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"Zufriedenheit wäre das Ende"

1945 1960 1980 2000 2020

Regiepläne hat Helmuth Lohner vorläufig aufgeschoben. Der neue Chef im Wiener Theater in der Josefstadt nimmt böse Kritiken sehr ernst.

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Regiepläne hat Helmuth Lohner vorläufig aufgeschoben. Der neue Chef im Wiener Theater in der Josefstadt nimmt böse Kritiken sehr ernst.

dieFurche: Sehen Sie bei einem Stück zuerst auf die Rollen oder die Aussage?

Helmuth Lohner: Wenn ein Stück sehr gute Rollen hat, dann ist es ein gutes Stück. Ich bin Schauspieler und nicht in erster Linie Dramaturg. Dann kommt natürlich als zweites, wie wichtig das, was das Stück sagen will, für mich ist. Ich möchte nur Friederike Roth anführen mit "Das Ganze ein Stück", mit dem sie natürlich das Leben meint, daß das Leben ein sehr dramatisches oder weniger dramatisches Theaterstück ist, mit Höhepunkten, mit langweiligen Akten, und was da alles hineinspielt.

dieFurche: Über die Qualitäten dieses Stückes sind die Meinungen sicher geteilt, aber unbestritten war es für die Josefstadt etwas Neues und hat beim Publikum heftige Reaktionen ausgelöst. Akzeptiert das Publikum diesen Weg? Sind Sie mit Ihrer Zwischenbilanz als Direktor zufrieden?

Lohner: Zu dem Ganzen ist ja Gott sei Dank der Ausgleich mit der "Höllenangst" gekommen, wo zwar meine Regie heftig gebeutelt wurde, aber es hat einen ziemlichen Zustrom vom Publikum, Jungen und Älteren. Zufrieden - das ist so eine Frage. Es scheint mir völlig ausgeschlossen, daß ich mich einmal in meinem Leben zufrieden zurücklehne, zufrieden mit mir und zufrieden mit meiner Arbeit. Das wäre das Ende. Solange man denken kann, hat man die Aufgabe, nicht zufrieden zu sein mit sich selber, sondern man muß immer wieder sagen können, vielleicht kann ich es doch besser machen.

dieFurche: Sie gehören daher auch nicht zu jenen, die, auf ihr Leben angesprochen, sagen, sie würden wieder alles genauso machen, sondern Sie würden manches anders machen?

Lohner: Natürlich. Ich habe mir schon überlegt, ob ich, wenn ich wieder 17 wäre, einen anderen Beruf anstreben würde. Ich glaube nicht. Für mich war es eine Notwendigkeit zum Theater zu gehen, aber nicht um mich darzustellen, sondern um die Dinge, die in der Literatur vorhanden sind, weiterzugeben. Natürlich, diese Ambition, mit Literatur und Kunst die Welt zu verbessern, den Menschen mit Shakespeare und Goethe zur Einsicht zu bringen, das habe ich schon aufgegeben. Wir haben seit fast 2000 Jahren die Evangelien, nicht einmal das Wort Gottes hat es geschafft, die Menschen zu verbessern ...

dieFurche: Aber sicher geht doch immer wieder jemand aus dem Theater und sagt sich: Heute habe ich eine neue Erkenntnis gewonnen ...

Lohner: Das kann sein, das ist eine große Hoffnung, aber die Alltäglichkeit und das Leben nimmt ihn wieder so gefangen und der Beruf, der tägliche Streit um die Existenz, überhaupt die Existenzängste, von denen Menschen befallen sind und immer befallen waren. Man muß sich damit begnügen, daß es die Menschen als schön, als nachdenklich empfinden. Ich will ein Theater machen, wo man ein paar Tage länger als üblich darüber nachdenken kann, sei es mit Aufregung oder Ablehnung, sei es mit Empörung oder Zustimmung. Dann hat man schon sehr viel erreicht. Was nicht unbedingt mit Provokation zu tun hat.

dieFurche: Als moralische Anstalt ist das Theater für Sie also eher erfolglos?

Lohner: Wie die Bibel.

dieFurche: Das schließt aber nicht ein Bemühen in diese Richtung aus ...

Lohner: Das Bemühen muß immer vorhanden sein, genauso wie es in den ernstzunehmenden Religionen darum geht, den Menschen zur Einsicht zu bringen. So ist es doch auch auf dem Theater. Shakespeare drückt es am schönsten aus: Der Zeit und den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Das ist unsere Aufgabe, sie wird auch bleiben und angenommen werden.

dieFurche: Kunst als reine Unterhaltung wäre Ihnen jedenfalls zu wenig?

Lohner: Unterhaltung ist ein weites Feld. Ich will nicht ketzerisch sein, aber ich halte auch die Beethovensche Missa solemnis für Unterhaltung, auf dem höchsten Niveau natürlich. "Götterdämmerung" ist Unterhaltung, es fällt leider Gottes unter den gleichen Begriff wie "Gräfin Mariza". Es ist nicht zu begreifen, aber beides ist Unterhaltung.

