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Zwei tragikomische Loser

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"Die unglaubliche Entführung des Charlie Chaplin" ist auch eine Hommage an den Stummfilm-Meister.

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"Die unglaubliche Entführung des Charlie Chaplin" ist auch eine Hommage an den Stummfilm-Meister.

Xavier Beauvois hat sich mit dem Märtyrerdrama "Von Menschen und Göttern" über die Mönche von Tiberine (2010) längst unauslöschlich in die europäische Filmgeschichte eingeschrieben. Vier Jahre später kommt er mit "Die unglaubliche Entführung des Charlie Chaplin" nicht an seinen Erfolg heran, aber - auch ob des Hauptdarstellerpaares Benoît Poelvoorde (Bild oben) und Roshdy Zem - gelingt ihm eine ebenso tiefsinnige wie leichte Tragikomödie, die zumindest im Grundplot wieder auf der wahren Geschichte beruht.

Denn Charlie Chaplins Leiche wurde nach seinem Tod 1978 in der französischen Schweiz tatsächlich gestohlen. Die modernen Grabräuber versuchten von seiner Familie Geld zu erpressen - wurden allerdings bei der Übergabe gefasst.

Ein kleinbürgerlicher Ganove

Xavier Beauvois hält sich aber nicht an die historischen Details, denn anders als in Wirklichkeit schildert sein Film die tragikomische Episode im Leben des Eddy Ricaart (Poelvoorde), der eben aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er wird vor der Haftanstalt vom alten Freund Osman (Zem) in Empfang genommen, der ihn bei sich zu Hause - ein Wohnwagen in Vevey am Genfersee-fürs Erste einquartiert.

Osman führt dort einen typischen Männerhaushalt und nimmt es mit der Häuslichkeit nicht bierernst, obwohl er auch seine Tochter Samira allein aufzieht. In dieses raue Ambiente bringt Eddy ein wenig kleinbürgerliches Flair, Weihnachten wird nun gefeiert, und Samira findet im Ex-Häftling einen guten Freund und warmherzigen Kumpel.

Doch die ökonomischen Verhältnisse sind alles andere als rosig. Als die beiden Männer vom Tod Charlie Chaplins hören, beschließen sie, seine Leiche zu stehlen und ihn nur nach Zahlung einer stattlichen Summe zurückzugeben.

Reserve-007 &eidgenössische Polizei

Eddy und Osman sind aber alles andere als hartgesottene Entführer, ein Reserve-007 wie Chaplins Fahrer Crooker und auch die eidgenössische Polizei sind nicht so unbedarft wie die beiden Ganoven. Keine rosigen Aussichten, dass Eddy und Osman finanziell besser und - vor allem: ohne Schwierigkeit mit der Justiz - über die Runden kommen.

Liebevoll zeichnet Beauvois seine beiden Schlemihls, und - da ist er wieder näher an der Historie dran - der Totenklau passt perfekt zu Chaplins künstlerischem Œuvre: Komische Loser sind in des Stummfilm-Meisters werken ja zuhauf zu finden.

Neben den beiden Hauptdarstellern wartet der Film auch in den weiblichen Rollen mit bekannteren Namen auf - etwa Chiara Mastroianni oder Nadine Labaki -, und sogar zwei aus dem Chaplin-Clan sind mit von der Partie: Enkelin Dolores mimt Chaplins Witwe und Sohn Eugéne spielt einen Zirkusdirektor, dem am Ende eine tragende Rolle zufällt.

Alles in allem eine heitere Auseinandersetzung und eine Hommage an den großen Charlie Chaplin: Xavier Beauvois lässt es sich da nicht nehmen, einige Chaplin-Filmszenen in seinem Opus zu zitieren.

Die ungaubliche Entführung des Charlie Chaplin (La Rançon de la gloire)

F/CH 2014. Regie: Xavier Beavois. Mit Benoît Peolvoorde, Roshdy Zem, Chiara Mastroianni, Eugéne Chaplin, Dolores Chaplin. Filmladen. 115 Min.

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