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Wir wollten für die Freiheit kämpfen

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Im Ständestaat von 1933 bis 1938 entwickelte sich erstmals eine Österreichideologie. Was sie bedeutete - dazu ein Zeitzeugenbericht.

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Im Ständestaat von 1933 bis 1938 entwickelte sich erstmals eine Österreichideologie. Was sie bedeutete - dazu ein Zeitzeugenbericht.

Den Anschlußgedanken ab 1918 forcierten neben den Deutschnationalen zunächst vor allem die Sozialdemokraten. Sie verhöhnten und verspotteten die Geschichte des alten Kaiserreiches. Die österreichische Vergangenheit mußte ausgelöscht werden. Der ehemalige k. u. k. Generalstabsoffizier Theodor Körner wechselte von schwarzgelb zu rot, räumte mit der Traditionspflege im Heer auf, indem er die Uniformen nach dem Modell der Deutschen Reichswehr einführte. Der Marxist Otto Bauer erklärte im Parlament: „Wir wünschen, uns an die roten Arbeiter Deutschlands anzuschließen." Wiederholt drohte er: „Die Demokratie ist nur ein Mittel für die Klassenherrschaft. Das Ziel ist die Diktatur des Proletariats." Den Kampf gegen die Kirche eröffnete Otto Glöckel, Präsident des Stadtschulrates Wien: „Man kann nicht Sozialist und Kirchengeher zugleich sein. Heraus aus der Kirche, werde konfessionslos!"

Die Christlichsozialen hielten an der österreichischen Tradition fest, verteidigten energisch die katholische Kirche und wollten sich auf keinen Fall eine Diktatur des Proletariats aufzwingen lassen.

Gegen Ende des ersten Jahrzehnts seit dem Bestehen der Republik begann sich allmählich, trotz fanatischer Parteienkämpfe im Parlament und auf der Straße, ein Österreichbewußtsein heranzubilden. Die Impulse kamen von der Literatur. Am Neujahrstag 1930 sprach Anton Wildgans im Wiener Rundfunk seine berühmte „Rede über Österreich". Wildgans wagte in diesem Panegyrikus das Bekenntnis zum Österreichischen Menschen, den er auffordert, „der Unart falscher Bescheidenheit und allzu unbedenklicher Selbstpreisgabe zu entsagen und allmählich ein anderes heranzubilden, nämlich das historische Bewußtsein und den Stolz des Österreichers ... denn die Werkleute an dem Aufbau dieses neuen Österreich brauchen das alte nicht zu verleugnen. Im Gegenteil. Wir wissen genau, daß wir ihm vorläufig noch so ziemlich alles zu verdanken haben ... Werte einer ehrwürdigen Kultur und eines besonderen Menschentums ... eine Erbschaft an Kultur, wie sie bedeutsamer nicht sein kann. Diese Kultur gilt es zu verwalten, nicht als engherzige Eigentümer, sondern gleichsam als Treuhänder der gesamten kultivierten Menschheit..."

Dieses Österreich zu verteidigen und dessen Selbständigkeit zu wahren, die von österreichischen Nationalsozialisten und vom nationalsozialistischen Deutschland bedroht wurde, war die Lebensaufgabe und das politische Ziel von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß.

In der Vollversammlung des Völkerbundes in Genf legte Dollfuß ein unmißverständliches Bekenntnis zu Österreich, zur Eigenständigkeit des Staates ab. Er hob damit gewissermaßen das entwürdigende Anschlußverbot auf. Nicht der Völkerbund, nicht die Siegermächte, sondern Österreich selbst, bewußt seiner politischen und kulturellen Position, die es aufgrund seiner tausendjährigen Geschichte nun im Zentrum Europas einnahm, bestimmte die politische Zukunft des Landes: Bewahrung der Eigenstaatlichkeit im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Im Parlament allerdings schien man sich der Gefahr nicht bewußt zu sein, die vom nationalsozialistischen Deutschland drohte. So kam es Anfang März 1933 durch eine „schäbige Manipulation", , wie sie Heinrich Drimmel bezeichnete, zur Selbstausschaltung des Parlaments. Adolf Schärf äußerte sich Jahre später zu dieser grotesken Situation: „Mit der Preisgabe des Amtes des Ersten Präsidenten des Nationalrates hat sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs kein gutes Bild in den Augen der wirklichen Demokraten geschaffen. Sie hat am 4. März 1933 die Partei über den Staat gestellt.

