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Zwischen braunen und roten Flöhen

1945 1960 1980 2000 2020

Peter Sichrovskys Buch über den "Antifa-Komplex" ist ein wütender, undifferenzierter Rundumschlag, in dem vieles schief oder falsch dargestellt wird.

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Peter Sichrovskys Buch über den "Antifa-Komplex" ist ein wütender, undifferenzierter Rundumschlag, in dem vieles schief oder falsch dargestellt wird.

Wer sich ins blaue Bett legt, läuft noch immer Gefahr, mit braunen Flöhen aufzuwachen. Peter Sichrovsky kennt sie vielleicht mittlerweile ganz gut. Er schrieb aber kein Buch über braune, sondern eines über rote Flöhe. Es heißt "Der Antifa-Komplex - Das korrekte Weltbild" und ist ein Rundumschlag gegen den Antifaschismus. Sichrovsky ist Jude und ließ sich von Jörg Haider ins Europaparlament entsenden. Sein Buch liest sich wie ein wütender Gegenangriff auf alle, die ihn deswegen verachten.

Die Antifaschisten richteten seiner Meinung gegen Hitler nichts aus, was er ihnen an vielen Stellen hämisch unter die Nase reibt. Schuld daran waren zum Teil sie selbst, zum Teil Stalin, womit er recht hat. Heute, meint er, machen sie sich lächerlich, indem sie darauf bestehen, junge Heil-Hitler-Rufer zu verfolgen, die nur die Erwachsenen provozieren wollen. Statt immer nur die Gefahr von rechts zu beschwören, sollten sie lieber die fundamentalistischen und andere unmenschliche Diktaturen bekämpfen. Außerdem sind sie miserable Künstler, leben dabei aber vom Antifaschismus ganz gut: "There is no business like shoabusiness".

Obwohl das ganze Buch von ihnen handelt, wird nicht deutlich erkennbar, wer zu den von Sichrovsky gescholtenen Antifaschisten zählt. In erster Linie die linken, von den Kommunisten vereinnahmten Nazigegner, soviel ist klar. Offenbar auch jene, die den Kampf gegen Nazi-Überbleibsel noch für aktuell halten: "Mit einem antifaschistischen Heiligenschein wandern die Antifaschisten durchs Leben, und die Erlösung kann nur durch einen neuen Hitlerstaat kommen. Dann endlich kann der Held als Widerstandskämpfer sterben und das Verbrechen seiner Vorfahren wiedergutmachen."

Aber gehören auch jene Sozialdemokraten dazu, denen Nazis und Neonazis ein Greuel sind? Diese Abgrenzung wird nicht versucht. Der Trick ist ziemlich simpel: Man werfe alles, was mehr oder weniger links ist und je gegen die Nazis war, in einen Topf. Man vermansche die Ablehnung, die dem nach der Macht greifenden Hitler von Stalinisten, Sozialdemokraten und sonstigen Linken entgegengebracht wurde, mit dem Entsetzen und Abscheu angesichts aller nach dem Krieg bekanntgewordenen Verbrechen. Man verrühre es mit dem stalinistischen Vereinnahmungsversuch jeglicher Hitlergegnerschaft. Man mische den ganzen antinazistisch-antifaschistischen Begriffswirrwarr dazu. Und kröne es mit Sätzen wie diesen: "Faschismus und Nationalsozialismus und der Antifaschismus gegenüber - das kuriose an allen drei Strömungen ist die Tatsache, daß nicht einmal ihre eigenen Anhänger eine gültige Definition schufen." Oder: "Der Antifaschismus ist das Antimodell des Schreckens ohne echte Alternative, da ihm jede Begabung fehlt, das System des Schreckens zu analysieren und zu erklären."

Sichrovsky wütet gegen einen Pappkameraden. Die vom Antisemiten Stalin ferngelenkten Kommunisten kamen in Österreich nie über minimale Stimmenanteile hinaus, die späteren noch weniger, und die Überreste der linken 68er-Bewegung, der er mit Recht ihren zum Antizionismus gewendeten Antisemitismus vorhält, werden langsam, aber sicher zum Veteranenverein, doch er tut, als stünden sie alle noch in der Blüte ihrer Sünden.

Über die neue Polarisierung, die man heute beobachten kann, redet er vorsichtshalber nicht, sie könnte seine eigene heikle Positionierung im politischen Spektrum tangieren: Auf der einen Seite eine breite Schicht von Menschen, denen angesichts der NS-Verbrechen schaudert, die alte, neue und modifizierte Nazis ablehnen und heute jedenfalls stärker sind als jemals seit dem Krieg. Diese neuen Antinazis haben sich vom Sichrovsky so verhaßten "Antifaschismus" längst gelöst. Auf der anderen Seite eine neue Schamlosigkeit, neue Alibis für den Übergang zur nationalen Tagesordnung, alles, was immer schon gern die Kurve kratzen und sagen wollte, nun habe man aber wirklich genug über das Ganze geredet.

