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Vor 200 Jahren starb Robespierre unter der Guillotine: Ein Gedenktag, den Frankreich unter den Tisch fallen ließ. Welch Gegensatz zu den pompösen Revolutionsfeiern vor fünf Jahren...

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Vor 200 Jahren starb Robespierre unter der Guillotine: Ein Gedenktag, den Frankreich unter den Tisch fallen ließ. Welch Gegensatz zu den pompösen Revolutionsfeiern vor fünf Jahren...

Am 10. Thermidor 1794 (dem 28. Juli) wurde Maximilien de Robespierre enthauptet, nach mehr als zwei Jahren weitgehender blutiger Alleinherrschaft vom Konvent in einer staatsstreichartigen Aktion zum Tode verurteilt. Die Jahre des Terrors, in den die französische Revolution versunken war, gingen damit langsam zu Ende.

Wer sich an den Pomp erinnert, mit dem der Sturm auf die Bastille vom 14. Juli 1989 vor fünf Jahren in Frankreich gefeiert wurde, mag überrascht sein, daß der Tod desjenigen, den Henning Ritter (Frankfurter Allgemeine 23. Juli 1994) als den „Vollstrecker“ der Revolution bezeichnet hat, so weitgehend mit Stillschweigen bedacht wurde.

Ein betretenes Stillschweigen? Wahrscheinlich, denn meist wird das, was sich unter der Bezeichnung „la terreur“ in Frankreich in den Jahren 1793 und 1794 abgespielt hat, als Panne eines Geschehens betrachtet, das in seinem Grundansatz positiv gesehen wird. Denn nicht nur die Franzosen sehen in der Revolution von 1789 den endgültigen Anbruch der Demokratie moderner Prägung, also eine historische Stunde, die letztlich — trotz mancher Schattenseite — grundsätzlich als Fortschritt gewertet wird.

Wenn aber stimmt, was Ritter von Robespierre sagt, er sei einer gewesen, „der ernst macht mit dem, was in der Situation und ihren Prä- zedenzien bereitliegt: Worte zu Taten“, dann wäre in der Zeit des Terrors schon erkennbar gewesen, worin die Schwächen des neuen gesellschaftspolitischen Ansatzes liegen: in seinem latenten, brutalen Totalitarismus.

Waren nicht in der französischen Revolution schon die Katastrophen des 20. Jahrhunderts vorgezeichnet? Etwa der gezielte, zynisch kommentierte Völkermord? Man erinnere sich an den Bericht vom 23. Dezember 1793 des Generals Westermann, des Kommandanten der Revolutionstruppen in der Vendee, an den Konvent: „Die Vendee gibt es nicht mehr. Ich habe sie soeben in den Sümpfen von Savenay begraben. Ich habe Kinder unter den Hufen der Pferde zertreten und Frauen massakriert. Nicht einen einzigen Gefangenen habe ich mir vorzuwerfen. Ich habe alles ausgelöscht...“ Schätzungen zufolge gab es 600.000 Opfer in der Vendee, ein Vorgeschmack der KZs und Gulags.

1793 war überhaupt ein denkwürdiges Jahr: Im Anschluß an die Niederschlagung des Aufstandes gegen den Konvent wird Toulon dem Erdboden gleichgemacht, in Bordeaux, Lyon gibt es Massenhinrichtungen.

Insgesamt ist die Opferbilanz der Periode zwischen 1789 und 1815 (denn Napoleon ist ein Kind der Revolution, wahrscheinlich sein begabtestes) erschreckend: 400.000 Gefallene bis 1800 und eine weitere Million in den napoleonischen Kriegen. Dazu kommen 17.000 zum Tode Verurteilte (rechnet man die im Gefängnis und bei Massenhinrichtungen Umgekommenen dazu, dürfte allein die „terreur“ 35.000 Menschen das Leben gekostet haben).

Diese Vernichtungsaktionen sind Ausdruck eines Hasses, der sich auch in einer systematischen Dechristianisierung niederschlägt. Nachdem zunächst 40.000 Priester, die nicht auf die Verfassung schwören wollten, ausgewiesen worden waren, ging es später auch dem verfassungs- konformen Klerus an den Kragen: Man zwang viele Priester abzuschwören oder zu heiraten.

DIE GÖTTIN VERNUNFT

Am 10. November fand die Feier zur Inthronisation der Göttin Vernunft in der Kathedrale von Notre Dame statt. Sie thronte auf dem Hauptaltar. Damit wird der Kult der Vernunft zur neuen Staatsreligion erhoben. Im Gefolge werden ab 23. November 1793 alle Kirchen und Gebetshäuser in Paris gesperrt und die Kirchen ganz Frankreichs der Zerstörungswut der Menge preisgegeben.

