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Wo liegt Olympia?

„Olympia ist ein heiliger Ort. Wer es wagt, diese Stätte bewaffnet zu betreten, den sollt ihr als Gottesfrevler brandmarken!“ In diesem Tenor war die Inschrift auf einem fast dreitausend Jahre alten Diskus abgefaßt.

Heute denkt man mit Wehmut daran zurück, was von dem hehren olympischen Gedanken, von der in antiker Zeit streng beobachteten Waffenruhe in das Jahr 1968 herübergerettet werden konnte. War es in den beiden zurückliegenden Jahrzehnten der „kalte Krieg“, der den Gedanken Olympias überschattete, so errang man heuer den traurigen Rekord, erstmals unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen den friedlichen Wettstreit der Nationen durchzuführen. Waffengeklirr ist der Patron über die Spiele in Mexico City, und auch andere Begleiterscheinungen werfen die berechtigte Frage auf, wie weit der olympische Gedanke der Antike oder die Absichten des Erneuerers der Spiele, des Barons Pierre de Coubertin, vom Zug der Zeit und der Ereignisse überrollt worden sind.

Ein Koch macht Geschichte

Genau 2744 Jahre liegt es zurück, daß der Koch Koroibos aus Elis als erster Olympiasieger gefeiert wurde. Der „Hausherr“ hatte den Stadionlauf über die Distanz von 192 Meter gewonnen, damals noch eine Demonstration der Freude am Sport, der natürlichen Überlegenheit eines einzelnen, aus der nicht auf die Superio- rität eines Volkes oder gar eines politischen Systems geschlossen wurde. Außer den Stadionläufen über eine, zwei und sieben Runden wurden in der Antike noch der Fünfkampf, bestehend aus Lauf, Weitsprung, Ringen, Dislkus- und Speerwurf, Ringen und Fauistkampf, dier Waffenlauf, diverse Wagen- und Pferderennen sowie ein Allkampf mit Boxen und Ringen, Pankration genannt, mit olympischem Lorbeer honoriert Daneben gab es noch Konkurrenzen der Herolde und Trompetenbläser, wobei ein Mann den einzigen Rekord aufstellte, der wohl auch die Olympischen Spiele der Zukunft überdauern wird: der aus Ulegara stammende Trompeter Herodoros siegte zehnmal en suite.

Koroibos’ Nachfolger

Auch die Wiedergeburt der Spiele 1896 in Athen ließ noch nicht jene schaudererregende Hypertrophie auf allen Gebieten ahnen, der wir uns heute gegenübersehen und die selbst in einer exzeßfreudigen Zeiit ihresgleichen nicht leicht findet.

Heute ist es der Traum eines jeden Sportlers, in die Olympiaauswahl seines Staates aufgenommen zu werden, der interne Kampf um die Qualifikation wird zur qualvollen Zerreißprobe, der Athleten zum Opfer fallen, die man schon im Besitze der Goldmedaille wähnte — vor 72 Jahren bangten Veranstalter und Funktionäre, daß einige Disziplinen unbesetzt bleiben könnten. Auf eigene Gefahr und Kosten riskierten es schließlich 285 Sportler aus 13 Nationen, in wahrhaft olym- 1 pischem .Geist um die Bestleistung zu wetteifern.

Korolbos’ Nachfolger iln der Neuzeit wurde der spätere Romancier James Connolly, der den ersten wett- karapfmäßigen Dreisprung seines Lebens mit der Weite von 13,71 Meter als Olympiasieger beendete (eine Weite, die auch heute in Österreich nur von wenigen Sportlern übersprungen wird). Sein nordamerikanischer Landsmann Robert Garrett ergriff zum erstenmal einen normierten Diskus, schleuderte ihn 29,15 Meter weit und gewann olympisches Gold — in dieser Woche erwarten Experten von dem USA-Riesen Jay Sylvester, daß er die Zweikiloscheibe über die 70-Meter-Marke katapultieren wird. Im Laufbewerb über 800 Meter scheiterte der Hamburger Fritz Traun an dem Australier Flack — er hielt sich mit der Goldmedaille im Tennis-Doppel schadlos. Sein Partner war der britische Tourist Boland.

Tenntstist det-biflzäge-Bewerb, der seit 1896 vom olympischen Programm verschwunden ist (bekanntlich verdienen hiebei die Spitzen- „Amateure“ besser als manche Profis), dafür wurden von Olympiade zu Olympiade eine Menge Disziplinen geschaffen, um ja jede Sportart vom Hauch der Dubiosität zu befreien und mit Medaili entgla nz aufzuwerten. Sieht man von den Damenbewerben ab, gegen die im Zeitalter der emanzipierten Frau wohl kaum etwas einzuwenden ist, bereichern und entwerten heute zahlreiche künstlich kreierte Zusätze beziehungsweise Aufspaltungen einzelne Sportzweige, wie etwa das 50-km- Gehen seit 1932 und das über 20 km seit 1956, die Konkurrenzen der Kanuten (Einer- und Zweier-Kajak seit 1936, Vierer-Kajak seit 1964 sowie die Kanadierbewerbe seit 1936), der moderne Fünfkampf seit 1912 (seit 1952 auch eine Mannschaftswertung), das Dreistellungsschießen mit dem Kleinkalibergewehr seit 1952, die Mannschaftswertung im Dressurreiten seit 1928. Dazu kommen noch die sieben verschiedenen Gewichtsklassen beim Stemmen (sechs seit 1920, Bantam erst seit 1948) oder gar die zehn Klassen der Boxer (etwa das Halbwelter und Halibmittei seit 1952), die acht Klassen im Ringen griechisch-römischen Stils und ebenso viele im Freistil. Die Turner erhalten nicht nur ihre Einzelleistungen belohnt, sondern bekommen auch den „Zwölfkampf“ vergoldet!

