Jugoslawien, die Sache des Sozialismus in Ungarn sei so und so verloren!" Einer von uns warnte: "Das haben Sie doch nicht Journalisten gesagt!" Kádár antwortete: "Wenn ich jugoslawischen Kommunisten etwas sage, weiß ich, dass sie es nicht missbrauchen werden!" Wir veröffentlichten seine Botschaft nicht, hatten kein Vertrauen in irgendeine Vermittlung. Zwei von uns setzten sich sofort ins Auto und fuhren an die Grenze und gaben den Bericht dem Parteisekretär der Provinz Woiwodina. Dieser hat ihn sicher an Tito weitergeleitet.

Unauffindbarer Nagy-Koffer

Dreißig Jahre später erinnerte ich Kádár über die ungarische Botschaft in Belgrad an diesen Abend und bat um ein Interview und Zustimmung zur Veröffentlichung. Er ließ mir über den Botschafter ausrichten, er habe keine Zeit, aber an unser Gespräch erinnere er sich. Ich habe das für mich als Bestätigung ausgelegt. Mit Hilfe einer Belgrader Historikerin habe ich nach diesem Bericht in verschiedenen Archiven gesucht und bin nicht fündig geworden. Keineswegs das einzige, was in Belgrad unauffindbar ist: Imre Nagy hat am 4. November 1956 einen Koffer mit Dokumenten in die jugoslawische Botschaft gebracht. Der Staatssekretär im Belgrader Außenministerium, der im Laufe des Monats mit Kádár über das Schicksal Nagys verhandelt hat, bestätigte mir, dass er ihn nach Belgrad mitgenommen hat - doch bisher ist er unauffindbar.

Die Unruhe in Ungarn war von Kreisen ausgegangen, die wir heute als reformistisch-kommunistisch bezeichnen könnten. Sie waren vom "jugoslawischen Beispiel", von der Selbständigkeit der Politik Titos, inspiriert. Zum größten Teil war das Illusion, man sollte aber nicht vergessen, dass im Laufe stalinistischer Schauprozesse in Ungarn 1953 die Opfer, an erster Stelle Lászl\0xF3 Rajk, als "titoistische Spione" zum Tode verurteilt wurden.

Mitten im Laufe der ungarischen Revolution flog der sowjetische Staats-und Parteichef Nikita Chruschtschow am 2. November für eine Nacht geheim zu Tito auf die Insel Brioni, was erst fast zwei Jahrzehnte später bekannt wurde. Dem schlauen Ukrainer muss es dort gelungen sein, Tito über den Tisch zu ziehen. Denn am Vor-abend der ungarischen Revolution schien die Politik Belgrads gegenüber Budapest lapidar gesagt "sympathisierend", danach, besonders nachdem Imre Nagy, der mit Mitarbeitern und Familie in der jugoslawischen Botschaft politisches Asyl gefunden hatte, von dort aus in den Kerker und an den Galgen gehen musste, war das Gegenteil eingetreten.

"Echte Ungarn" gegen Juden

Fast nie wird erwähnt, dass die von Stalin eingesetzten Führer Ungarns, an erster Stelle Rákosi, Gero DD und Farkas, Juden waren, der genannte Rajk und später Imre Nagy jedoch "waschechte" Ungarn. In Ungarn nährte das die während des Aufstandes tragisch werdende Symbiose von Antikommunismus und Antisemitismus. Es ist peinlich, aber nicht wegzureden, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe: Es gab in Budapest im Oktober 1956 Aufschriften wie "Hängt Juden und Kommunisten!"

Im Laufe der ersten Woche des Aufstands wurde die Lage immer unübersichtlicher. Neben Studenten und Schriftstellern, die am 23. Oktober die Demonstrationen begonnen haben, schon in der ersten Nacht Waffen besaßen und in Kämpfe auch mit russischen Panzern verwickelt wurden, begannen auch andere Strömungen die Richtung zu bestimmen. Unter ihnen gab es Verlierer des stalinistischen Systems, Vertreter der enteigneten Großgrundbesitzer und reiche Bürger, aber auch Abenteurer, Offiziere des ehemaligen Horthy-Regimes, die die Ergebnisse nicht nur des Zweiten, sondern möglichst gleich auch des Ersten Weltkrieges in Frage stellen wollten und sich nach einem Ungarn der "Sankt-Stefan-Krone" sehnten, zu dem große Teile der Slowakei, Rumäniens und Jugoslawiens gehören sollten. Das wird meist totgeschwiegen.