Wenn man sagt: Theater dient der Unterhaltung, so gilt das auch für jedes Buch. Man liest ja hoffentlich kein Buch, um Zeit totzuschlagen, sondern die Lernwilligkeit soll ein Teil der Unterhaltung sein. Lernen soll ein Vergnügen sein, da lernt man am leichtesten - bereits in der Schule.

Ich war 1955 bei einem Vortrag von Heisenberg in Berlin, für mich eines der größten theatralischen Vergnügen, obwohl ich nicht die geringste Ahnung von Mathematik hatte. Aber er hat seine Formeln so wunderbar erklärt, daß ich das Gefühl hatte, ich höre größte Literatur. Ich habe überhaupt nichts verstanden, aber die Persönlichkeit hat mich so beeindruckt. Er hat unglaubliche Dinge an die Tafel geschrieben und einem immer so zugenickt - "No, das verstehen Sie ja" -, als wäre es das Einfachste von der Welt. Es hatte die Sinnlichkeit, und das ist das wichtigste.

Wir sind von Unterhaltung ausgegangen - ein furchtbarer Begriff für mich ist Zerstreuung. Das ist für mich Zeit totschlagen. Wenn wir jung sind, tun wir so, als hätten wir einen ungeheuren Vorrat an Leben. Wenn man sich das ausrechnet in Minuten, so ist das eine entsetzlich kurze Zeit. Die Minuten verschleudern mit bloßer Zerstreuung, das ist, finde ich, das Ärgste, was man machen kann.

dieFurche: Welche Josefstadt-Premieren stehen bevor?

Lohner: Die nächste ist "Glaube, Liebe, Hoffnung", dann folgen "Der Tod des Handlungsreisenden" und "Der Raub der Sabinerinnen", ein Klassiker, denn wirkliche Lustspiele sind in der deutschen Sprache nicht zu Hause. Dann kommen die Festwochen-Uraufführung von Botho Strauß und zugleich im Theater an der Wien "Figaro läßt sich scheiden".

dieFurche: Sie selbst spielen ...

Lohner: ... im "Tod des Handlungsreisenden" und bei "Figaro läßt sich scheiden".

dieFurche: Ist Ihnen Ensemblepflege ein Anliegen?

Lohner: Soweit es möglich ist, das ist doch ganz klar. Ich weiß doch um die Qualität jedes einzelnen. Natürlich, in der Josefstadt waren immer Gäste vorhanden, aber die haben sich innerhalb kürzester Zeit so eingelebt, daß man keinen Unterschied gemerkt hat. Ich selbst hatte nie einen festen Vertrag, war mehr oder weniger auch Gast, aber ich konnte mich schnell ins Ensemble einfügen. Der erste feste Vertrag ist der Direktionsvertrag.

dieFurche: Die Josefstadt hatte immer ein bestimmtes Image. Soll Ihrer Meinung nach ein Theater Schwerpunkte setzen, unverwechselbar sein, oder soll dort alles möglich sein?

Lohner: Theater muß für alles offen sein. Jedes Theater entwickelt natürlich im Laufe der Jahre eine gewisse, völlig eigene Ästhetik, das war auch in der Josefstadt und im Burgtheater der Fall. Aber ich finde, daß ein Theater, das technisch entsprechend ausgestattet ist, für alles offen sein muß: Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir in der Josefstadt mit gutem Gewissen die Wallenstein-Trilogie, vor allem "Wallensteins Lager", spielen könnten, da würde es etwas eng auf unserer Bühne, aber sonst wüßte ich nichts, was man hier nicht spielen könnte. Ich ließ mir nie ein Etikett aufdrücken, und so empfinde ich das auch fürs Theater. Die gute Vorstellung ist für mich das Prinzip und nicht die Eigenheit eines Hauses.

dieFurche: Werden Sie selbst in nächster Zeit Regie führen?

Lohner: Nein, alle Themen die ich hatte, habe ich zurückgestellt. Nachdem die Regie von der "Höllenangst" auf solche Ablehnung gestoßen ist, werde ich mich da etwas zurückziehen und weniger Gelegenheit bieten, Breitseiten auf mich abzufeuern.

Das Gespräch führte Heiner Boberski.

Zur Person Vielgereister Schauspieler, neuerdings Theaterleiter Helmuth Lohner, 1933 in Wien geboren, stammt aus Ottakring. Seine Karriere, die ihn im ganzen deutschen Sprachraum herumführte, begann an jenem Haus, das er seit September 1997 als Direktor leitet, am Theater in der Josefstadt in Wien. Vor allem in Wien und Zürich, in München und Hamburg, in Düsseldorf und Salzburg, wo er 26 Jahre bei den Festspielen mitwirkte, kennt und schätzt ihn das Publikum.

Lohner hat unzählige Rollen auf der Bühne, im Film und im Fernsehen verkörpert, einzelne davon hervorheben will er nicht. Neben Shakespeare, Schiller und Nestroy steht er Goethe - durch die Erarbeitung des Mephisto mit Fritz Kortner - besonders nahe.

Abseits vom Theater und der Literatur interessiert den stets selbstkritischen Schauspieler und Regisseur vor allem Sport, insbesondere die Leichtathletik und das Bergsteigen. Letzteres hält er für eine gute Schule, die eigenen Kräfte richtig einzuschätzen.

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