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Zukunftsarchitektur

"Next' wird heuer zum Spiegel nationaler Befindlichkeiten ... Es begnügt sich nicht mit der Bestandsaufnahme, sondern sucht Wege aus dem globalen Chaos."

Die malerisch verfallenen Giardini in Venedig sind oft Schauplatz großer Kunstausstellungen. 1980 fand hier die erste internationale Architekturbiennale statt, längst hat sich die Leistungsschau der Nationen vom Geheimtipp zur Pilgerstätte für Interessierte gemausert. Zum achten Mal ist heuer das Expo-Areal Bühne der Weltarchitektur. Kurator Deyan Sudjic, renommierter Londoner Kritiker und Autor, gab mit "Next" ein substantielles Thema vor. Über 140 Projekte, geplant oder gerade im Bau, loten das zukunftsweisende Potenzial der Architektur aus. Ein Entwurf birgt schon Lösungen für globale oder regionale Probleme in sich. Projekte aus 35 Ländern lassen eine Vision der Welt aus der Architekten-Perspektive entstehen.

Josef Hoffmann, Carlo Scarpa, Gerrit Thomas Rietveld, Bruno Giacometti, Alvar Aalto, Philip Cox und andere planten die 26 Länderpavillons. Dokumente räumlicher Qualität, die zeigen, was Architektur bedeuten kann. "Next" wird heuer zum Spiegel nationaler Befindlichkeiten und entwirft so ein buntes Panorama der Welt. Es begnügt sich nicht mit der Bestandsaufnahme, sondern sucht Wege aus dem globalen Chaos.

Trauma einer Weltmacht

Ein Modell des World Trade Center begrüßt Besucher im amerikanischen Pavillon. "The Aftermath and Before", eine Fotoserie von Josel Meyerowitz ruft die Erinnerung an dieses Trauma einer Weltmacht wieder wach. Verschiedene Phasen der Zerstörung, das ausgebrannte Skelett der mächtigen Türme, Kräne, berührende Aufnahmen von Menschen zwischen Trümmern und Rauch, erschöpfte Feuerwehrmänner, Hilfstrupps. 7.000 Fotos machte Meyerowitz vom 11. September bis heute. "Past, Present, Future": tapfer richtet die verletzte USA den Blick in die Zukunft, 60 namhafte Architekten aus allen Erdteilen bearbeiteten den "Ground Zero". Die einzelnen Beiträge tragen deutlich die Handschrift ihrer Schöpfer: Daniel Libeskind entwirft dynamisch schräge, brüchig-zarte Turmsplitter, Steven Holl einen fließenden Bewegungsraum von gigantischer Dimension, in dem Fotos aller Verstorbenen mit Kerzen die Erinnerung wach halten sollen. Prinzipiell schwanken die Projekte zwischen den Polen demütiger Enthaltsamkeit, die den Ort leer lässt, schütter bebaut oder in den Untergrund ausweicht, und mehr oder weniger spektakulären neuen Türmen. Der Japaner Shigeru Ban schlägt einen kleinen Rundtempel aus Papier vor: "Ich zeichnete dieses temporäre WTC-Memorial gleich nach dem elften September. Vielleicht wegen meiner Erfahrung mit der Papierkirche' 1995 nach dem Erdbeben in Kobe, die Freiwillige bauten. Ich kann mir nicht vorstellen, ein weiteres Hochhaus als Manifest des EGO zu entwerfen."

Russland inszeniert seinen Pavillon mit Glassplittern, Metall und klassischer Musik: zu sehen sind die ersten zwei großen Kulturbauten der Post-Soviet-Ära. In St. Petersburg plant Stararchitekt Eric Owen Moss die Rekonstruktion des Mariinski Theaters als Kontrast zur Geschichte. Ein explosives, organisches Gebilde sprengt die klare Geometrie des Zubaus, Computersimulationen nehmen den Raumeindruck des spektakulär geschichteten Auditoriums vorweg. Eine russische Architektengruppe um Mikhail Khazanov rekonstruierte das Bolshoi-Theater in Moskau. Behutsam bewahrend, eine Fassade wird versetzt, dazwischen schafft Glas Raum, ein unterirdisches, von oben belichtetes Foyer wird zum neuen Eingang. Die wirkliche Lage der Nation ist in der Installation im Erdgeschoss spürbar: Holzstege führen über Wasser ins Dunkel, sie enden im Chaos zerbrochener Spiegel, gläserner Skulpturen, aufflackernder Neonröhren. Momente verletzlicher Poesie, tausendfach gespiegelt: nur die Illusion bleibt.

