Zwei Wochen ans Tote Meer

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Die Zahl der Parkinson-Kranken steigt. Daher wird intensiv nach Heilungsmöglichkeiten geforscht. Daneben gibt es Bemühungen, den Kranken das Leben zu erleichtern. Kuraufenthalte am Toten Meer sind da erfolgversprechend.

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Die Zahl der Parkinson-Kranken steigt. Daher wird intensiv nach Heilungsmöglichkeiten geforscht. Daneben gibt es Bemühungen, den Kranken das Leben zu erleichtern. Kuraufenthalte am Toten Meer sind da erfolgversprechend.

Der "Morbus Parkinson" ist eine Erkrankung, die Menschen rund um das sechzigste Lebensjahr ereilt. In Österreich gibt es etwa 20.000 Betroffene, in Deutschland sind es 230.000. Die Hauptbeschwerden dieses Leidens sind Steifigkeit, Bewegungseinschränkung und Zittern, auch Gleichgewichts- und vor allem vegetative Störungen.

Seit der Einführung der "L-Dopa-Ersatztherapie" in den frühen Sechzigerjahren hat die medikamentöse Therapie den größten Stellenwert erhalten. Die gesamte Behandlung erschöpfte sich daher oft in pharmakologischen Maßnahmen. Die Bewegungsstörungen und ihre Behandlung durch Physiotherapie und Heilgymnastik sind jedoch neben der Pharmakotherapie in den letzten Jahren zunehmend beachtet worden.

Im Jänner des heurigen Jahres wurde nun erstmals eine neue Therapieform für Parkinson-Kranke am Toten Meer durchgeführt, die sogenannte "Klimatherapie". Sie nützt die natürlichen Heilfaktoren des Toten Meeres und das dort herrschende konstante Hochdruckklima, das sich für Parkinson-Kranke als besonders günstig erwiesen hat.

Gerade Parkinson-Kranke leiden ja unter dem raschen Wetterwechsel, wie er in Mitteleuropa während der Übergangsphase vom Winter zum Frühjahr vorkommt. In der Zeit von November bis März wechseln bei uns das atlantische und das zentraleuropäische Klima oft im Tagesrhythmus. Parkinson-Kranke können diese klimatischen Schwankungen nur schlecht ausgleichen. Daher stellt das konstante Hochdruckklima am tiefsten Punkt der Erde für die Betroffenen eine große Entlastung des vegetativen Nervensystems dar.

Initiator und Organisator der sogenannten "Klima- und Erlebnistherapie" in Jordanien ist der Wiener Neurologe Primarius Dieter Volc. Er faßte die am Toten Meer vorhandenen klimatischen Faktoren mit der Therapie des Lichts und dem Baden im Meerwasser zum Begriff der "Klimatherapie" zusammen.

Die Patienten baden während ihres zweiwöchigen Aufenthalts täglich im Toten Meer, machen Gymnastik in der Gruppe, bekommen fünfmal pro Woche Physio- und dreimal Ergotherapie, sie können täglich im Hallenbad schwimmen und werden während des gesamten Aufenthalts fachärztlich betreut.

Schweben im Wasser Das Baden im Toten Meer bringt eine sichtliche Erleichterung beim gestörten Bewegungsablauf der Patienten. Der durchschnittliche Salzgehalt im Toten Mehr beträgt 290 Gramm je Liter (etwa das Zehnfache des normalen Meerwassers). Diese einzigartige Salzkombination wird noch durch einen hohen Gehalt an Magnesium Kalium, Calzium und Brom angereichert.

Durch diesen hohen Salz- und Mineralgehalt des Wassers ist das spezifische Gewicht entsprechend hoch, was dem Körper einen starken Auftrieb gibt. Der Körper kann also im Wasser "schweben". Dieses Phänomen wird physiotherapeutisch genutzt. Der hohe Bromgehalt wiederum wirkt nervlich entspannend, der hohe Magnesiumgehalt abführend und krampflösend. Bei schuppender, trockener Haut, die eine häufige Begleiterscheinung der Krankheit ist, wird ein zusätzlicher heilender Effekt erzielt.

Dazu kommt die optimale Sonneneinstrahlung in dieser Region: Die Sonnenstrahlen werden durch die Tieflage des Toten Meeres besonders gefiltert, da zusätzliche 400 Meter Atmosphäre durchdrungen werden müssen. Der Dunstschleier über dem Toten Meer wirkt zusätzlich als natürlicher Filter. Die UV-Strahlung wird also entsprechend abgeschwächt. All das bietet eine ideale Voraussetzung für einen wichtigen Bestandteil der Klimatherapie, nämlich der Heliotherapie.

