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Die Nachkriegsliteratur der Bundesrepublik, Ostdeutschlands, Österreichs und der Schweiz fand in großen amerikanischen Tageszeitungen häufige und eingehende kritische Würdigung. Was mag eine so realistische und materialistische Nation wie die amerikanische, bewegen, sich für das kulturelle Westeuropa, insbesondere den deutschsprachigen Raum, zu interessieren?

Erklärungen dafür hält die Zeitgeschichte bereit. Der Geist der ersten Nachkriegsjahre wich nach Auseinanderbrechen der Großen Koalition einer Art ideologischen Beratung. Die Zeit der Fragebogen, Entnazifizierungen und Nürnberger Prozesse war vorbei. In Deutschland wurde die Bildung eine Demokratie nach amerikanischem Vorbild vorangetrieben. Die Umorientierung der Welt in zwei feindlich gesinnte Lager brachte für Deutschland die Spaltung. Es wurde zugleich Gegenstand intensiver West-Werbung und bedingungsloser Ost-Unterjochung.

Im Zusammenhang mit Amerikas Werben um die Bundesrepublik steht fraglos die intensive Auseinandersetzung amerikanischer Kritiker mit der neuesten deutschen Literatur. Bis dahin, also bis 1948/1949, handelten Besprechungen ausschließlich von der Emigrationsliteratur; die Existenz einer in Deutschland beheimateten Literatur wurde fast ignoriert. Während der zwölfjährigen Diktatur in Zentraleuropa hatten die Vereinigten Staaten politisch und rassisch Verfolgten Asyl geboten. Auch nicht wenige Literaten waren gekommen. Amerikanische Vertrautheit mit der Exilliteratur bedeutete in der Nachkriegszeit daher nichts anderes als ein Relikt aus Tagen der politischen Ausnahmesituation, die diesen Autoren sonst jede publizistische Auseinandersetzung schuldig blieb. Ihrer politischen Integrität als Gegner des Nationalsozialismus und weniger ihrer literarischen Meriten wegen wurden Schriftsteller wie Alfred und Robert Neumann, Erich Maria Remarque, Hermann Kesten und Lion Feuchtwanger gefördert, lanciert.

Aber etwa 1949, als die Bundesrepublik Deutschland Wirklichkeit geworden war, beginnt im Hinblick auf die zukünftige ideologische Bruderschaft auch in der amerikanischen Presse eine intensivere Bemühung um das neue Deutschland. Im literarischen Teil der Zeitungen geht es um die junge Schriftstellergeneration, deren zeitgenössische

Kommentare erörtert werden. Aber wie auch die Vergangenheit und deren Diskussion in die Literatur ragt, ebenso geht auch geschichtliche Betrachtung in die aktuelle Literaturkritik über, -wobei die Beurteilungsmaßstäbe auffallende Abhängigkeit von politischen Überlegungen zeigen.

In Buchbeilagen von Tageszeitungen, wie sie vor allem die Großstadtpresse der Ostküste kennt, werden Dramatiker und Romanschriftsteller, vereinzelt auch Lyriker, ausführlich besprochen. Die „New York Times“, aber auch die „New York Herald Tribüne“ berichteten in ihren umfangreichen Wochenendzeitschriften, der „New York Times Book Review“ und der „New York Herald Tribune Weekly Book Review“ über die kleineren und größeren Autoren, die bei Fischer, Suhrkamp, Rowohlt, Kiepenhauer & x0026; Witsch, bei Dalp, Urban, Insel und Rečiam verlegt wurden. Besonders eine Artikelserie in der „Times“, die „Literary Letters from Germany and Austria“ spiegeln die neue deutsche Literatur in der amerikanischen Sicht.

Für diese Exklusivberichte über die literarische Situation im deutschsprachigen Raum — es finden sich keine „Literary Letters“ aus England oder Frankreich — schreiben eine Reihe regulärer Times-Rezensenten aus Berlin, Hamburg, München, Zürich oder Wien ihre Buchmarkt- beobaohtungen nach New York. 1948 und 1949 blieben die Einführungen in die Nachkriegsliteratur allgemein. Aber schon 1950 folgten kritische Stellungnahmen zu Wolfgang Borchert, Günther Eich, Heinrich Böll, Walter Jens, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, die stellvertretend für die junge Generation stehen. „Es ist eine Literatur, die nicht selten Trümmer beschreibt und den Brandgeruch der Vergangenheit. Dabei ist sie eigentlich nüchtern zu nennen“, schreibt der Times-Kritiker, „und in keiner Weise Refugium für den Ruhe und Frieden suchenden Leser. Sie wurde zu Recht ,Trümmerliteratur’ getauft. Nicht einmal ihre Autoren verwahren sich gegen die Bezeichnung.“ Und weiter heißt es: „Die Wirklichkeit der vierziger Jahre scheint fixiert, wobei der Begriff der Wahrheit über dem der Schönheit steht. Schön ist, was wahr ist. Es ist nicht selten häßlich... Dabei erstaunt die Vielheit der Stile mit verschiedenartigsten Ansätzen einzelner, Krieg und Nachkrieg literarisch zu bewältigen. Nur Symptomatisches läßt sich über diese Literatur aussagen, nichts Programmatisches, nicht Unabdingbares.“