Erster Auftritt der Ukraine

Die Ukraine zeigt sich bei ihrem ersten Biennale-Auftritt als Land auf Identitätssuche. Nach Jahrzehnten sozialistischer Planwirtschaft sollen neue Planungsstrukturen Ordnung schaffen. Stadt-Regional-Landwirtschaft-Verkehrsentwicklungspläne, auf Kegel geklebt, stehen auf Kinderzeichnungen: Metapher für Zukunftspotenzial. Viel konkreter sind die Visionen der förderativen Republik Jugoslawien. Wie ein Gräberfeld, dunkel, von Steinwegen durchzogen, ist der Pavillon gestaltet. Zukunft und Wiederaufbau liegen als leuchtende Wegmarken am Boden. "Konstruction - next work - next place - next generation": dazu werden auf hinterleuchteten Fotos Herzeigeprojekte präsentiert. Das Memorial Centre in Ravna Gora von Spasoje Krunic fällt auf, Studentenarbeiten stimmen positiv.

"Next": die nächste Architektengeneration ist Deutschlands naheliegender Hoffnungsträger. Der Biennale-Pavillon wird zum Entwurfsprogramm für Studenten verschiedener Universitäten. Am kleinen, vor Ort erfahrbaren Objekt sind ihre Ideen im Modell zu überprüfen. Fünf junge Architekten unter 40 repräsentieren die Niederlande. Ihre Bauten bestätigen das innovative, experimentelle Potenzial, das Holland zu einer führenden Architekturnation macht. Die kollektive Leistungsschau "Fresh Facts" wurde von der Jury zur besten der heurigen Biennale gekürt. Eine gläserne Röhre dient als Präsentationsfläche. MVDR zeigt darin Fotos seines "Hageneiland Housing" in Ypenburg, Den Haag. Die Architekten konnten die Monotonie der Einfamilienhaussiedlungen brechen und trotz strenger Bauvorschriften leistbare, moderne Wohnungen mit hoher Lebens-und Freiraumqualität schaffen. Der Traum vom Haus, vernünftig erfüllt. René van Zuuk stellte mitten am Wasser in Zeefolde, dem jüngsten Dorf der Niederlande, den Kunstpavillon "De Verbeelding" auf. Eine elegante Raumskulptur aus Metall, einzigartig in die Landschaft gesetzt. VMX Architects verwirklichten ein Projekt, auf das Holland lang gewartet hat. Ihr temporärer Fahrradständer der Central Station in Amsterdam nutzt Raum sinnvoll, er bietet 2.500 Rädern Schutz vor Regen und Diebstahl. Einfach und effizient: eine mehrgeschossige Rampe mit Radfahrbahn in der Mitte.

Spanien sucht innere Landschaften auf Hieronymus Bosch, um in räumlich nicht fassbare Dimensionen der Architektur vorzudringen. Samtige Pfirsichhaut, Muster, Strukturen, Schatten, Natur auf Videoscreens am Bosch-tapezierten Boden. Österreich bleibt unangefochtenes Geburtsland der Psychoanalyse. Heidulf Gerngroß gestaltete seinen Raum mit Selbstporträt, Stofftieren, Galerie und spartanischem Künstlerschlafplatz sehr persönlich, er liebt hörbar Glenn Gould oder "Nick Cave and the Bad Seeds". Jan Turnovskys Schriften pflastern andere Wände, seine geistigen Höhenflüge erschließen sich schwer, Voraussetzung ist Kenntnis der deutschen Sprache. Rainer Köberl setzte seinen Teil des Hoffmann-Pavillons unter Wasser, ohne Holzstege. Will man sich setzen, muss man barfuß durchs Nass, schwarze Handtücher zum Trocknen hängen bereit. An den Wänden dokumentiertes Scheitern: e-Mails, die erläutern, warum Köberls geplantes Projekt der dauernden Giardini-Nutzung nicht stattfindet. Viel Spaß macht Nelo Auer's "tasting architecture". Bunte Kissen laden zu Kuscheln, Kringeln, Polsterschlacht. "Please take off your shoes and jump in!" Ohne Anstrengung geht in Österreich nichts.