Bundeskanzler Dollfuß stand infolge der Selbstausschaltung des Parlaments vor einer schwierigen politischen Entscheidung. Er entschloß sich, angesichts der massiven Großoffensive, die vom nationalsozialistischen Deutschland gegen den Bestand Österreichs gestartet wurde, mit Hilfe des „Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917" die autoritäre Führung der Staatsgeschäfte zu übernehmen.

Um auch das Volk für einen kompromißlosen Kampf gegen den Nationalsozialismus zu gewinnen, kam es 1933, auf Initiative des Bundeskanzlers, zur Gründung der Vaterländischen Front. Die Vaterländische Front war keine Partei, auch nicht die Nachfolgerin der Christlichsozialen Partei: Sie war eine Sammlung aller Österreicher, die die Souveränität des Landes - verteidigten. Als Symbol wählte die Vaterländische Front das

Kruckenkreuz, im Knopfloch des Zivilanzuges ein rot-weiß-rotes Band. Ich selbst trug damals das Schülerabzeichen, ein rot-weiß-rotes Dreieck mit der Aufschrift: „Seid einig". Damit bekannte ich mich zum Osterreichkurs des Bundeskanzlers.

Am 1. Mai 1934, nach dem tragischen Bürgerkrieg, anläßlich einer Großkundgebung der Vaterländischen Front, trat der ehemalige hochdekorierte Oberleutnant der Tiroler Kaiserschützen, Bundeskanzler Dollfuß, in der Uniform der Alten Armee vor seine Landsleute. Damit wollte er sichtbar jenes Österreichbewußtsein zum Ausdruck bringen, von dem Anton Wildgans in seiner Bede über Österreich sprach. Bei dieser Kundgebung verkündete der Kanzler die Einführung der neuen ständestaatlichen Verfassung. Er brachte sie in Einklang mit der christlichen Soziallehre, wie sie in der Enzyklika Quadragesimo anno enthalten ist. Die Prinzipien sozial, christlich, ständisch, autoritär, wurden die Bauelement« der neuen Verfassung.

Den österreichischen Ständestaat von 1934 bis 1938 als faschistisch zu bezeichnen, entspricht nicht der historischen Wahrheit. Der damalige amerikanische Gesandte in Wien, Stockton, berichtete an seine Regie-rung: „Das Begierungssystem Dollfuß ist keine Diktatur im Sinne Mussolinis oder Hitlers aufgrund revolutionärer Entwicklung. Die Integrität des Staates zu wahren, ist das politische Ziel dieses Systems."

Hitler erkannte bald, was die Herausforderung Dollfuß wirklich war: das erste politische Programm, das auf der Behauptung eines unabhängigen österreichischen Staates beruhte und Hitlers eigenes Bekenntnis „ein Volk, ein Beich, ein Führer" ablehnte. Dazu zog Hitler die Schlußfolgerung, daß der Anschluß Österreichs nur über die Leiche des österreichischen Bundeskanzlers erfolgen konnte. Am 25. Juli 1934 schlug ein Bollkommando der illegalen SS-Standarte 89 brutal zu. Auf seinem Posten, in den Amtsräumen auf dem Wiener Ballhausplatz, wurde der Kanzler erschossen.

Der englische Historiker Gordon Brook-Shepherd vermerkte in seinem Buch „EngelbertDollfuß": '„... Inder Meinung des Auslandes bestätigte Dollfuß Tod ihn als das, was er - trotz seiner Irrtümer und trotz aller Verleumdungen seiner Feinde - immer bleiben wird: die Verkörperung einer österreichischen Art zu leben und zu denken und damit eines österreichischen Rechts auf ein unabhängiges Dasein. Dieses Ideal holte er von jenem Kaiserreich zurück, das seine Gegner verachteten, und gab es der Republik, die seine Gegner errichtet hatten. So legte er in den jungen Staat die Seele des alten Reiches ..."

