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Zehn Turme ragen auf

Nicht alles, was Kaiser Josef II. auf kirchlichem Gebiete verfügt hat, ist schlecht gewesen. Die Errichtung der beiden Diözesen Linz und St. Pölten, die Verlegung des Bischofsitzes von Wiener Neustadt nach St. Pölten wird immer eine sehr vernünftige Regelung genannt werden müssen. i

Zudem hat er auf dem Gebiete der Diözese St. Pölten insgesamt 92 neue Pfarren errichtet: im Jahre 1783 fünfundzwanzig, 1784 zweiundfünfzig, 178 5 sieben und in drei folgenden Jahren weitere acht. Es war eigentlich des Guten zuviel. Denn es entstanden dadurch viele Pfarren, die nur rund 500 Seelen zählen und die bei dem bestehenden Priestermangel schwer zu besetzen sind. Vielleicht bringt die Zukunft eine Zusammenlegung solcher Pfarren, wodurch an Arbeitskraft gespart würde. Bei den modernen Verkehrsmitteln, bei Telephon und Auto könnte ein Pfarrer leicht zwei solcher Pfarren versehen.

Nach Kaiser Josef II. kam eine Zeit großen Stillstandes. Von 1788 bis 1900, also durch Ü2 Jahre, wurden nur drei neue Pfarren errichtet. Es hat dies seinen Grund wohl darin, daß Josef II. alle Bedürfnisse auf lange Frist befriedigt hat und die folgenden Zeiten wenig Aenderung .im Aufbau der Bevölkerung und ihrer Verteilung mit sich brachten.

Die Errichtung aller dieser Pfarren bedeutete aber nicht auch den Bau ebensovieler Pfarrkirchen. Vielfach wurden die Schloßkapellen und die oft in sehr alte Zeiten zurückreichenden Filialkirchen zu Pfarrkirchen erhoben.

Anders wurde es mit Beginn des 20. Jahrhunderts. An Orten, wo früher nur Aecker und Wiesen waren, entstanden große Fabriksanlagen, die Arbeiter siedelten sich in der Nähe an, die Entfernungen von den Pfarrkirchen wurden dadurch oft sehr groß. Es begann die Abwanderung vom Dorfe und der Zug in die Stadt. Dort wurden die Kirchen zu klein. So mußten nicht bloß neue Pfarren errichtet, sondern auch neue Kirchen gebaut werden.Schon nach dem ersten Weltkrieg wurde man sich dieser großen Not und der Verpflichtung bewußt, alles aufzuwenden, um ihr zu steuern. Eine neue Kirche zu bauen, war aber in diesen Jahren eine überaus dornenvolle Aufgabe, da es keine öffentlichen Stellen gab, die hätten helfend eingreifen können. Die gesamten Baukosten mußten Heller für Heller zusammengebettelt werden. Immerhin konnte der verstorbene Prälat Dr. Johann Litschauer \)is zum Jahre 1941 vier Kirchen bauen.

Das vielgeschmähte Kirchenbeitragsgesetz brachte aber die sehr erwünschte Möglichkeit, Beträge davon für den Neubau von Kirchen zu verwenden. Von dieser Möglichkeit wurde auch ausgiebig Gebrauch gemacht. Was seit dem Jahre 1948, wo es wieder Baustoffe gab, an Kirchen und Pfarrhöfen gebaut wurde, hat Prälat Dr. Karl Frank in der Nummer 16/1957 der „Furche“ eingehend behandelt.

Seither wurde die große Gottessiedlung (Kirche, Wochentagskapelle, Pfarrhof und Jugendräume) in L a ng e n h a r t bei St. Valentin fertiggestellt. Nach der kurzen Bauzeit von vier Jahren wurde die Kirche am 29. September 1957 geweiht. Die Pläne stammen von Architekt Josef F r i e d I, Wien. Sehr bemerkenswert, allerdings auch sehr diskutiert, ist der vom Wotruba-Schüler Franz Pöhacker, Wien, geschaffene Hochaltaraufbau, ein Marienleben in Kunststeinrelief.

Es hat sich die Gepflogenheit herausgebildet, jede Kirche in drei Bauperioden zu bauen, Fundamente und Sockel sind die erste Periode. Dafür muß in der Regel die Pfarrgemeinde aufkommen. Damit ist der Bau angefangen. Es schiebt sich dann bisweilen eine Zeit der Ruhe ein. Die zweite Periode umfaßt den Aufstieg vom Sockel bis zum Dachfirst, meist die Arbeit eines Sommers. Bisweilen kommt man nicht so weit, besonders wenn das Wetter nicht mitspielt. Diese zweite Periode ist die teuerste, schwierigste und darum auch sorgenvollste. Steht einmal der Rohbau, so ist das Spiel gewonnen. Die Fertigstellung der Kirche in der dritten Bauperiode kann sich über Jahre hinstrecken.