In seinem Bericht von 1953 schreibt H. E. Jacob, Germanist und Referent für deutsche Literatur in der „Times“, von vier Hauptgruppen, die die gegenwärtige deutsche Literatur ausmachen. Eine Gruppe von Autoren schreibt aus moralischer Entrüstung und mit moralischer Forderung an die Leser. Zu ihnen zählen Albert Goes mit „Unruhige Nacht“ und Ernst Wiechert mit seinem „Totenwald“. Auch Luise Rinsers Roman „Die Stärkeren“ stellt, wie die erstgenannten, einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der großen nationalen Schuldfrage dar. Demgegenüber engagiert sich eine andere Gruppe eher für ästhetische als für ethische Werte. Otto Flakes „Ein Mann von Welt“, das das hochkultivierte Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts gestaltet, ordnet Jacob zu den „Gentleman writers“, wie er sie tituliert. Ebenso Alexander Lernet-Holenia. Diese „Gentlemen“ vermeiden eine Konfrontation mit der Gegenwart und entweichen in „goldene“ Tage der Vergangenheit. Eine dritte Gruppe, der erstgenannten verwandt, stellt sich aus Unvermögen oder bewußter Beschräkung nur Teilfragen der Gegenwartsproblematik zur Beantwortung. Hier erhellen sie fraglos manches, lassen aber außerhalb liegende Probleme unbeleuchtet. Zu den „Fragmentarians“ zählt Jacob Wolfgang Weyrauch und Gerhard Nebel. Ganz von Spenglers potentiellem „Untergang“ fasziniert, proklamieren die „Metaphysicists“ — nach Jacob die vierte Gruppe — die Welt zu einem bevölkerten Nichts. Hermann Kasack ist hier gewichtigster Exponent. Seine „Stadt hinter dem Strom“, in der Aufbau nur durch gleichzeitige Abbrücti gewährleistest ist, Wird ihr Symbol.

Andere Beiträge in späteren Jahren ergänzen das Spiegelbild der deutschen Literatur. Neue Namen klingen an. Neue Entwicklungen werden aufgezeigt. Gemeinsam ist diesen Berichten die Feststellung, daß der „Große Roman“ der zweiten Nachkriegszeit noch ungeschrieben ist. Anzeichen und Andeutungen von Talenten bestätigen die „Reporter der Literatur“ hier und da. Die Zukunft hält Versprechungen bereit.

Von Wien aus lauten die Kommentare schon positiver. Da ist vor allem Heimito von Doderer, mit dem sich verschiedene amerikanische Kritiker auseinandersetzen. Von seinen Romanen, der „Strudlhofstiege“ und den 1956 erschienenen „Dämonen“, heißt es, „daß der europäische Roman, der mit Proust, Musil und Thomas Mann eine Endform gefunden zu haben schien, eine reizvolle Modifizierung erfuhr, die kein Ende zu bedeuten braucht“. Die Entwicklungslinie des Wiener Romans scheint weitergeführt, die von Otto Stößls „Haus Erath“ — den Wiener Buddenbrooks — bis zü Musils Mammutfragment „Der Mann ohne Eigenschaften“ reicht. „Doderer baut das Bild der Zeit auf, die er gestalten will; dabei geht er modern vor und löst den geschlossenen zeitlichen Ablauf auf. Schreibt bald vom Vorkrieg, bald vom Nachkrieg.“ Aber anders als bei Broch, Musil, Döblin, Thomas Mann, deren Hauptfiguren in „Die Schlafwandler“, im „Mann ohne Eigenschaften“, in „Berlin Alexanderplatz“ oder dem „Zauberberg“ Typen unserer modernen Gesellschaft sind, und nicht Helden, finden wir bei Doderer wieder Charaktere, die nach seinen eigenen Worten, „voll haftbar sind für die eingeschlagenen Wege“. Die Entscheidungen sind dem Individuum abverlangt, nicht einer auswechselbaren Allgemeinheit, wodurch Symptomatisches des „modernen Romans“ bei Doderer nicht gegeben ist. Daß Doderer in seinen großen Romanen das Wien der zwanziger Jahre gestaltet und nicht die Argumentation um die Gegewart bereichert, erschwert den Vergleich mit den oben genannten jungen Schriftstellern des nördlichen Nachbarlandes,

Dann ist neben Doderer ein Österreicher zu nennen, der nur posthum und dank seines eifrigen Nachlaßverwalters literarische Aufmerksamkeit erregte. Fritz von Herzmanowsky-Orlando starb 76jährig in einem Schloß in Südtirol; ein Architekt, von dessen Schreibpassion kaum jemand wußte. Friedrich Torberg gab im Langen-Müller- Verlag in vier Bänden das Gesamtwerk heraus und bereicherte damit die humoristische deutschsprachige Literatur um bedeutende Beiträge.

