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Feuilleton

Zuschauer ist den Figuren voraus

1945 1960 1980 2000 2020
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Hannas Freund Alex hat den blauen Baumwollpulli wie immer um seine in ein Lacoste-T-Shirt gekleidete Schultern gelegt, was Lässigkeit demonstrieren soll, aber im stereotypen Sinn direkt auf Spießertum schließen lässt. Alex ist Hanna (Karoline Schuch) von Berlin nach Tel Aviv besuchen gekommen, weil sie dorthin von ihrer Mutter zur Teilnahme an einem "Friedensdienst-Projekt" verdonnert wurde; nun sitzt er mit ihr in einer Strandbar und fragt: "Sind das eigentlich alles Juden hier?""Keine Ahnung, ich glaube schon", antwortet Hanna.

Karrierestation vs. Sehnsuchtsort

Es ist ihre entschlossene Zurückweisung eines Schuld-Komplexes, der ihr selbst als in den Achtzigern geborene Deutsche immer noch in die Wiege gelegt wird, die Hanna am stärksten definiert, und die sie direkt zickig werden lässt, wenn sie die Annäherungsversuche ihres israelischen Kollegen Itay (Doron Amit) - zumindest anfangs - abwehrt. Für die ehrgeizige BWL-Studentin Hanna erhöht ein Praktikum in Israel einfach die Jobchancen, und für Itay ist Berlin ein Sehnsuchtsort, weg von einer militaristisch geprägten Gesellschaft.

Das Problem von Julia von Heinz' Film ist nicht, dass er mit Selbstbewusstsein gegen Berührungsängste im Umgang mit der NS-Vergangenheit angeht. Schade ist eher, dass der Film mehr Drama sein will, als sein dramaturgische Aufbau, der einer ganz herkömmlichen und spannungsarmen romantischen Komödie folgt, ihm erlaubt: Vorhersehbare Handlungen, absehbare Charakter-Katharsis, keine komplizierten Wendungen, und der Zuseher ist den (gerne stereotyp gezeichneten) Figuren immer um 30 Minuten Erkenntnisgewinn voraus.

Hannas Reise (Hanna's Journey.)

D/IL 2013. Regie: Julia von Heinz. Mit Karoline Schuch, Doron Amit, Leah König. Polyfilm. 100 Min.

Weitere Kritiken: siehe Seite 4/5

Hannas Freund Alex hat den blauen Baumwollpulli wie immer um seine in ein Lacoste-T-Shirt gekleidete Schultern gelegt, was Lässigkeit demonstrieren soll, aber im stereotypen Sinn direkt auf Spießertum schließen lässt. Alex ist Hanna (Karoline Schuch) von Berlin nach Tel Aviv besuchen gekommen, weil sie dorthin von ihrer Mutter zur Teilnahme an einem "Friedensdienst-Projekt" verdonnert wurde; nun sitzt er mit ihr in einer Strandbar und fragt: "Sind das eigentlich alles Juden hier?""Keine Ahnung, ich glaube schon", antwortet Hanna.

Karrierestation vs. Sehnsuchtsort

Es ist ihre entschlossene Zurückweisung eines Schuld-Komplexes, der ihr selbst als in den Achtzigern geborene Deutsche immer noch in die Wiege gelegt wird, die Hanna am stärksten definiert, und die sie direkt zickig werden lässt, wenn sie die Annäherungsversuche ihres israelischen Kollegen Itay (Doron Amit) - zumindest anfangs - abwehrt. Für die ehrgeizige BWL-Studentin Hanna erhöht ein Praktikum in Israel einfach die Jobchancen, und für Itay ist Berlin ein Sehnsuchtsort, weg von einer militaristisch geprägten Gesellschaft.

Das Problem von Julia von Heinz' Film ist nicht, dass er mit Selbstbewusstsein gegen Berührungsängste im Umgang mit der NS-Vergangenheit angeht. Schade ist eher, dass der Film mehr Drama sein will, als sein dramaturgische Aufbau, der einer ganz herkömmlichen und spannungsarmen romantischen Komödie folgt, ihm erlaubt: Vorhersehbare Handlungen, absehbare Charakter-Katharsis, keine komplizierten Wendungen, und der Zuseher ist den (gerne stereotyp gezeichneten) Figuren immer um 30 Minuten Erkenntnisgewinn voraus.

Hannas Reise (Hanna's Journey.)

D/IL 2013. Regie: Julia von Heinz. Mit Karoline Schuch, Doron Amit, Leah König. Polyfilm. 100 Min.

Weitere Kritiken: siehe Seite 4/5