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VON MAX LIMBURGStadt der Schleier und Ruinen

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Die afghanische Hauptstadt wird immer mehr ins Korsett der kleinkarierten Welt fundamentalistischer Moslem-Milizen gepreßt. Dem alten Regime trauern die Menschen trotzdem nicht nach.

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Die afghanische Hauptstadt wird immer mehr ins Korsett der kleinkarierten Welt fundamentalistischer Moslem-Milizen gepreßt. Dem alten Regime trauern die Menschen trotzdem nicht nach.

In einem der sehr zahlreichen, gelb angestrichenen Taxis, vor eventuell fotofeindlichen Taliban-Milizen gut getarnt, fahre ich am 4. November kreuz und quer durch eine Stadt, die ich aus den siebziger Jahren sehr gut kenne und die ich im Oktober 1992 zum letzten Mal gesehen habe. Damals, es war ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes, hatte der Krieg Kabul bereits erreicht gehabt, hatte aber nur einige Randgebiete verwüstet. Die Stadt war aufgeteilt in Zonen, von verschiedenen Mudschaheddin-Gruppierungen kontrolliert, und man fuhr von einer Kontrolle zur anderen. Die Stimmung war bitter, aber noch nicht verbittert, noch nicht hoffnungslos, und es gab unter anderem auch wieder Strom, zumindest in einigen Stadtteilen.

Dann kam die lange finstere Zeit Kabuls. Fast vier Jahre war die Stadt ohne Strom, nur Dieselgeneratoren versorgten Institutionen und Haushalte, die es sich leisten konnten, mit Elektrizität. Wenn es hell wurde, ging der Krieg weiter, der 1994/95 weit in die Stadt hineinrückte. Es waren ethnische Kämpfe, vor allem zwischen den Tadschiken der Regierung von Präsident Rabbani und einer in Kabul stationierten Truppe der Usbekenmiliz unter General Dostum, dem starken Mann von Nordafghanistan, und der Wahdat-Koalition der mongolischen, sehr zahlreich in Kabul lebenden Hazara, die als Schiiten iranische Unterstützung genießen. Der Umstand, daß Kabul von zwei steilen Bergen in zwei Hälften geteilt ist, ermöglichte es den Kontrahenten, mit ihren Geschützen auf die Stadt hinunter zu schießen. Die „Regierungstruppen” unter Ahmed Shah Massud taten sich dabei besonders hervor, und große Teile Kabuls fielen dem Rom-bardement zum Opfer. Rilder der Verwüstungen gingen um die Welt, und man befürchtete, die ganze Stadt werde in Trümmern liegen. Das ist zum Glück nicht so, denn vor allem die neueren Stadtteile mit dem Regierungsviertel haben zum Teil unbeschadet überlebt. Aber die sehr pittoreske, freilich hygienisch „mittelalterliche” Altstadt ist vernichtet.

Weitgehend zerstört ist nun auch das berühmte afghanische Nationalmuseum, besser bekannt als das „Kabul Museum”, das erste Ziel meiner kurzen Rundfahrt. Was nach ausgiebigen Plünderungen von den Sammlungen übrig blieb- man schätzt den Verlust auf 80 Prozent - wurde in das ehemalige Kabul Hotel gebracht. Das Museum zählte zu den bedeutendsten Museen Asiens. Zum Großteil seit 1922 vor allem von Archäologen der DAFA (Delegation Archeologique Francaise en Afghanistan) aus der be? sonders geschiehtsträchtigen Erde Afghanistans geholt, umfaßten seine Sammlungen viele weltkunstge-schichtlich bedeutende Objekte aus der prähistorischen, hellenistisch-iranischen, buddhistischen und frühislamischen Zeit? Prunkstücke davon nur gesprochen, gelegentlich von religiösen nat-Gesängen unterbrochen. Es gibt nur Relehrungen, Informationen, und Nachrichten.

Niemand, den ich frage, findet die Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen lieben, die Einführung von „Religion total” und das Lynchen Nadschibullahs, des 1992 gestürzten kommunistischen. Staatspräsidenten, vertretbar (er hatte als Asylant im Gästehaus der Vereinten Nationen in Kabul überlebt). Letzteres sei eine scher Freund vom Österreichischen Hilfskomitee für Afghanistan, der meine Fahrt von Peshawar (Pakistan) nach Kabul ermöglicht hat, drängt nach nur einer Nacht in seinem Haus zum Aufbruch. Als „Rasierter” fühlt er sich schon äußerlich exponiert. Am Vortag hatte ihn eine Talibankontrolle übersehen, als er mit mir vor Rücherläden im Zentrum der Stadt stand. Aus Angst vor unfreiwilligen Resuchern entfernt Dschailani vom Schrank im Gästezimmer die Bilder werden jetzt von Kunsthändlern in Pakistan und vermutlich auch im Westen zu horrenden Preisen zum Kauf angeboten, obwohl sie bestens publiziert und nur an Private verkäuflich sind.

