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Ernst Jandls Leben in einer Fülle von Texten und Bildern.

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Ernst Jandls Leben in einer Fülle von Texten und Bildern.

Meine früheste Kindheitserinnerung ist der Versuch, im Wald sitzend Tannenzapfen zu verspeisen." Ein Foto des künstlerisch ambitionierten Vaters, der lieber gemalt hätte, als dass er am Bankschalter gesessen wäre, hat diese Erinnerung Ernst Jandls bildlich festgehalten. Ein strohblondes Kleinkind auf einer Decke, die Baumfrucht in der Hand. Den Fluss der Erinnerung säumt noch weiterer Kinderfrohsinn: Bub mit Säbel, als Pfadfinder, in Lederhose mit Laubfroschhäuschen ...

Eigentlich hätte das Buch von Klaus Siblewski, der als Lektor und profunder Jandl-Kenner dessen Werk herausgegeben hat, zum 75. Geburtstag des Autors erscheinen sollen. Jandls vorzeitiger Tod rückt es in ein neues Licht. "a komma punkt ernst jandl" ist der Versuch einer Biografie, reich bestückt mit Fotos und Textdokumenten, in der mit Akribie und Sorgfalt ein komplexes Lebensfeld abgeschritten wird.

Hier tritt uns ein Experimentator radikal-ästhetischen Zuschnitts plastisch entgegen. Alles beginnt mit dem kleinen Jungen und Vorzugsschüler, der sich für kurze Zeit sogar das Priesteramt überlegt, letztendlich aber Mittelschullehrer, Sprachnormen aushebelnder Schriftsteller und Laute hervorblätternder Intonationspoet wird, dessen Gemütszustand sich im Leiden an der Schreibtischeinsamkeit zunehmend mit dunkler Melancholie überschattet.

In einem Gedicht heißt es voll grotesker Ironie: "drauf füll ich mich mit vitaminen, saridon,/antidepressiva, energetika, analeptika, kaffee, kaffee,/und werde bis zum abend nicht mehr krank (bis auf/pelzzunge und ausreichend hellen dumpfkopf ...)"

Siblewski verarbeitet umfangreiches Quellenmaterial und reichert es mit Gesprächsausschnitten aus persönlichen Begegnungen an. So manches hat Jandl in seinen Texten ja bereits selbst angerührt, wenn er mit seinen Themen tief in den persönlichen Alltag und in biografische Erinnerungen taucht.

Die bewusste Verwendung der Alltagssprache, das Aus-der-Bahn-Werfen von Wörtern, die in ihrer Verbogenheit einem eigenen Sprachkalkül gehorchen, bedeute Ausschaltung von Sentimentalität, schlicht eine Übung "in der Kunst des Ausgleitens". Siblewski verzichtet auf den Blick in Spektakuläres oder in angespannte Gefühlsfalten, nichts Grelles also, sondern er pflanzt die Stationen Jandlscher Kunstentwicklung behutsam und prägnant zugleich entlang biografischer Einschnitte in thematischen Schwerpunkten aus.

Schon als Kind ist Jandl mit Literatur in Berührung gekommen, zumal seine Mutter mit dem Auftreten einer schweren Krankheit zu schreiben beginnt. Als etwa Neunjähriger startet er zarte eigene Versuche. Später hat er den "lyrischen Proviant" von August Stramm, Wilhelm Klemm und Johannes R. Becher im Sprachrucksack und wird besonders von den Texten Gertrude Steins geprägt. Krieg und Leben öffnen ihm erste Schleusen für dichterische Arbeiten. Die spätere Nähe/Distanz-Paarbeziehung mit Friederike Mayröcker intensiviert seine Kontakte mit Autoren der Wiener Avantgarde.

Bis zum Eklat und den Entrüstungsstürmen, die über seinen Texten losbrechen, als die ersten experimentellen Sprechblasen platzen, vergehen aber noch Jahre. Mitte der fünfziger Jahre gilt er der konservativen Front in Österreich mit seinen Sprechgedichten als kultureller Provokateur, ja als Genickbrecher der Lyrik (Rudolf Felmayer). Die Veröffentlichung von "Laut und Luise" im Walter Verlag wird ein maßgeblicher Grund für die fristlose Entlassung des dort beschäftigten Schriftstellers und Verlegers Otto F. Walter.

Paradoxerweise steigert sich der Widerstand gegen Jandls Poesie weit radikaler als etwa gegen Werke der Wiener Gruppe, und das, obwohl Friedrich Achleitner Jandls Dichtung geringschätzig als "unterhaltsame Kleinkunst" abqualifiziert. Dennoch wollte sich Jandl nie auf das Experiment reduzieren lassen. Seine Arbeit rinnt immer wieder in konventionelle Formräume zurück. Er sucht den poetischen Mehrwert auch in der Integration einer "heruntergekommenen Sprache" und im Hineinwachsen seiner Literatur in die Musik. Rap, Beat und Jazz werden zum Soundtrack, zum Kontrabass, zum inneren Rhythmus seiner Texte.

Auftritte mit Musikern und Lesungen mit seinen legendären "Schnauf-, Räusper- und Rasselarien" (Karl Riha) zeigen den Sprachartisten Jandl von höchst populärer Seite. Ein sich verausgabender Poet intoniert vor einem jubelnden Publikum otto mops & Co.

All diese Stationen spielt Siblewskis interessante Biografie durch, die Zeit der Aushungerung durch Boykott (Jandl) bis zur zögerlichen Anerkennung. In einfacher, gut verständlicher Sprache, als transparenter Überblick, in dem die Dinge benannt werden, wie sie sind. In einem Epilog spricht Jandl über das Altern und über die Literatur. Und bliebe da noch Raum für einen Wunsch, dann wäre es der nach einer aktiveren Beziehung zum Saxophon: "Das Leben als ein schönes langes Saxophonsolo, das wäre nicht schlecht." Aber mit fünfundsiebzig, nein ...

a komma punkt ernst jandl - Ein Leben in Texten und Bildern Von Klaus Siblewski, Luchterhand Verlag, München 2000 216 Seiten, geb., öS 569,-/e 41,35

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