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Utopie?

Immer wenn Stimmen gegen den Sport oder wenigstens gegen gewisse Sportveranstaltungen laut werden, verweist die Gegenseite auf die „völkerverbindende Mission“. Man beschwört das Ideal des Gedankenaustausches zwischen den Wettkämpfern verschiedener Länder, man schwärmt vom gegenseitigen Verständnis, und wer diesen Slogans Glauben schenkt, muß sich eigentlich nur wundern, daß es trotz Sport immer noch Streit, Zank, Konflikte und Krieg gibt.

Die Olympischen Spiele, so wie sie 1894 von Pierre de Coubertin ins Leben gerufen wurden, erstrebten wirklich nichts anderes, als die Förderung des gegenseitigen Verständnisses und der körperlichen Ertüchtigung. Beides war aber auf den einzelnen Wettkämpfer ausgerichtet und nicht auf das Land, dessen Paß er zufällig besitzt. Damals gab es denn auch noch keine Nationalhymnen, und die Forderung, daß jeder Teilnehmer ein echter Amateur sein müsse, wollte die Einmischung von „Pressure groups“ ausschalten.

Inzwischen haben sich die Zeiten gewandelt. Seit Jahrzehnten ziehen die Wettkämpfer stolz hinter ihrer Nationalflagge marschierend ins olymipsche Stadion ein. Schon hier will man Stimmung machen, denn die Mannschaft mit den schönsten, schneidigsten oder vielleicht auch auffallendsten Uniformen erringt die Titelseiten der auflagenstarken Illustrierten. Warum aber überhaupt Uniformen, wo doch nach dem Sinn Coubertins die Einzelleistung zählen soll?

Und warum über dem Stadion die große Anzeigentafel, die stets und zu jeder Minute festhält, wie viele Gold-, Silber- oder Bronzemedaillen diesem oder jenem Land zuerkannt worden sind? Was kann das Land dafür? Ist die Leistung des einzelnen Kämpfers etwa aus Yemen, der ganz allein hinter seiner Landesfahne marschiert, nicht schon deshalb höher zu werten, weil er nicht die Vorteile der großen und starken Nationalorganisation hinter sich spürt?

Ein Blick auf die Verteilung der Siegesmedaillen der früheren Olympischen Spiele muß doch nachdenklich stimmen. Bis zum Jahre 1932 standen fast immer die Vereinigten Staaten von Amerika an erster Stelle, zuletzt noch mit 53 Goldmedaillen gegen 13, die an Italien gingen, und 12, die Frankreich zuteil wurden. 1936, als in Deutschland seit zwei Jahren Hitler an der Macht war, fanden die Olympischen Sommerspiele in Berlin statt und brachten dem Dritten Reich 42 Goldmedaillen ein. Die USA mußten sich mit 25 begnügen und wurden von Ungarn gefolgt, das zehn dieser Tro-phäen erringen konnte. Nach dem zweiten Weltkrieg standen dann — fast möchte man sagen: selbstverständlich — die Vereinigten Staaten wieder an erster Stelle, bis ihnen 1956 (!) die Sowjetunion den Rang ablief. 1964 vermochten die USA die Sowjetunion wieder auf den zweiten Platz zu verweisen, und so geschah es auch diesmal.

Ob es nicht besser wäre, alle Nationalfahnen und Equipenuniformen, alle Landeshymnen und jeden Nationalapplaus verschwinden zu lassen? Nur der einzelne Kämpfer sollte geehrt werden, feierlich, mit Medaille und olympischer Hymne, und nicht nur die drei ersten sollten antreten dürfen, sondern alle, die die Disziplin durchgestanden haben, denn — wie heißt es doch so schön? — dabei zu sein ist wichtiger als siegen.

Aber dies ist eine Utopie, mindestens für die nächsten paar Jahrzehnte oder bis olympische Spiele zwischen den Planeten durchgeführt werden und sich die Erde auf eine einzige Erdhymne einigen muß! Bis dahin wird es wohl oder übel bei den nationalen Equipen bleiben. Aber warum soll denn zum Beispiel Österreich mit seinen siebeneinhalb Millionen oder die Schweiz mit ihren etwa fünfeinhalb Millionen Einwohnern den Supermächten mit ihren mehr als zweihundert Millionen gleichgesetzt werden? Ein mathematischer Schlüssel drängt sich auf: ein US-Kämpfer würde mit einer, ein österreichischer aber mit etwa 28 Medaillen bedacht, ein Westdeutscher demgemäß mit etwa vier! Dann soll man die Addition an der großen Anzeigentafel ausführen!

Ist etwa auch das eine Utopie? Sicher! So bleibt nur eines: die eigenen Wettkämpfer bei ihrer Rückkehr entsprechend empfangen. Sie haben einen dreißigmal stärkeren Applaus verdient!

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