In mehr überschauenden und weniger einem Autor gewidmeten Beiträgen werden andere erfolgreiche, aber jüngere österreichische Schriftsteller vorgestellt. Fritz Habecks Hemingway-ähnlichem „Das Boot kommt um Mitternacht“ folgte 1958 in mehr österreichischer Tradition „Der Ritt auf dem Tiger". Ilse Aichinger präsentierte mit der „Größeren Hoffnung“ literarische Reflexion zur jüngsten Vergangenheit. Der stete Wechsel von Traum-, Wunsch- und Wahnbild macht die tiefe Tragödie der Halbjüdin Ellen ahnbar. Außerdem werden vorgestellt: Johannes Mario Simmel, Reinhard Federmann, Herbert Eisenreich, Harald Zusanek, sowie die Lyriker Johann Gunert, Friedrich Eisenlohr und Walter Toman. „Dieser Generation ist Schreiben kein ästhetischer Zeitvertreib“ konstatiert der Times-Rezensent, „sondern Kampfmittel“.

Ein äußeres Zeichen der literarischen Wiederbelebung erblickt der Wien-Kenner Morton darin, daß die alten Kaffeehäuser wieder zu Treffpunkten der „literarischen Welt“ avancierten. Im Cafė „Raimund“ plaudert schreibend Hans Weigel, im „Herrenhof“ konvergieren Friedrich Torberg und Alexander Lemet-Holenia, im „Hawelka“ rauchen die Unveröffentlichten. Aber wie schon die Großen einer anderen Generation, wie Kafka, Broch und Musil, suchen die meisten österreichischen Autoren ihren Verleger anderswo. Ilse Aichinger, Inge Bachmann, Johannes Mario Simmel publizieren nicht mehr in Wien, sondern im Land mit den besseren Finanzierungsmöglichkeiten, in Deutschland.

Außer den „Literary Letters“ aus Deutschland oder Österreich, die vorwiegend so konzipiert sind, eher einen Überblick der literarischen Gesamtsituation zu vermitteln, als einzelne Autoren zu porträtieren und mit ihren Werken vorzustellen, erschienen in der „Times“, der „Herald Tribüne“ aus New York, im „Christian Science Monitor“ aus Boston, im „St. Louis Dispatch“ und in der „Washington Post“ umfangreiche Beiträge, die den aktuellen Anlaß einer Publikation nutzend, einen Autor und sein neuestes Werk interpretieren.

Wie die „großen Wiener Literaten“ wie Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel, Stefan Zweig, Hermann Broch, Robert Musil und Joseph Roth wurden auch Heinrich und Thomas Mann, Alfred Döblin und Hermann Hesse anläßlich von Gesamtausgaben und späten Übertragungen in die englische Sprache umfangreich in der amerikanischen Presse gewürdigt.

Unter denjenigen, die erst naoh dem Krieg zu schreiben begannen, wurde vor allem Heinrich Böll immer wieder erwähnt, und mit seinen verschiedenen Publikationen „Wanderer kommst du nach Spa...“, „Der Zug war pünktlich“, „Und sagte kein einziges Wort“, „Billard um halb zehn“ ausführlich besprochen. Er wird als Techniker der großen wie der kleinen Form, Kurzerzähler, Romancier, Zeitkritiker und vereinzelt auch Satiriker genannt. Günter Grass, der Bär aus Danzig, wurde mit seinen „Blechtrommel“ auch in den USA sehr gefeiert. Als Autor „neuer Realitätserfahrung und Realitätsgestaltung“ bezeichnen Kritiker Grass, und die „Tin Drum“ trotz surrealistischer und absurder Elemente als einen „realistischen Roman“.

Über Uwe Johnsons avantgardistische „Mutmaßungen über Achim“ schrieb Melvin J. Lasky im April 1963 eine Titel- geschiehte für die „New York Times Book Review“, in der Johnson als „Deutschlands neue schöpferische Stimme“ apostrophiert wird.

Neben den Romanschriftstellern werden auch Dramatiker, sofern sie stärker hervorgetreten sind, rezensiert. Unverständlich, daß kein deutsches Bühnenstück je zu einem richtigen Broadway-Erfolg wurde. Dabei fanden von Brechts marxistischen Theorien in „Herr Puntila und sein Knecht“ bis zu Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ auch Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, Max Frischs „Andorra“ und Fritz Hochwälders „Meyer Helmbrecht“ verständiges publizistisches Echo in den Vereinigten Staaten.

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