Im Sommer 1957 wurde bei den Kirchen in Greifenstein, Innermanzing, V e-s t e n t a 1 (Stampf) bei Steyr und Stefanshart die zweite Bauperiode durchgeführt. Fehlt auch in Greifenstein und Stefanshart hoch die Turmspitze, so konnte doch der Rohbau einen Winter lang gut austrocknen und kann nun der Verputz auf trockenen Wänden aufgebracht werden. Für die ersten drei der angeführten Kirchen muß aus finanziellen Gründen eine Ruhezeit eintreten. Die Kirche in Stefanshart soll aber unter allen Umständen noch in diesem Jahre geweiht werden, damit der Gottesdienst aus einem Gasthaus, wo er derzeit abgehalten werden muß, in die neue Kirche verlegt werden kann.

Die Kirche in Krems-Lerchenfeld wurde innen und außen verputzt, es wurden die Fenster versetzt, der Unterlagsbeton eingebracht und die Freitreppe von der Straße zur Kirche hinauf gebaut, nachdem an der Böschung große Arbeiten durchgeführt worden waren.

Im Waldviertel bei Zwettl liegt der kleine Ort Echsenbach mit einem gotischen Kirchlein und einem Wehrturm aus romanischer Zeit. Da die Kirche zu klein war, hatte man schon früher zwei Räume angebaut und sie durch den Turm mit der alten Kirche verbunden. Jetzt wollte man diesen Anbau nochmals verlängern.Die Pfarrinsassen haben aber auf Anraten des Kirchenbauwerkes den bestehenden Anbau, der so gar keinen sakralen Eindruck machte, abgerissen. Architekt Dr. Hans Petermai r, Wien„ hat im Einvernehmen mit dem Diözesankunstrat und dem Bundesdenkmalamt für die künstlerisch und denkmalpflegerisch schwierige Aufgabe eine sehr schöne Lösung gefunden. Die Kirche soll in diesem Sommer fertig werden.

Der Kirchenerweiterungsbau in Wieselburg an der Erlauf wurde vorwärtsgetrieben. Im Untergeschoß des alten Turmes wurde eine Taufkapelle eingerichtet, der Kirchenplatz neugestaltet, zu dem eine große Stiegenanlage hinaufführt. Die Kosten dieser Arbeit hat dankenswerterweise die sozialistische Marktgemeinde Wieselburg an der Erlauf übernommen.

Bei dieser Kirchenerweiterung wurde eine äußerst interessante Entdeckung gemacht. Die alte, zweischiffige gotische Kirche hatte ein scheinbar barockes Presbyterium, in dem ein Marmoraltar aus der Kartause Gaming als Hochaltar aufgestellt war. Man hatte es immer für einen Zubau zur gotischen Kirche gehalten. Die scharfen Augen des Universitätsprofessors Doktor Karl Oettinger lüfteten das Geheimnis. Dieser vermeintliche Zubau ist die älteste aufrecht stehende Kirche Niederösterreichs und Wiens und stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus der ottonischen Zeit. Man kann annehmen, daß sie vom hl. Wolfgang, gestorben 994, selber gebaut wurde, als er zum Schutze der von ihm in Steinakirchen am Forst und Umgebung angesiedelten Bauern auf der Höhe vor dem Zusammenfluß der großen und kleinen Erlauf eine Burg gegen die Ungarn errichtete. Eben ist Professor Fritz Wenninger daran, die vielen Putzschichten, die im Laufe der Jahrhunderte und bei vielen Umgestaltungen aufgetragen wurden, sorgfältig Schicht für Schicht abzulösen, um vielleicht die ursprünglichen Fresken, von denen ein Teil erhalten ist, aufzudecken. Wir wünschen ihm viel Finderglück. Das Bundesdenkmalamt, das diese Arbeiten finanziert, erwirbt sich viele Verdienste um diese ganz einmalige Kostbarkeit.

Nur eine halbe Stunde von der böhmischen Grenze entfernt liegt der durch seine Glasfabriken bekannte Ort N a g e 1 b e r g. Es ist ein ganz besonderes seelsorgliches Bedürfnis, daß dort eine Gottessiedlung mit Kirche, Pfarrhof, Kindergarten und Jugendräumen errichtet werde.1957 wurden die Vorarbeiten geleistet, heuer soll der Rohbau aufgeführt werden. Den Plan hat Architekt Josef F r i e d 1, Wien, entworfen.

Das größte Bauvorhaben der Diözese ist die Lourdeskirche im Norden der Stadt St. Pölten; einem Arbeiterbezirk mit rund 5000 Seelen. Unsere Diözese ist eine mehr ländliche Diözese. Man kann in eine reine Bauerngemeinde nicht eine hypermoderne Kirche hineinstellen. Unsere, Gott sei Dank, noch sehr eigenwillig denkende Bevölkerung würde sie glatt ablehnen und alle Mithilfe versagen. Wohl aber kann in einem Arbeiterbezirk der größten Stadt Niederösterreichs sehr modern gebaut werden. Darum hat auch Architekt Dr. Franz $ a r n a t h, St. Pölten, eine Kirche in reinemi Stahlbeton entworfen, deren Inneres dcdkoch I eine sehr sakrale Wirkung verspricht.

Da auch das Stift Lilienfeld in Traisen eine Kirche geplant hat und noch heuer den Rohbau aufführen will, gibt es in der Diözese St. Pölten zehn Kirchenbaustellen, von denen drei ruhen.

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