Als wohltuend und duchblutungsfördernd für die Gelenke hat sich der mineralreiche, schwarze Heilschlamm des Toten Meeres erwiesen. Er ist therapeutisch äußerst wirksam, indem er auf Haut und Gelenke aufgetragen wird und so seine heilende Kraft entfalten kann. Da Hitze von Parkinson-Kranken schlecht vertragen wird, wird die Klimatherapie nur in den dort relativ kühleren Wintermonaten durchgeführt.

Ältere Menschen mit Parkinson neigen dazu zu vereinsamen. Vor allem dann, wenn sich viele körperliche Behinderungen zusätzlich einstellen. Die Krankheit an sich bewirkt ein Schwinden der Motivation "aus sich herauszugehen". Parkinson-Kranke gelten in der "gesunden" Bevölkerung als besonders schwierig. Viele soziale Kontakte brechen für sie daher früher oder später ab. Soziale Probleme dieser Art belasten aber die ohnehin recht schwierige Psyche der Betroffenen.

Im Rahmen einer Reisegruppe unter nervenärztlicher Leitung sieht Primarius Volc auch die Möglichkeit, daß diese Menschen wieder aus sich herausgehen können und erfahren, daß sie mit ihrem Schicksal nicht alleine dastehen.

Während der "Klima- und Erlebnistherapie" in Jordanien wirkt auch die gegenseitige Animation bei den Gruppenübungen und Ausflügen reine Wunder. Die Bemühungen und Erfolge der Mitreisenden bei der Gymnastik und den Übungen werden beobachtet und reißen die jeweils anderen mit.

Volc: "Neben den medizinischen Angeboten bietet ein solcher Aufenthalt auch die Möglichkeit, mit Patienten und ihren Begleitpersonen längere Zeit hindurch beisammen zu sein, Gespräche zu führen, Fragen zu beantworten. Die Betroffenen und ihre mit eingebundenen Angehörigen oder Begleitpersonen können mit anderen Betroffenen durch Informationsaustausch ihren Leidensdruck mindern.

Deutlich verbessert Die Arztgespräche und Gruppentherapien helfen zusätzlich dabei. Durch das Zusammenleben wird auch die Scheu, die Krankheit zu zeigen gemindert. Wichtige Lernprozesse werden hier eingeleitet. Das alles hilft den Kranken, sich dann auch zu Hause einem sozialen Leben besser anzupassen und eine eventuell vorhandene Isolation aufzugeben."

Zu einer Beurteilung des Behandlungserfolges am Toten Meer wurde neben einer subjektiven Beurteilung des Aufenthaltes mittels Fragebogen eine objektive Beurteilungsform durch die "Unified Parkinson Disease Scale" (UPDRS) eingesetzt. Die Untersuchungen wurden am Beginn und am Ende des Aufenthalts an 22 Patienten im Alter von 50 bis 79 Jahren durchgeführt. 13 Patienten waren weiblich, neun männlich, alle hatten die Diagnose Morbus Parkinson und eine Erkrankungsdauer zwischen drei und 14 Jahren.

Bei der objektiven Untersuchung wurden mittlere Verbesserungen von zwischen acht und 15 Prozent für die mentale Skala (UPDRS I) festgestellt, 15 Prozent Besserung gab es bei den Tagesaktivitäten (UPDRS II). Die Verbesserung auf der motorischen Skala (UPDRS III) fiel mit 14 bis 24 Prozent deutlich aus.

Diese objektive Beurteilung war einigermaßen überraschend: Primarius Volc hatte erwartet, daß eine Besserung in der Hauptsache dadurch eintreten würde, daß die Lebensgeister der Patienten wieder geweckt und ihre psychischen Parameter gebessert würden. Die hauptsächliche Verbesserung konnte aber in der Skala der Aktivitäten des täglichen Lebens (UPDRS II) erzielt werden.

Volc: "Beim Parkinson sind ja besonders die Koordination und das Gleichgewicht gestört. Durch die Therapie haben sich die Beschwerden beim Aufstehen, Starten, Gehen, Stehen und Wenden verringert. Verbessert wurde auch das Wenden im Bett, die Geschicklichkeit beidhändigen Arbeitens wie z.B. die Benutzung des Eßbestecks. Insgesamt wurde die Selbständigkeit der Patienten verbessert. Natürlich hat es uns auch gefreut, daß die Ergebnisse der subjetiven Beurteilung mittels Fragebogen sehr gut ausfielen. Das therapeutische Angebot, die ärztliche Betreuung und die Einschätzung der Klimatherapie als solche fielen durchwegs positiv aus. Das ermutigt mich und meine Mitarbeiter auf diesem Weg zu bleiben und den Einsatz dieser Therapiemöglichkeit weiter auszubauen."

Information Anfragen: PROSENEX AmbulatoriumsbetriebsgesmbH, Schottenfeldgasse 45, 1070 Wien, Tel: 01-522 13 09, Fax: Durchwahl 20

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