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Zirpen und Zwitschern

1945 1960 1980 2000 2020

Verliebte kennen nur ein glücksverheißendes Ziel. Für Körper und Geist bedeutet dies aber einen belastenden Ausnahmezustand. Betrachtungen zur Biologie eines großen Gefühls.

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Verliebte kennen nur ein glücksverheißendes Ziel. Für Körper und Geist bedeutet dies aber einen belastenden Ausnahmezustand. Betrachtungen zur Biologie eines großen Gefühls.

Auf der Parkbank sitzt ein Pärchen -nur der aufmerksame Beobachter sieht, dass es zwei Personen sind, haben die beiden doch alle verfügbaren Gliedmaßen eng ineinander verschlungen. Novembertag, Kälte, Nieselregen, sie spüren es offenbar nicht. Haben nur Augen füreinander. Tauschen Liebkosungen und Küsse, kindliche Gesten der Zuneigung, zärtliche Blicke. Gurrendes Lachen klingt fröhlich durch den Nebel. Passanten gehen unbeachtet vorüber, lächeln still in sich hinein ob des offensichtlichen Glücks.

Die Qualen und süßen Freuden der jungen Liebe - besser gesagt, der Zustand der Verliebtheit - lassen kaum jemanden unberührt. Nichts ergreift unser Herz so sehr, lässt es derart in Wehmut schmelzen wie das entwaffnende Gefühl, verliebt zu sein.

Glücklich ist man dabei nicht, auch wenn es so scheint als gäbe es nichts Schöneres. Doch es trügt der Schein! Verantwortlich dafür zeichnen die Belohnungsbahnen im Gehirn, die das "Kuschelhormon" Oxytocin in großen Mengen ausschütten. Dies ist notwendig, damit wir die Symptome einer ausgewachsenen Panikstörung mit Herzrasen, Bauchgrimmen und Atemaussetzern als schön, ja berauschend empfinden.

In Wahrheit nähern sich Verliebte einem besorgniserregenden Zustand. Selbst- und Fremdgefährdung steigen dramatisch an, es schwindet die Zurechnungsfähigkeit. Dabei entwickeln sich gleichzeitig Symptome schwerster Depression: Konzentration und Interessenvollzug sind erschwert, Grundbedürfnisse werden dramatisch vernachlässigt: Der Liebeshunger verdrängt jeglichen Appetit. An Schlaf ist gar nicht zu denken, ständig kreisen die Gedanken. Der Antrieb ist zwar vermehrt - aber nur im Dienste des einen glücksverheißenden Ziels.

Einem Paranoiden gleich verfolgen den Verliebten immer dieselben Bilder und Vorstellungen, einem Zwangsneurotiker gleich mehren sich Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Einem Süchtigen gleich gibt es nur mehr eine einzige Linderung der Qualen. In der Tat befindet sich der Körper eines frisch Verliebten hormonell in einem absoluten Ausnahmezustand, der im Fall der Dauerhaftigkeit den sicheren Tod bedeuten würde.

Im Getöse der Hormone

Grund dafür ist ein chronischer Serotonin-Mangel. Dieser Botenstoff gilt als das Glückshormon, das für Zufriedenheit sorgt. Ein Paradoxon, fühlt sich der Verliebte doch selbst überglücklich, auf rosa Wolken schwebend. Und doch fehlt gerade dieses Hormon aus gutem Grund. Viel später wird es zwar benötigt werden, um ein tief empfundenes Glücksgefühl hervorzurufen. Doch Glück und Zufriedenheit sind nicht gefragt, denn diese bedeuten auch wenig Antrieb, etwas zu ändern. Zielstrebigkeit um jeden Preis ist aber gerade in der Phase der Verliebtheit unabdingbar für die Erreichung des gelobten Landes: dieses, und nur dieses einen Partners. Warum ist es aber nötig, zwei Menschen einer derartigen Tortur auszusetzen?

Aus dem Blickwinkel der Biologie, ja ganz prosaisch im Interesse der Fortpflanzung, sind zwei Wesen zusammen zu bringen, die so unterschiedlich sind wie der finstere und streitbare Kriegsgott Mars und die liebliche Venus, die Schaumgeborene. Ohne das gewaltige Hormongetöse würden wohl die meisten von uns - vernünftig überlegend - ihrer Wege gehen und ein einfaches und beschauliches Leben für sich alleine wählen, ohne Herzschmerzen, Kümmernisse und Enttäuschungen, aber eben auch ohne sie: DIE große Liebe.

Synchronisierung der Partner

Die Natur lässt hier sehr kurzfristig einen absoluten Ausnahmezustand zu, der sofort wieder abgestellt wird, sobald das Ziel erreicht ist. Das Zirpen, Zwitschern, Tirilieren und Geflatter, das Räderschlagen und Gekoller ist nicht zufällig nur im Frühjahr zu hören. Singvögel verlieren im Winter ihre Lust am Singen ebenso wie an federgeplusterten Schaukämpfen. Paarung gelungen, keine Notwendigkeit mehr, aufwändige Verhaltensweisen aufrecht zu erhalten.