Es geschah in Deutschland

Diese Expansion der Wettbewerbsarten wird jedoch in den Schatten gestellt von einer wesentlich betrüblicheren Erscheinung: dem gigantischen finanziellen und organisatorischen Aufwand, dessen überproportionales Wachstum-speziell in den Spielen der Nachkriegszeit augenfällig wurde. Das nationalsozialistische Deutschland kann den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, als erster Staat die propagandistische Wirksamkeit des Hochleistungssportes, das Ummünzen olympischer Medaillen in nationales und damit auch politisches Prestige, die Ideologi- sierung und Hand dp Hand mit ihr die Kommerzialisierung des Sports erfolgreich betrieben zu haben. Der Staatssport war entstanden und trug 1936 bei den Berliner Spielen 33 goldene Früchte. Erstmals war das Übergewicht der USA-Athleten in der Erfolgsbilanz durchbrochen worden. Wie zum Hohn wurde die mit einem Plus von einem Dutzend „Goldener“ gegenüber den Vereinigten Staaten beabsichtigte Demonstration der Superiorität von Rasse und System durch den Neger Jesse Owens paralysiert: Der US-Ameri- kaner blieb mit vier Goldmedaillen und ebenso vielen Weltrekorden, aufgestellt an einem Nachmittag, die überragende Erscheinung dieser Spiele, an denen 4069 Wettkämpfer aus 49 Staaten teilnahmen. Diese Zahlen sollten erst 1960 in Rom nennenswert übertroffen werden. — In Mexiko sind es 7230 Sportler aus 119 Ländern.

J948 in Londoivwcbdie USA ihre Vormachtstellung zurückgewinnen konnten, wieder zu grassieren und strebte in Helsinki 1952 seinem zweiten Höhepunkt zu Nun hatten auch kommunistische Dogmenäehrer erkannt, welche Bedeutung der medaillenmäßigen Dokumentation der Überlegenheit auf sportlicher Ebene zukommt. Die Sowjetunion hatte auf dem Gebiet der Spitzensportförderung aufgeholt und belegte bei ihrem Debüt den zweiten Platz in der inoffiziellen, aber wegen ihrer großen propagandistischen Bedeutung exakt geführten Nationenwertung. Wie sehr heute den einzelnen Olympiateilnehmern ins Bewußtsein gedrun gen ist, zu mehr als „zu Ehren ihres Vaterlandes“ „dabeizusein“, mag aus dem vor wenigen Tagen ausgesprochenen Satz eines tschechischen Sportlern erhellen: „Ich würde mein halbes Leben dafür geben, könnten wir ihnen alle Goldmedaillen wegschnappen.“ Was und wen er meinte, ist wohl eindeutig.

Die Staaten zahlen, zahlen …

Interessant ist, daß besonders Staaten mit chauvinistischen Tendenzen, dem hitlerschen Vorbild getreu, phantastische Beträge in die Förderung des Hochleistungssports investieren: die Amortisation soll alle vier Jahre in Form von Medaillen, deren Prestige-Gehalt wertvoller als ihr metallener ist, erfolgen. So hat de Gaulle mit Blickpunkt Mexiko fast eine Viertelmilliard Schilling für das Voibereitungszen- trum Fort Romeu ausgegeben. Ursprünglich geplant gewesen war ein Asthma-Sanatorium … Dagegen bescheiden nehmen sich die rund 50 Milionen der BRD aus, während die Sowjetunion mit 165 Millionen sowie die 100 der USA ebenfalls als gediegene finanzielle Grundlage für den Medaillenrun angesehen wgf4 ft können.

Hypertroph slnd"auch die Ausgaben des Gastgeberstaates. Im Bewußtsein, für wenigstens 14 Tage im Zentrum des Weltinteresses zu stehen, steigerte sich Mexiko in einen wahren Ausgabeneskalationstaumel, der rund vier Milliarden Schilling verschlungen hat — die Hälfte des österreichischen Budgetdefizits. Daß ein solcher Aufwand in einem Staat mit extremen sozialen Gegensätzen böses Blut und daher Blutvergießen schafft, ist nicht weiter verwunderlich. Die Fremdenverkehrsattraktivität des klassischen Landes der Revolutionen dürfte erheblich gelitten haben.

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