Zwei Primadonnen - und eine Hosenrolle

Anna Netrebko und Elina Garanca machten die Neuproduktion von Donizettis "Anna Bolena“, die damit ihre Erstaufführung an der Wiener Staatsoper erlebte, zum Ereignis. Allen sonstigen Einschränkungen zum Trotz.

"Erfolg, Triumph, Delirium: Es war, als ob das Publikum verrückt geworden wäre. Alle sagten, sie könnten sich nicht erinnern, je bei einem solchen Triumph zugegen gewesen zu sein“, schrieb Gaetano Donizetti nach der Uraufführung seiner "Anna Bolena“ am 26. Dezember 1830 im Mailänder Teatro Carcano an seine Frau. Nicht weniger euphorisch hätte er gewiss über die jüngste Premiere der Wiener Staatsoper, die diese Tragedia lirica zum ersten Mal auf ihr Programm setzte, berichtet.

Weite und Gespanntheit

Erstmals zu hören war die Oper in Wien freilich schon 1833 am Theater in der Josefstadt in einer deutschen Übersetzung von Joseph Kupelwieser sowie am Kärntnertor-Theater in einer deutschen Übertragung von Braun von Braunthal; bereits im Jahr zuvor hatte ihre österreichische Erstaufführung in Graz stattgefunden. Nach 1880 geriet "Anna Bolena“ in Vergessenheit. Erst in den späten 1950er-Jahren, wesentlich beeinflusst von Luchino Viscontis Modellinszenierung an der Mailänder Scala mit der Callas und der Simionato, kam es zu einer Renaissance dieses Werks.

Jetzt ist der Zweiakter im Wiener Haus am Ring gelandet. Aus gutem Grund: weil man dafür eine Besetzung gefunden hat, die in den weiblichen Rollen nicht besser, vor allem nicht aufregender sein könnte. Voran Anna Netrebko, die mit selbstverständlicher Bravour und mitreißender Dramatik die Titelpartie nicht nur singt, sondern den ganzen Abend mit nie nachlassender Intensität durchlebt. Kühler, distanzierter gestaltet, sängerisch nicht weniger brillant und ebenso hinreißend perfekt, Elina Garanca als Giovanna Seymour. Alleine diese beiden herausragenden Singschauspielerinnen rechtfertigen die Wahl dieses Werks, das - man kann es getrost vorhersagen - zum Publikumsrenner dieser Staatsopernsaison werden wird.

Eindringlicher als in seinen Opern zuvor zeigt sich Donizetti in seiner "Anna Bolena“ von der Weite und Gespanntheit von Bellinis Kantabilität inspiriert. Hört man genauer hin, findet man darin schon jene musikalische Ironie, wie sie später für Verdi typisch werden sollte. Vorausgesetzt, man arbeitet dies mit so viel Sachverstand und Feingefühl heraus, wie Evelino Pidò, der sich nicht zuletzt als Donizetti-Spezialist einen internationalen Namen gemacht hat. Allerdings hätte man sich insgesamt mehr Präzision sowohl vom Orchester als auch von den etwas zurückhaltend agierenden Choristen gewünscht.

Ausgezeichnet die Bühnenpräsenz und vokale Differenzierung, mit denen Elisabeth Kulman dem Smeton Kontur verlieh - womit sie zudem sämtliche männliche Darsteller übertrumpfte: den überraschend wenig selbstbewussten Enrico VIII. des hörbar rekonvaleszenten Ildebrando D’Arcangelo und den mit unterschiedlichem Erfolg seine Höhen anpeilenden, etwas outrierenden Percy Francesco Melis. Auch bei Dan Paul Dumitrescus Lord Rochefort und Peter Jelosits als ziemlich angestrengt wirkendem Sir Hervey vermisste man vokale Durchschlagskraft und subtile Phrasierung.

Unaufdringlich und einprägsam

Ob dies bei einer nicht nur auf die grundsätzlichen Stationen der Handlung, sondern auch auf die jeweiligen Gefühle der einzelnen Protagonisten genauer eingehenden Inszenierung ebenso aufgefallen wäre? Denn Eric Génovèse, der erstmals am Regiepult der Staatsoper stand, gibt seinen Sängern zwar viel Raum, lässt sie ziemlich individuell in ansprechenden Kostümen der Zeit der Handlung (Luisa Spinatelli) agieren, versucht aber erst gar nicht, aus dem historischen Plot aktualisierte Schlüsse zu ziehen. Das wird noch durch das Bühnenbild unterstützt: eine sich im Laufe des Geschehens unterschiedlich faltende Bretterwandkonstruktion (Jacques Gabel und Claire Sternberg), dem Sujet entsprechend stets in dunkles Licht getaucht, mit der sich die einzelnen Schauplätze unaufdringlich und doch einprägsam suggerieren lassen.

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