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Volk, Staat, Nation (in)

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1945 sah ein anderes Österreich als 1918. Damals ging den Österreichern eine Welt unter, diesmal wurde ihnen in Not und Trümmern ein Vaterland wiedergeboren. Das war nun kein Staat mehr, den „keiner wollte“. Das Blut der Opfer des großdeutschen Traumes, gleichgültig, ob es auf den Richtstätten des Dritten Reiches, in den Lagern der Gewalt oder auf den Schlachtfeldern geflossen war, ebenso wie der Wille des österreichischen Volkes, daß Österreich in Zukunft nur den Österreichern gehören sollte, sprachen eine deutliche Sprache. Was lag näher, als dem wiedererstandenen Gemeinwesen auch ein sicheres geistiges Fundament zu legen. Was drängte sich mehr auf, als ein Ja zur österreichischen Eigenstaatlichkeit und Eigenständigkeit ohne Wenn und ohne Aber zu sprechen? Die Lehren der Geschichte waren eindeutig. Wenn aber Österreich — erinnern wir uns an Coudenhove- Kalergi — aus einer Frage eine Tatsache geworden war, dann schien es nicht nur gerechtfertigt, sondern auch durchaus übereinstimmend mit den Erkenntnissen der modernen Staatslehre, das Bekenntnis zum österreichischen Vaterland durch das zur österreichischen Nation zu bekräftigen. Das 19. Jahrhundert war endgültig abgeschlossen. Seine Kämpfe ausgekämpft. Der Österreicher brauchte nicht länger als Nestroys „Zerrissener“, als Mensch mit einem gespaltenen politischen Bewußtsein und einer doppelten Loyalität seinen Weg in Richtung auf das Jahr 2000, hinein in die am Horizont der Geschichte sich abzeichnende eine Welt anzutreten.

Durchbruch zur Klarheit

Und so sehen wir auch bei der ersten Gelegenheit, die inmitten der Forderungen des Alltags eine politische und geistige Gewissenserforschung nahelegte, Bundespräsident Dr. Renner am 22. Oktober 1946 ans Rednerpult treten. Es war anläßlich des Staatsaktes zur 950. Wiederkehr des Tages, an dem das erstemal der Name Österreich in der Geschichte genannt wurde, als der Mann, der wie so bald kein zweiter die Wege und Irrwege der Ersten Republik gegangen war, in der letzten Etappe seines Lebens angelangt, bekennt:

„Die Österreicher werden geradezu zu einer Nation internationalen Gepräges, in dieser Hinsicht gewissermaßen mit den Vereinigten Staaten zu vergleichen; das österreichische Volk, das die deutsche Sprache spricht, ist aber dem strengen Wortsinn nach kein deutscher Stamm, sondern mit vielen Völkern der nahen und fremden Umgebung verknüpft Die ausgeprägte und von allen anderen verschiedene Individualität gibt ihm das Recht, sich trotz der sprachlichen Gemeinschaft mit den Deutschen des Reiches als selbständige Nation zu erklären, wobei es trotzdem seinen Anteil an der Kultur der deutschen Nation, die es selbst so stark gefördert hat, in Anspruch nehmen darf.“

Dieses Bekenntnis wurde seither hundertfach in dieser oder jener Form wiederholt. Katholiken haben es abgelegt; Sozialisten haben es gesprochen. In dem theoretischen Organ der Österreichischen Volkspartei, den „Österreichischen Monatsheften“, war es genauso zu lesen wie in der sozialistischen „Zukunft“. Gewerkschaftler haben in ihren Publikationen ein ebenso klares „Ja“ gesprochen wie der „Wirschafts- Horizont“ Georg Mautner Markhofs. Das Votum der Kommunisten ist bekannt. Wollen Sie hören, was die Altkanzler Figl und Raab, was Bundesminister a. D. Drimmel gesprochen haben? Wie der „linke Flügelmann“ der SPÖ, Hindels, mit dem „Marx-Töter“ Nenning in dem Be kenntnis zur Nationswerdung Österreichs sich einig sind? Interessiert Sie die Stellungnahme Außenminister Kreiskys, Staatssekretär a. D. Withalms — um nur einige Namen zu nennen — zu unserem Thema? Zitate, Zitate, Zitate. Wir müssen sie uns versagen. Auch könnte der Einwand auftauchen, daß Politikerworte nicht unbedingt auf die Goldwaage zu legen sind, daß manche Erklärungen etwa in Graz nicht dieselben Akzente wie in Wien haben müssen. Wir kennen die Imponderabilien der Tagespolitik, den Blick auf den Kalender, wo der nächste Wahltermin eifigezeichnet ist, die echten oder angenommenen Rücksichten auf bestimmte Wählerschichten in den Randzonen der großen Parteien zur Genüge.

Drei Kronzeugen

Deshalb wollen wir vor allem dort Einkehr halten, wo solche Überlegungen ausgeschaltet werden können. Bei den Männern des Geistes und der Wissenschaft. Hier werden die geistigen Weichenstellungen vollzogen, auf die die Züge der Tagespolitik einschwenken. Ein Historiker, ein Völkerrechtler, ein Pädagoge — alles Männer mit ersten Namen — treten vor und geben uns über das nationale Selbstbekenntnis Österreichs in der Gegenwart Auskunft.