Im Kontrast zu jener Welt der schönen Künste und Kunstsammler geht es jetzt in Kabul mehr denn je um das nackte Überleben im kommenden, dort strengen Winter. Vor allem die alleinstehenden Frauen sind in Gefahr, im totalen Elend zu verhungern und zu erfrieren. Von politisch völlig unroutinierten Mullahs kann man keine Pläne für den Wiederaufbau des Landes, geschweige denn dessen Verwirklichung, erwarten. Einstweilen denken die Taliban auch viel mehr an Sicherheitsfragen, im Hinblick auf die nahe Bedrohung vom Norden her, und an ihre ominösen religiösen Vorstellungen. Die lächerliche Bartverordnung hat aus Kabul eine „Stadt der jungen Barte” geschaffen, und die als „frauenfreundlich” (im Sinn von Frauen-schutz-freundlich) stilisierte Schleierverordnung hat Kabul zu dem gemacht, was es bis 1959 war, nämlich gewissermaßen „eine Stadt ohne Frauenantlitz”. Wer seine religiösen Pflichten nicht wahrnimmt oder gar, als Frau, das Antlitz öffentlich zeigt, muß mit schlimmen Strafen rechnen.

Kabul erlebt derzeit die Tragikomödie einer zwangsweisen Einordnung eines zum Teil weitgehend säkularisierten Gefüges in die kleinkarierte Welt der Taliban, die in der Re-gel aus kleinen paschtunischen Dorfgemeinschaften stammen und sich ihre anti-weltlichen Einstellungen in pakistanischen Moscheeschulen geschaffen haben. Dementsprechend sind alle Kinos geschlossen, ist das Fernsehen eingestellt und weltliche Musik verbannt. In Badio Kabul, nunmehr die „Stimme der Scharia” (seda-ye-schariat) genannt, das täglich etwa sechs Stunden sendet, wird

Verletzung des paschtunischen Asylrechts gewesen. Aber ebensowenig trauert man dem vertriebenen Regime nach, denn da herrschte die nackte Willkür, wurde fast nach Relieben geplündert, vergewaltigt, heißt es. Das alles sei nun vorbei. Man könne sich endlich sicher fühlen, und auch Mitläufer der früheren Regime würden die Taliban tolerieren. Welches von den beiden Regimen, jenes Rabbanis oder jenes der Taliban, man bevorzugen würde? Keines, wie auch in einem afghanischen Sprichwort ein Kamel weder gerne hinauf noch hinunter geht - beim leichteren Hinuntergehen könnte es ja (vor allem bei Nässe) ausgleiten.

Die allseits gepriesene neue Sicherheit im Taliban-Land trifft freilich nicht auf jene zu, die ethnisch mit den Feinden im Norden zusammenhängen. Aus dem Norden von Kabul stammen Tadschiken und Usbeken müssen sich vor ethnischen Säuberungen fürchten. Gruppen von Taliban gehen des Nachts von Haus zu Haus auf der Suche nach ethnisch Verdächtigen, wie man hört. Die Aufgebrachten werden in Gefängnissen, Kellern von Amtsgebäuden et cetera untergebracht, oder werden nach Kandahar im Süden von Afghanistan, der „Hochburg” der Taliban, gebracht. Will man sich nach dem Verbleib eines Verwandten erkundigen, riskiere man, selbst inhaftiert zu werden. Gewiß, alles nichts Neues in einem Land, wo man Menschenrechte nur in den Jahren um 1970 rudimentär gekannt hat, wo nach der Machtergreifung durch die Kommunisten im April 1978 Zigtau -sende von Menschen im riesigen berüchtigten Pul-i-Tascharchi Gefängnis auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Der Unterschied zu früher besteht darin, daß es sich nunmehr vor allem um ethnische Säuberungen handelt.

Auch Dschailani, mein afghaniseiner Verwandten (es handelt sich nur um Männer), obwohl die Hälfte davon bereits tot ist, während der kommunistischen Herrschaft „verschwunden”. Zusätzlich überklebt er eine Glastür des Schranks, hinter der sich das Plakat einer indischen Filmschönheit befindet. Das könnte Anlaß zu großem Arger geben. Ich denke dabei an die Scharen von Männern, die sich in Pakistan vor den vielen „Bildergalerien” einfinden und sich dabei von zahllosen weiblichen Schönheiten in Ansichtskarten- oder Plakat-gföße betören lassen.

Die Fahrt zurück nach Pakistan, oft auf einer Straße, deren Zustand jeder Beschreibung spottet (von der einst bestens asphaltierten Straße sind nur rudimentäre Rest erhalten), verläuft dann ohne weitere Probleme. Auf halbem Weg zwischen Kabul und Dschalalabad, in Sarobi, wo wir in einem typischen afghanischen Teehaus Rast machen und uns vom Staubschlucken erholen, registriere ich mit Überraschung, daß man ein Tonband mit indischer Filmmusik spielt - im „Gottesstaat” Afghanistan ein religionsfeindliches Unterfangen. In Sekundenschnelle wird jedoch aus der Filmmusik eine Darbietung religiöser Gesänge, als sich ein Toyota Pick-up mit einer Schar von bewaffneten Taliban dem Teehaus nähert. Die jungen Männer nehmen im Teehaus Platz, und ihr Anführer setzt sich neben mich. Alle sind freundlich, und der Mann neben mir erkundigt sich danach, was ich da wohl trinke, da ein Glas mit Nescafe vor mir steht. Ich erkläre es ihm, und er gibt sich zufrieden. Rezeichnender-weise werde ich nicht gefragt, woher ich sei, was ich hier so mache et cetera. Die einst so spontanen Kontakte zwischen Afghanen und Westlichen werden von den Talibanführern möglichst unterbunden. Mit uns verbinden sie ja das Gift der westlichen Dekadenz und Religionslosigkeit. Das verträgt sich natürlich schlecht mit der Idee eines Gottesstaates.

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