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Von Indien nach Oberwart

Innerhalb weniger Monate hatte Martin Luther das Neue Testament übersetzt. Obwohl der für vogelfrei erklärte Mönch in seinem Versteck auf der Wartburg viel Zeit zur Verfügfung hatte, ist dies eine enorme Leistung. Denn die 1522 erstmals gedruckte „Septemberbibel" ist nicht nur die bis zum heutigen Tag in der Evangelischen Kirche gültige Fassung des Neuen Testaments, sondern auch das erste umfassende schriftliche Dokument der deutschen Sprache in ihrer heutigen Form. Sowohl die Lutherische Bibelübersetzung als auch das Deutsche erfuhren seither nur noch unwesentliche Veränderungen.

Mit ihrer Verschriftlichung eröffnet sich einer Sprache eine neue Welt. Sie ist nicht mehr lediglich Medium von — in ihrem Umfang begrenzter -mündlicher Überlieferung. In Ton-plättchen eingeritzt oder auf Papier gedruckt, kann sie für künftige Generationen all das abbilden, was in den Köpfen ihrer Sprecher passiert, auch wenn jene schon längst tot sind. Und für ein Volk wirkt sie wie eine Klammer, da sie Dinge auch für eine große Anzahl von Menschen verbindlich festzulegen vermag.

Doch nicht nur in ferner Vergangenheit übernahm die Hand Aufgaben, die zuvor der Zunge vorbehalten waren: Am 4. Mai wird in Güssing die erste Publikation in Roman, der Sprache der Roma-Minderheit im Burgenland, präsentiert.

Die wenigen schriftlichen Spuren, die das Boman bisher hinterlassen hatte, waren 1869 niedergeschriebene Äußerungen von in Wien stationierten Soldaten und Aufzeichnungen, die ein Sprachwissenschaftler 1943 im Konzentrationslager Lackenbach gesammelt hatte.

Zur Verschriftlichung des Roman wurden nun vor allem mündliche Quellen herangezogen: Erzählungen, Märchen und Lieder wurden unverändert von Generation zu Generation mündlich weitergegeben und sind daher unverfälschte Dokumente jeder gesprochenen Sprache. Auch Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen oder von erzählten Iebensgeschich-ten ermöglichen Forschern die Kodifizierung einer Sprache.

Seit Beginn des Projekts im Oktober 1993 hat Dieter Haiwachs, Assistent am Institut für Sprachwissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz, aus dem gesammelten Material Aufbau und Wortschatz von Boman erarbeitet. Die erste Frucht dieser Arbeit ist eine nun in Güssing präsentierte Alphabetfibel. Eine Grammatik, ein Lexikon und ein Märchenbuch auf Roman sollen noch in diesem Jahr folgen. Das Lexikon umfaßt bisher 2.000 gesicherte, das heißt von mehreren Quellen bestätigte, Eintragungen.

Zusätzlich wird der W ortschatz von Roman in Zusammenarbeit mit der Volksgruppe erweitert: Bisher beschränkte sich Roman auf den Hausgebrauch. Da sich die Roma in der Öffentlichkeit und gegenüber offiziellen Stellen immer einer anderen als ihrer Muttersprache bedienen mußten, fehlen ihnen die entsprechenden Be-

griffe. Geht es im Gespräch um Schule, Ämter oder Beruf, wechseln die burgenländischen Roma automatisch ins Deutsche. Haiwachs konstruiert nun auf der Basis der Sprachstruktur entsprechende Worte auf Boman. Werden diese von kompetenten Sprechern akzeptiert, so werden sie - als Neuschöpfung ausgewiesen - in das Lexikon aufgenommen.

Das Roman hat viele Worte aus dem Deutschen, beziehungsweise dem burgenländischen Dialekt, aber auch aus dem Ungarischen und dem Slawischen entlehnt. Die Sprache von Minderheiten neigt immer dazu, Ausdrücke aus der oder den Sprachen um sie herum zu integrieren - vor allem, wenn jene über ein höheres Prestige verfügen. So heißt das Kleid auf Roman

kload, „er reist" heißt roasinel (von roasen, „reisen" im Dialekt) für „sie reitet fort" sagt ein burgenländischer Roma rajtinel

Die Grundstruktur des Roman ist jedoch nach Dieter Haiwachs' Einschätzung intakt. Denn Entlehnungen sind ganz gewöhnliche Erscheinungen' der Sprachgeschichte. Auch das Deutsche hat vor 200 bis 300 Jahren vieles aus dem Französischen übernommen - sogar ganz zentrale Begriffe: So mußten der Oheim und die Mume dem Onkel und der Tante weichen, und auch der Vetter wurde vom französischen Cousin verdrängt. Zur Zeit ist das Englische drauf und dran, dem Deutschen seinen Stempel aufzudrücken: Das gute alte Fahrrad wird vom Bike überrollt, und okay ist hierzulande schon lange in Ordnung.

Roman ist eine Variante des Romanes, wie die Sprache der fast über den gesamten Erdball verstreuten Roma allgemein genannt wird. Aus ihrer Sprache läßt sich die bewegte Geschichte der Roma rekonstruieren. Denn die Sprachen jener Länder, wo sie sich länger aufgehalten haben, haben - wie auch das Deutsche im Roman - ihre Spuren im Romanes hinterlassen.