Wie war das möglich, da doch die Revolution mit der Erklärung der Menschenrechte begonnen hatte? Wahrscheinlich liegt dies am Anspruch der Revolutionäre, eine neue, bessere Welt bauen zu wollen. Auch die Revolutionsfeiern vor fünf Jahren versuchten ja gerade dieses Bild zu pflegen:

Vor 1789 die Tyrannei - danach: die Freiheit

Vor 1789 die Sklaverei - danach: die Menschenrechte

Vor 1789 religiöser Obskurantismus — danach: die Aufklärung, das Licht, die Wissenschaft, die Bildung, der Fortschritt

Was durch die Aufklärung philosophisch vorbereitet worden war, entwickelte sich zum Glaubensbekenntnis. Aus den Menschenrechten wurde eine Menschenreligion. Robespierres Inthronisation der Göttin Vernunft war eine logische Konsequenz. Eine neue Ära sollte beginnen: Das Jahr I wurde ausgerufen, der alte Kalender abgeschafft. Im Visier der Revolutionäre stand die alte - extrem stark korrumpierte — auf dem christlichen Glauben aufbauende Ordnung.

„Die Erklärung der Menschenrechte wurde nur dewegen notwendig - man könnte unerläßlich sagen —, um die, auf das moralische und göttliche Recht gegründete Gesellschaft umzumodeln. Denn dieses Gesetz wollten die Eliten nicht mehr,“ merkte der französische Philsoph Marcel Clement 1789 in „L’Homme Nouveau“ an.

Die französische Revolution ernennt einen neuen Souverain: das Volk, das im Grunde genommen jedoch nur scheinbar, weil nie unmittelbar herrscht. Es wird immer vertreten. Die Entscheidungen fallen zwar in seinem Namen, es sind aber die Intellektuellen und die Macher, die das Ruder in die Hand nehmen - nunmehr aber ohne von einer höheren Ordnung her (dem Gesetz Gottes) auch nur theoretisch begrenzt zu werden. Dieses totalitäre Potential hat Robespierre genutzt. Er wird in der Geschichte der folgenden 200 Jahre Nachahmer finden.

Ein zweiter grundsätzlicher Aspekt ist an der Geschichte der Revolution abzulesen: Was die Revolutionäre - trotz ihrer zeitweise tödlichen Feindschaften - verband, war ihr Kritik am alten System. Sie ist damit gewissermaßen das konstitutive Element der Demokratie. Die in der Nationalversammlung eingeführte Sitzordnung - rechts (für konsvervativ) und links (für „progressiv“) - bot keine wirklichen weltanschaulichen Fixpunkte. Denn die Rechte von heute war die Linke von gestern. Was gemäßigt war, bestimmten jeweils die auf radikalere Veränderung Drängenden. Restaurationen folgten auf überzogene Veränderungen, können diese aber langfristig nicht aufhalten.

Es fehlt einfach das feste Fundament einer gemeinsamen Vorstellung von rechter Lebensgestaltung — trotz der formulierten Menschenrechte. Diese werden zwar als dem Menschen innewohnend deklariert, sind aber nicht im selben Maße wie christliche rückversichert. Im Wort Gottes kann der Christ Rückhalt und Begrenzung für seine rationalen Modelle finden — wenn er will. Genau dieser Rückhalt aber fehlt dem neuen Konzept, das darauf beruht, daß alles Recht vom Volk ausgeht, also grundsätzlich verfügbar ist.

Auf diese Weise werden auch die Menschenrechte beliebig interpretierbar. Man einigt sich auf grundsätzliche Formulierungen, geht aber bei der Verwirklichung der Prinzipien Wege, die untereinander total unvereinbar sein können. Die Formulierung der Menschenrechte schafft ja nicht wirklich eindeutige Verhältnisse, konkurrieren diese Rechte doch notwendigerweise untereinander: Die Gleichheit mit der Freiheit des Eigentums, das Recht auf Respekt meines Glaubens mit dem auf freie Meinungsäußerung... So konnte die Sowjetunion unter Stalin mit der UNO-Menschen- rechtserklärung leben. Und China kann es heute. Auch Robespierre verkündete mörderische Urteile unter der Flagge der Menschenrechte.

HEIL DURCH DIE GESELLSCHAFT

Einen wichtigen Hinweis auf die Schwäche des neuen Ansatzes liefert der Vergleich der Menschenrechte mit den zehn Geboten: Letztere weisen dem einzelnen den rechten Weg, nehmen ihn in Pflicht. Nicht das Recht auf Eigentum wird postuliert, sondern das Stehlen verboten. Adressat der Gebote ist das Gewissen des zur Verantwortung fähigen Menschen.

Anders die Menschenrechte: Sie begründen Ansprüche und Forderungen. Weitgehend verzichtet wird darauf, dem einzelnen seine Verrichtungen bewußt zu machen, dauptverantwortlich für ein gedeih iches Zusammenleben ist damit nicht primär das Individuum, das sich moralisch zu verhalten, sondern der Gesetzgeber, der für geeignete Spielregeln Sorge zu tragen hat.

Damit wird Fortschritt zu einem Konzept der Perfektionierung der Gesellschaft. Die Herstellung idealer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für das Zusammenleben wird zum Heilsrezept schlechthin, ein freies Feld für Heilslehren verschiedenster Art eröffnet sich.

Die Dominanz der Eliten, der Spielregelsetzer ist vorprogrammiert. Robespierre war der erste, der mit seiner Vorstellung von der idealen Gesellschaft zum „großen Sauberer“ geworden ist und über Leichen ging. Ihm sind seither ähnliche „Vollstrecker“ gefolgt. Wir dürfen daher nicht aus den Augen verlieren, daß unser System von Anfang an und grundsätzlich für diese Art von „Vollstreckung“ anfällig ist.

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