Zweifelhafter Beitrag zum EU-Klimaschutz

Der ungebrochene Trend zu Agrartreibstoffen macht die Nahrungsmittel teuer und verursacht Landraub.

Als die Alten des Volkes der Guaraní noch die Legenden der Ahnen an ihre Kinder und Kindeskinder weitergaben, da erzählten sie oft von einer Terra sem males, von einem Land ohne Übel, in dem die Guaraní einmal leben würden. Keiner aus dem Volk dieser brasilianischen Ureinwohner hat dieses Land gesehen. Im Gegenteil. Sie verloren auch das Land, das ihnen über die Jahrhunderte als Lebens- und Nahrungsquelle gedient hatte. Die Mato Grosso do Sul ist eine der größten Agrarentwicklungsgebiete Brasiliens. Mais- und Zuckerrohrplantagen soweit das Auge reicht. Pflanzen, die hauptsächlich für Treibstoffe verwendet werden, welche ihre Erzeuger "Biosprit“ nennen. Die Guaraní fristen dagegen unter haarsträubenden sozialen und sanitären Verhältnissen ihr Leben. Sie sind nur wenige von Millionen betroffener Menschen, die unter dem Agrartreibstoffboom leiden.

Im Jahr 2006 wurde ein Prozent des weltweit zur Verfügung stehenden fruchtbaren Ackerlandes - 13,8 Millionen Hektar - für die Produktion von Agrartreibstoffen verwendet. Diese Zahlen stammen von der Welternährungsorganisation der FAO. Wie immer sie errechnet wurden, die Kalkulation wurde seither nicht wiederholt. Wir wissen also nicht exakt wie viel Boden für die Herstellung von Ethanol zum Zwecke menschlicher Mobilität verwendet wird: Aus Zuckerrohr, Soja, Mais, Palmen, Raps und anderen Pflanzen. Ihr Anbau ist seit Jahren umstritten, ist er doch eine der Hauptursachen des Landraubs.

Trend Richtung "Biosprit“ ungebrochen

Einige wenige Daten können den Trend beschreiben, der ungebrochen Richtung immer mehr "Biosprit“ geht. Allein in Deutschland wurden 2009 2,5 Millionen Hektar Kraftstoffpflanzen angebaut. Weltweit wurden zwischen Oktober 2008 und Juni 2009 Verträge über den Aufkauf von Agrarflächen für Kraftstoffplantagen im Umfang von 46,6 Millionen Hektar getätigt, berichtet die Agrar-Nichtregierungsorganisation FIAN. 2010 trafen sich die Hersteller der Agrartreibstoffindustrie in Sevilla und gaben bekannt, man peile bis 2045 einen Umfang von 450 Millionen Hektar an. Mit Stand 2011 verfügt die Erde über nicht mehr als 1800 Millionen Hektar fruchtbares oder potenziell fruchtbares Land. Das bedeutet eine immer schärfer werdende Konkurrenz zwischen Treibstoffpflanzen und der Erzeugung von Lebensmitteln - und damit auch steigende Lebensmittelpreise.

Dieser Trend wird anhalten. Denn die EU hat sich trotz vieler warnender Stimmen aus Wissenschaft und Ökonomie im Rahmen ihrer Klimaschutzpolitik das Ziel gesetzt, bis 2020 Treibstoffen mindestens zehn Prozent Agrarkraftstoffe beizumischen. Der Effekt: Eine neue Abhängigkeit von Ethanolimporten. Österreich musste beispielsweise 2008 von über 400.000 Tonnen Agroethanol 189.000 Tonnen importieren.

Einer der schärfsten Kritiker dieser Politik ist der ehemalige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler. Er bringt das Problem wie folgt auf den Punkt: "Wenn man den 50-Liter-Tank eines Autos mit Agroethanol befüllt, braucht man dazu 200 Kilogramm Mais - das ist genug um eine Person ein Jahr lang zu ernähren.“ Drastisch empfinde das auch die betroffene Bevölkerung. Mohamed Conteh von der Armenhilfsorganisation MADAM aus Sierra Leone: "Die Agrotreibstoffe sind die Blutdiamanten der heutigen Zeit.“ Allein in Sierra Leone sollen 1,5 Millionen Hektar Ackerland internationalen Konzernen zur Pacht gegeben werden.

Einkaufstour der Industriestaaten Die großen Industriestaaten, zu denen auch China zählt, brauchen Boden nicht vorzugsweise für Nahrungsanbau, sondern für die Treibstoffgewinnung. Die Zielländer (blau) geben Land und haben am Ende zu wenig Nahrungsmittel.

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