Bald nach dem Einmarsch der deutschen Truppen traten, sowohl auf dem zivilen als auch auf dem militärischen Sektor, die Widerstandskämpfer einzeln und in Gruppen zum Kampf gegen das nationalsozialistische Regime an. Während im linken Lager politische und ideologische Traditionen den Widerstand motivierten, orientierte sich das bürgerliche, das katholisch-konservative Lager an religiösen und österreichisch patriotischen Motiven.

Am 7. Oktober 1938 fand auf dem Wiener Stephansplatz eine machtvolle Demonstration der katholischen Jugend Wiens gegen den Nationalsozialismus statt, an der auch ich teilnahm. Tausende junge Menschen waren gekommen, um für ihren Glauben und ihre verlorene Heimat ein Bekenntnis abzulegen. Als der Erzbischof von einem Fenster des Erzbischöflichen Palais der begeisterten Jugend zuwinkte, stimmten die jungen Menschen das alte Herz-Jesu-Bundeslied der Tiroler an: „Auf zum Schwüre Volk und Land, heb zum Himmel Herz und Hand." Dazu Friedrich Heer, wie ich Teilnehmer an dieser Demonstration, in der Zeitschrift für Zeitgeist „Wiener" am 30. September 1983: „... Ich wurde leidenschaftlicher politischer Katholik im christlichen Ständestaat ... Ich habe, erschrecken Sie bitte nicht, ich habe sehr an Dollfuß gehangen. Schuschnigg habe ich von allem Anfang an als schrecklich empfunden, als Unglück für Österreich. Ich habe ja doch geglaubt, daß gegen Hitler die Mobilisierung eines politischen Katholizismus unersetzlich wäre. Dann mein Kampf als politischer Katholik, rot-weiß-rot bis in den Tod, bis zur Teilnahme an der einzigartigen Demonstration gegen die Nationalsozialisten auf den Straßen nach der Christkönigspredigt des Kardinal Innitzer, der sich durch uns junge Leute hinreißen hat lassen. Wir jungen Leute haben das ja auch wirklich geglaubt und sind dafür auch ins Gefängnis gekommen. Und einige der glaubensstärksten jungen Männer, die da mit uns waren, sind ja auch hingerichtet worden..." Uns junge Menschen verband auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung das Ideal eines rot-weiß-roten Patriotismus, den der englische Historiker Gordon Brook-Shepherd treffend definierte: Hingabe an den katholischen Glauben und Stolz auf die österreichische Tradition, deren Wurzeln tausend Jahre zurückreichen.

Mit dieser politischen und religiösen Grundeinstellung rückte ich 1941 zur Deutschen Wehrmacht ein. 1942 kam ich auf den nordafrikanischen Kriegsschauplatz. Nach der Kapitulation der Heeresgruppe Afrika in Tunesien, am 12. Mai 1943, nahm ich meine politische Handlungsfreiheit wahr und meldete mich bei den Engländern zur Österreichischen Legion, um für die Befreiung Österreichs einen Beitrag zu leisten. Ich glaubte damals, wie meine Kameraden, die sich mit mir ebenfalls zur Österreichischen Legion gemeldet hatten, sowohl an die Existenz einer österreichischen Exilregierung als auch an die Existenz einer österreichischen militärischen Einheit. Wie dies bei allen jenen Staaten der Fall war, die der Expansionspolitik des Dritten Reiches zum Opfer fielen.

Im Jahre 1984 gab das Wiener Stadt- und Landesarchiv eine Gedenkbroschüre heraus (50 Jahre nach den Ereignissen des Jahres 1934), für deren Inhalt Felix Czeike verantwortlich zeichnete. In dieser Schrift wurde darauf hingewiesen, daß im ständestaatlichen System 1933 - 1938 erstmals eine Österreichideologie, ein Österreichbewußtsein entstanden ist, an das schließlich im Widerstand gegen Hitler und vor allem nach 1945 angeknüpft werden konnte.

Der Autor

war Kulturreferent im Finanzministerium. Dies ist der vierte einer Reihe zeitgeschichtlicher Beiträge aus seiner Feder (49/1995; 2/1996 und 3/1996). Seine Erfahrungen über das Schicksal jener Österreicher, die für die Wiederherstellung ihrer Heimat nach dem Anschluß ans Deutsche Reich kämpfen wollten, hat er in dem Buch „Die anderen Hunde", Herold, Wien 1989, zusammengefaßt

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