Heroismus & Lynchjustiz

Der Aufstand trug einerseits heroische Züge, andererseits aber führte er zu Lynchjustiz, Mord und Todesfolter auf offener Straße an Menschen, die von Passanten beschuldigt wurden, Angehörige der verhassten Geheimpolizei AVH zu sein.

Die Regierung Nagy wurde dieser Lage nicht Herr, konnte sich auf keine bewaffneten Formationen verlassen, bildete sich selbst fast jeden Tag um und fürchtete um die eigene Sicherheit. Eine der wesentlichen Fragen, die zurzeit nicht gestellt werden, ist, ob sich die Regierung Nagy bis zu einer Beruhigung der Situation und freien Wahlen - die sie versprochen hatte - hätte halten können, wenn es nicht zur brutalen Intervention der Sowjets ab dem 4. November gekommen wäre.

Geistlicher Hoffnungsträger

In Ungarn gab es einen "Hoffnungsträger der anderen Seite", aber über ihn und seine Ideen wird wenig nachgedacht, seine Pläne, vielleicht auch Fehler und die Einflüsse auf ihn werden nicht analysiert. Es geht um den Primas der römisch-katholischen Kirche in Ungarn, Kardinal Jozsef Mindszenty, der vom Regime Rákosi zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und nach Beginn des Aufstands von ungarischen Soldaten nach Budapest begleitet wurde.

Öffentlich hatte der Kardinal erklärt, er bete nicht nur, sondern stelle sich seinem Vaterland zur Verfügung. Zwischen den beiden Weltkriegen nannte sich Ungarn "Königreich ohne König" und der Diktator Miklas Horthy trug den Titel eines "Regenten". Auf Grund alter Tradition war in Ungarn der Primas und Bischof von Esztergom in Abwesenheit des Königs Regent. Hat Kardinal Mindszenty dieses weltliche Amt übernehmen wollen? Er hat erklärt, er würde Reformkommunisten aus dem Lager von Nagy in einer Übergangsregierung willkommen heißen. Eine öffentliche Rede zur Lage der Nation, die er angekündigt hatte, konnte er nicht mehr halten, sondern musste sich vor den Russen in die US-Botschaft retten. Gibt es in den Archiven des Vatikans zu diesem Thema interessante, bisher unveröffentlichte Dokumente.

USA, NATO, Sowjetunion?

Hat es eine offizielle Absprache zwischen Washington und Moskau gegeben, dass sich Amerika und die NATO in Ungarn nicht einmischen werden? Dafür gibt es viele Indizien. Ich bin überzeugt davon, dass es sie gegeben hat, Dokumente darüber sind noch nicht aufgetaucht. Der frühere US-Außenminister Kissinger sagte, man habe sich vor einem Atomkrieg gefürchtet, das sei Ungarn nicht wert gewesen. Aber wieso waren sich die Russen so sicher, dass sie tun durften, was sie wollten? Waren die Demonstrationen in Ungarn ab dem 23. Oktober wirklich spontan? Manches spricht dafür, dass es eine Zentrale gegeben hat.

Sind die Russen verantwortlich für die Lynchaktionen gegen Kommunisten in Budapest, weil sie diese als Anlass für ihr Eingreifen brauchten? Ich glaube, so muss es gewesen sein, aber ich habe keine Dokumente gesehen, mit denen sich meine Vermutungen nachweisen ließen. Fragen über Fragen. Man muss sie stellen.

Der Autor lebt als Schriftsteller in Belgrad und Wien.

Buchtipp:

EIN UNGARISCHER HERBST

Roman von Ivan Ivanji

Picus Verlag, Wien 1995

234 Seiten, geb., e 21,90,-

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