Der Vergleich mit dem Vogelreich ist legitim. Denn überall dort, wo eine feste Paarbindung eingegangen werden soll, damit die Nachkommen überlebensfähig sind, ist ein aufwendiges Balzritual erforderlich. Daher erinnern verliebte Pärchen auch nicht ganz zufällig an turtelnde Tauben. Die Balz enthält im Vogelreich, wie auch beim Menschen, Elemente der Brutpflege. Die Partner wechseln dabei die Rollen, wie um einander zu demonstrieren, dass sie fähig sind für ein abhängiges Wesen zu sorgen. Der Zungenkuss ist eine ritualisierte Fütterung, wurde doch in der Urzeit Nahrung vorgekaut und den Kleinen direkt in den Mund gespuckt.

Jahrmillionen an Erotik

Vögel haben eine längere Tradition als gleichrangige Eltern - 50:50, wenn man so will. Das Brutgeschäft außerhalb des Körpers lässt eine egalitäre Elternschaft leichter zu, das Füttern ist ebenfalls beiden Elternteilen gleichermaßen möglich. Säugetiere haben hingegen während 60 Millionen Jahren ihrer Evolution einen anderen Weg beschritten, sind es doch die Weibchen alleine, welche in ihrem Körper die Jungen austragen und sie anschließend mit ihrer Milch ernähren. Im Vergleich zum Vogelreich spielt der "Säugervater" oft eine untergeordnete Rolle. Im Primatenreich einzigartig ist die Unreife des neugeborenen Menschenbabys. Ein immer größer werdender Kopf musste durch einen immer schmäler werdenden Knochenring geboren werden. Eine Situation, die vor rund fünf Millionen Jahren akut wurde. Die Folge war eine so genannte physiologische Frühgeburt.

Die größere Abhängigkeit der Neugeborenen verlangte größere Aufmerksamkeit von den Müttern und infolge auch die Beteiligung des Vaters, dessen Aufgaben stammesgeschichtlich ursprünglich jedoch ganz andere waren: Revierverteidigung, Rangordnungskämpfe, alles - nur keine emotionale Zuwendung zu Weib und Kind. Das Interesse des Säugetiermännchens an seiner Partnerin war über Jahrmillionen allein getriggert von erotischen optischen Reizen und Gerüchen in der Paarungszeit. Weibchen hingegen waren bereits auf Partnerschaft eingestellt, allerdings auf die mit einem immer abhängiger und bedürftiger werdenden Wesen, eine enge emotionale Bindung, der allerdings jegliche Sexualität fehlt. Die aufwändige und aufreibende Phase der Verliebtheit dient daher der Synchronisierung dieser beiden so konträren Partner. Bei aller Ähnlichkeit der Gefühlswallungen und Empfindungen muss dabei doch eine deutlich geschlechtsspezifische Strategie gefahren werden. Studien des Hormonstatus an verliebten Männern und Frauen haben gezeigt, dass der Testosteronspiegel beim Mann sinkt, während er bei der Frau steigt. Bei ihm nimmt dadurch die Aggression ab, bei ihr steigt das sexuelle Interesse.

Mutterliebe vs. Sexualität

Um es mit einfachen Worten zu sagen: Männer werden emotionalisiert, Frauen sexualisiert. Die Frau kommt heute nach wie vor eher über die Schiene Mutterliebe in die Partnerschaft, ihre bereits gut ausgereiften Gefühle für ein schutz-und zuwendungsbedürf tiges kleines Wesen werden auf ein etwas größeres Raubeinigeres erweitert. Dabei kommt die Sexualität hinzu. Sie verliert im Dienste der dauerhaften Paarbindung alle äußeren Zeichen der fruchtbaren Phase, die im Primatenreich ihre Fortpflanzungsbereitschaft signalisiert hat. Nunmehr ist sie ständig sexuell ansprechbar, während jeder Phase ihres Zyklus.

Der Mann kommt hingegen auch heute noch eher über die Schiene Sexualität in die Beziehung. Ihm fehlt es nicht an sexuellem Interesse, bei ihm müssen vermehrt Gefühle der Zuneigung und Fürsorge entwickelt werden. Dies geschieht bei beiden Partnern über den uns nun schon bestens bekannten wilden Hormoncocktail, der Männer und Frauen gleichermaßen aus sehr gutem Grund in diesen physiologischen Ausnahmezustand versetzt: So lange, bis sie davon überzeugt sind, den einzig wahren Menschen gefunden zu haben, mit dem es sich lohnt, sein Leben zu verbringen.

Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, schaltet die Natur die kostspieligen Verhaltensweisen gnädig ab. Die Verliebtheit weicht der Liebe, welche nun vom Glückshormon Serotonin dominiert wird. Der Testosteronspiegel des Mannes wird weiter reduziert. Nestbau ist nun angesagt, kein wildes Geflatter mehr. Bei ihr hingegen verbleibt die sexuelle Ansprechbarkeit, auch in Phasen, in denen gar keine Fortpflanzung mehr vorgesehen ist.

Dauerhafte Zufriedenheit ersetzt allmählich das wilde ungestüme Treiben, der Ernst des Lebens darf wieder in den Vordergrund rücken. Mit einem wesentlichen Unterschied: Zu zweit sind die Unwägbarkeiten des Lebens sehr viel leichter zu bewältigen. Die wilde Phase hat sich demnach mehr als ausgezahlt.

Die Autorin ist Biologin und arbeitet am Neurolog.-Psychiatr. Zentrum Belvedere in Wien

Frauen fühlen anders. Männer auch. Von B. Schweder. Orac Verlag 2012. 192 Seiten, geb., € 22,00

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