In dem Vorwort des von ihm herausgegebenen und bis heute durch kein anderes erreichten Standardwerkes „Geschichte der Republik Österreich“ schreibt Universitätsprofessor Dr. Heinrich Benedikt:

„Der von den Siegermächten von 1918 zu Paris geschaffene Staat war lange außerstande, ein österreichisches Volksbewußtsein zu erwecken. Nicht das Volk schafft den Staat, sondern der Staat das Volk. Erst die Schicksalsgemeinschaft der sieben Provinzen, die sich von der spanischen Herrschaft lossagten, ließ die holländische Nation erstehen Auch in Amerika ging die Bildung der Union dem Entstehen der Nation voraus. Die Gemeinsamkeit des Leidens unter H’tler hat das Österreichbewußtsein gestärkt, die österreichische Nation geschmiedet.“

Und der heutige Ordinarius für Völkerrecht an der Universität Wien, Botschafter Dr. Stefan Vero- sta, erkennt:

„Durch die Erfahrungen des Abwehrkampfes 1933 bis 1938 und die deutsche Besetzung 1938 bis 1945

belehrt, bejaht das österreichische Volk einmütig den Staat Österreich. Mit dem stärkeren österreichischen Selbstbewußtsein ist das für die Erfüllung eines Staatswesens v entbehrliche Staatsgefühl für den Staat Österreich in den breitesten Schichten der Bevölkerung geweckt und gestärkt worden. Das österreichische Selbstgefühl hat sich trotz oder gerade wegen der zahlreich erlittenen Unbilden bis zu einem eigenen österreichischen Nationalbewußtsein gesteigert.“

Den dritten Zeugen müssen wir aus dem Schattenreich zurückrufen. Der vor wenigen Monaten hochbetagt verstorbene Präsident der Akademie der Wissenschaften und Pädagoge von internationalem Rang, Hofrat Dr. Richard Meister, hielt, als 1962 auf der Expertentagung über Zeitgeschichte in Reichenau die Debatte auf eine zeitgemäße Interpretation des Nationalbegriffes kam, mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg:

„Es gibt aber auch wirkliche

Argumente der speziellen Gestaltung der österreichischen Nation im Sinne der Kulturgemeinschaft. Man sollte viel weniger mit dem negativen Argument operieren als mit dem positiven. Zum Beispiel: in meinem eigenen Gebiet, in der Pädagogik.“

Den Epilog spreche der Dichter und zugleich ein Vertreter der in die Zweite Republik hineingewachsenen und mit ihr gereiften Generation. Herbert Eisenreich (Jahrgang 1925) hat uns in seinem 1959 geschriebenen lesens- und beherzigenswerten Essay „Das schöpferische Mißtrauen“ oder „Ist Österreichs Literatur eine österreichische Literatur?“ einen hochbedeutsamen Beitrag zur geistigen und nationalen Standortbestimmung geschenkt. Es ist durchaus möglich, daß seine Ausführungen in nicht allzu langer Zeit einmal als Pendant zu Wildgans’ Stockholmer Rede angesehen werden. Eisenreich holt weit aus. Er bekennt sich zunächst zur Grillparzer- und Stifter-Generation, da er hier (mit Recht) den Beginn einer österreichischen Nationalliteratur wahrnimmt. Er geißelt mit bitteren Worten den Geist der Halbheit und Kleinmütigkeit des offiziellen Österreich entscheidenden Fragen unserer nationalen Existenz gegenüber. Ganz im Sinne des von Ignaz Zangerle geforderten „aufgeklärten Patriotismus“ klingt der Ruf:

„ Österreichs nationale Eigenart und Größe ist gerade dadurch entstanden, daß es, wie einst Athen, ein Umschlagplatz und Schmelztiegel der Ideen war. Wir halten jede Bereicherung, woher sie auch kommen mag, für wertvoll und wichtig. Wir plädieren dafür, das, was uns fehlt, aus dem Ausland zu beziehen. Optische Instrumente und Solidität aus Deutschland, Kamillentee und Gastfreundschaft aus den Balkanländern, Tabakspfeifen und Würde aus England, Jute und Toleranz aus Indien. Wir sind aber fanatische Gegner der neuerdings in Österreich feststellbaren Tendenz, eigene Werte preiszugeben, um sich wahllos mit solchen von scheinbar größerer Anziehungskraft zu kostümieren. Wir unterscheiden streng zwischen Angleichung, Nivellierung, Entpersönlichung einerseits, Austausch gegenseitiger Bereicherung und Befruchtung anderseits.“

Von seiner Generation aber bekennt Eisenreich:

„Die Schriftsteller dieser Generation wollen — und dadurch unterscheiden sie sich von den meisten der Zwischenkriegsgeneration — österreichische Schriftsteller sein: Gleichweit entfernt von unverbindlichem Internationalismus wie von engstirnigem Provinzialismus. Sie sehnen sich und streben darnach, der lautgewordene Geist (der Laut gewordene Geist) der Nation zu sein: also das, was jede große Literatur gewesen ist.“

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