Visionen aus den Favelas

Wirkliche Signale kommen aus den benachteiligtesten Ländern dieser Erde. In Venezuela entwickelte Architekt Juan Pedro Posani mit anderen Kollegen ECCs - Espacios Culturales Comunitarios. Gemeinsam mit den Bewohnern der ärmsten Siedlungen werden Hausformen geplant, dieser Prozess motiviert Menschen, stärkt die Gemeinschaft und hebt das Selbstwertgefühl. Durch klimagerechtes Bauen, vorgefertigte Elemente, rasche Montage und sorgsame Planung mit Licht können die Architekten schnell und billig die Lebensbedingungen der Armen massiv verbessern. Die Bauten sind durchwegs anspruchsvoll.

Mit einer Hütte aus Wellpappe, Blech, rostigem Altmetall und sonstigem Müll macht Brasilien auf die gravierende Situation in den Favelas aufmerksam. Fotos von in Stockbetten übereinandergepferchten Familien, Baracken auf Stelzen, Mistbergen und ähnlichem dokumentieren kaum vorstellbares Elend. In São Paulo leben vier Mio. Menschen so, in Rio die Hälfte. Hier wird Architektur zum Hoffnungsträger. "Next Cities: Cities without slums" zeigt Strategien, die Lebensbedingungen in den Favelas zu verbessern. Einfache, schmucke Siedlungen entstehen, andere Projekte schenken den urbanen Unorten bunte Spiel- und Sportplätze. Architekt Arqui Traço bringt in Rio de Janeiro Bewohnern bei, wie sie ihre Fassaden selbst streichen und ausbessern können. Eine kleine Maßnahme, die viel bewirkt. Die Favelas werden schöner, die Menschen bekommen die Chance, mit den erworbenen Fähigkeiten Geld zu verdienen.

Ägyptische Inspirationen

Ägypten erzählt "The next story", die Vision aus der alten Hochkultur von Amr Ezzedin Abdel Kawi und Karim El-Ghazalil Kesseiba. Sie wollen sich nicht mit dem "Entweder-Oder" abfinden, das unsere Welt prägt. Gegensätze wie Global - Lokal, Ökologie - Technologie, Globalisierung - Differenzierung, Kunst - Bauen sollen wieder zu einander finden. Sinnlich mystisch gestaltet, voller Gedanken, Bilder und poetischer Kunstwerke wird der Raum zum erfahrbaren Weg. Vom Dunkel ans Tageslicht der Wirklichkeit. Er endet mit einem Appell: "Sie und ich stehen hier am Wasser, das unser Bild der Welt spiegelt. Es liegt an jedem von uns, tief in die Seele zu spüren, um nach dem Stein zu greifen, der, ins Wasser geworfen, Kräusel bildet, die die Welt verändern."

Die finnischen Architektinnen Saija Hollmén, Jenni Reuter und Helena Sandman haben mit ihrer sensiblen und engagierten Planung die Dörfer Rufisque im Senegal und Mali in Guinea verändert. Einfühlungsvermögen, Respekt und die intensive Auseinandersetzung mit Handwerk, Kultur und Lebensweise Afrikas prägen ihre Projekte. Aus rotem Lehm, um einen Innenhof herum ist das Frauenzentrum im Senegal gebaut, der Sonnenschutz der Villa Eila besteht aus Schilfrohr.

Bis 3. November dauert die internationale Architekturbiennale. Was hier zu sehen ist, reicht weit darüber hinaus. Ob sich der Zustand in den Favelas Brasiliens bessern, das Gewicht der Dritten Welt erhöhen oder das 11. September- Trauma der USA heilen wird, liegt in der Zukunft. "Next" war nur der Anfang.

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