Wann die Roma ihre ursprüngliche Heimat Indien verließen, ist unter Experten strittig. Nach Ansicht von Dieter Haiwachs sind sie spätestens im Jahre 800 auf persisches Gebiet gekommen. Von dort zogen sie über Armenien in das damals noch by-

zantinische Kleinasien, das sie noch vor der Eroberung durch die Osma-nen verlassen haben müssen, da das Türkische keinen Niederschlag im Romanes gefunden hat. Im elften und zwölften Jahrhundert verbreiteten sie sich über ganz Europa. Mit den europäischen Emigrantenströmen der letzten 100 Jahre gelangen sie auch in die Neue Welt. Heute wird Romanes in jeder europäischen Großstadt und in jeder Weltstadt gesprochen.

Die burgenländischen Roma leben seit dem 15. Jahrhundert im ehemaligen Westungarn. Vom Nazi-Regime als „besonders unwertes Leben" eingestuft, überlebten nur einige hundert der rund 8.000 vor 1938 im Burgenland lebenden Roma Hitlers Rassenwahn. Die aus den deutschen Konzentrationslagern zurückkehren -den Überlebenden standen materiell, aber auch kulturell vor dem Nichts: Denn vor allem die damalige Großelterngeneration, die kultur- und sprachtradierende Gruppe innerhalb jeder Minderheit, hat die Vernichtungslager nicht überlebt. Es folgten Sprachverweigerung, Namensänderungen, das Bestreben, Mischehen zu schließen und die Abwanderung in die Anonymität der Städte. Obwohl nach Schätzungen des Vereins „Borna in Oberwart" rund 2000 Borna im Burgenland leben, bekannten sich bei der Volkszählung 1991 nur knapp 100 Roma zu ihrer Volksgruppe.

Volksgruppen brauchen Muttersprache

Es drohte der Untergang des Roman und damit das Verschwinden der burgenländischen Roma als Volksgruppe. „Ohne Muttersprache kann keine Volksgruppe überleben", hat Emmerich Gärtner-Horvath, Obmann des Vereins „Roma in Oberwart", erkannt. Er war es, der die Verschriftlichung seiner Sprache vorantrieb, um ihr mögliches Verschwinden zu verhindern. „Es ist großartig, daß dies nun tatsächlich passiert ist", freut sich der Repräsentrant der Minderheit.

Denn die zunehmende Vereinheit-lichung der globalen Zivilisation bringt es mit sich, daß auf der ganzen Welt Sprachen mitsamt ihren Ge-

schichten unwiederbringlich in der Vergessenheit versinken. Viele Sprachwissenschaftler vergleichen das weltweite Sterben von Sprachen mit dem derzeitigen biologischen Artensterben, denn für beides gilt: Einzigartige Entwicklungen und wichtige Ressourcen gehen für immer verloren.

Weltweit ist nach Angaben des Linguisten Michael Krauss von der University of Alaska die Hälfte der noch rund 6000 lebenden Sprachen „todgeweiht". Die Sprachwissenschaftler sind dabei, einen Wettlauf gegen die Zeit zu verlieren: Schneller als viele noch unerforschte Sprachen erfaßt und studiert werden können, stürben sie aus, klagt Krauss in der Fachzeitschrift „Language". Die Eskimosprache Eyak etwa werde nur noch von

zwei alten Menschen gesprochen. Und 1993 sei mit dem Tod ihres letzten Sprechers eine kaukasische Sprache namens Ubych erloschen.

„Vor unserem Projekt hätte ich dem Roman noch zwei oder drei Generationen gegeben. Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit, daß es nicht ausstirbt, größer geworden", sagt Dieter Haiwachs. Ob Roman längerfristig überleben wird, betont der aus dem Burgenland stammende Sprachwissenschaftler, hänge allein von den Borna selbst ab. Die Verschriftlichung sei nur ein hilfreiches Instrumentarium; jetzt liege es an den Roma, es zu nutzen. Daß die Roma dieses Instrument auch annehmen, dafür hat Haiwachs von Anfang an Sorge getragen: „Nicht über eine Sprache, über eine Volksgruppe, sondern mit den Menschen für die Volksgruppe" lautete das Arbeitsprinzip, nach dem Haiwachs vorging. So sind auch sechs Mitarbeiter seines zwölfköpfigen Teams Angehörige der burgenländischen Roma. Die gesamte wissenschaftliche Arbeit wurde in Zusammenarbeit mit der Minderheit durchgeführt. Dabei gab es anfangs durchaus Vorbehalte: „Man muß bedenken, was den Roma vor 55 Jahren unter dem Mantel der Wissenschaft angetan wurde", erinnert Haiwachs an die pseudowissenschaftliche Rassenideologie des Nationalsozialismus.

Im Kontakt mit den burgenländischen Roma hätten er und seine Mitarbeiter viel gelernt, resümiert Haiwachs. Er habe beobachten können, wie seine jungen Mitarbeiter während der Arbeit mit der Volksgruppe „zu Persönlichkeiten gereift" seien. Auch für sich selbst zieht Haiwachs eine positive Bilanz: „Ich habe mit dieser Arbeit nicht nur als Wissenschaftler profitiert, sondern auch als Mensch."

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