Peter Sichrovsky ist gegen "Antihaltungen". Meint er, daß man Massenmörder nur bekämpfen soll, wenn man ihnen eine positive Ideologie entgegenstellen kann? Die Gegner der Unmenschlichkeit - auch nur eine Strömung unter anderen? Damit kehrt er alle unter den Tisch, die Hitler nicht wegen ihrer Zugehörigkeit zu konkurrierenden ideologischen oder parteipolitischen "Strömungen" ablehnten, sondern weil der Nationalsozialismus eine mörderische Ideologie war. So gelangt er zu einer für ihn bequemen Polarisierung: Hier die verbohrten linken Ideologen, dort die demokratischen Alternativen, wobei eine mögliche die FPÖ darstellt.

Damit entgeht er einer Konfrontation, in der er keine gute Figur machen würde. Nämlich mit allen, welche die FPÖ nicht deshalb ablehnen, weil sie "Antifaschisten" sind und die FPÖ für "faschistisch" halten, sondern weil sich in dieser Partei nach dem Krieg nicht nur mehr oder weniger ehemalige, sondern auch die unverbesserlichen Nationalsozialisten sammelten. Weil diese Sorte unter den FPÖ-Mitgliedern, die Jörg Haider auf den Schild hoben, in besonders hoher Konzentration vorkam. Weil man Haider eine starke Affinität zu diesen Gruppen nicht nur nachsagt, sondern in seiner Biographie auch nachweisen kann. Weil es in Österreich keine andere Partei gibt, in der man sich vor dem Thema Naziverbrechen so konsequent drückt. Und weil man sehr gutgläubig sein muß, um ihr abzunehmen, daß sich daran in den Kernschichten viel geändert hat.

Es wäre gewiß falsch, die Wähler, welche die FPÖ dank Jörg Haider dazugewinnen konnte, für ganze oder halbe Nazis zu halten. Die meisten wählen sie, weil sie ihre Interessen anderswo nicht mehr vertreten sehen. Aber Leute mit besonderer Abneigung gegen alte und neue Nazis und besonderem Abscheu angesichts der NS-Verbrechen sind diese neuen FPÖ-Wähler in der Mehrzahl ja wohl ganz bestimmt auch nicht.

Mit seiner eindeutigen Haltung gegenüber Hitler und Nationalsozialismus hat Sichrovsky die Mehrheit der FPÖ-Kernschichten wohl kaum auf seiner Seite. Sein Buch ist aber voll von Sätzen, die ihnen gefallen werden: "Der Antifaschismus ist nicht die Bedingung für eine funktionierende Demokratie, sondern das entscheidende Hindernis. Der Grund hierfür liegt nicht in den undemokratischen, diktatorischen und totalitären Ideen, die er vertritt, sondern in dem grundlegenden Mißverständnis der Bedingungen eines demokratischen Zusammenlebens."

Auch was er über Kunst und Künstler von sich gibt, läßt auf wenig Sachkenntnis und große Vorurteile schließen. Er schreibt zum Beispiel eine arrogante Unwahrheit, wenn er behauptet: "Wer sich einmal die Mühe macht, die bei den verschiedenen staatlichen Stellen eingereichten kulturellen Projekte genauer zu betrachten, der hat Glück, wenn ihm danach nicht schlecht wird." Haiders Äußerungen über Autoren, die ihm nicht gefielen, konnte jeder nachprüfen, daher haben sie seinem Ruf als Literaturkenner nicht gerade gut getan. Die Werke, auf die sich Sichrovsky bezieht, sind seinen Lesern nicht zugänglich und seine Ansichten darüber daher nicht nachprüfbar. Wie so viele seiner Behauptungen, die bestens geeignet sind, dumpfe Vorurteile zu verstärken. Untergriffe und Unterstellungen sind für sein Buch ebenso typisch wie die Schlamperei, mit der es geschrieben ist, der lockere Umgang mit Fakten und Begriffen und einige dumme Verallgemeinerungen: "Die Nationalsozialisten brauchten nur sechs Jahre, um die gesamte Bevölkerung für diesen Krieg zu mobilisieren. Das Volk stand geschlossen hinter Hitler."

Falsche Fakten: Ben Gurion war zweimal Ministerpräsident, doch nie Präsident Israels. Über derlei kann (und muß man an vielen Stellen) hinwegsehen. Mit falschen Fakten gelangt Sichrovsky aber auch immer wieder zu schiefen Analysen und falschen Schlüssen. Er behauptet, daß der NS-Ideologe Alfred Rosenberg "den Rassismus der Zionisten begrüßte und den Vorschlag machte, die Gründung eines eigenen Judenstaates zu unterstützen." In Rosenbergs Hauptwerk "Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts" steht das diametrale Gegenteil. Er behauptet, die "professionellen Zionisten" hätten die gegen Hitler kämpfenden Juden im Stich gelassen und "nur ein Ziel: die Errichtung des jüdischen Staates, koste es, was es wolle" im Auge gehabt. Wobei er halt die in Italien kämpfende zionistische "Jewish Brigade" vergißt.

Auch daß die Nationalsozialisten den Mord an den Juden "nie bestritten und sogar stolz auf ihn waren", ist eine ziemlich hinfällige Behauptung.

Mit einigem hat Sichrovsky recht. Welche Verbrecher die Nazis waren, konnten Österreichs Freiheitliche wohl noch nie bei einem ihnen nahestehenden Autor so deutlich nachlesen. Und was in Österreich nach dem Krieg unter heftiger Mitwirkung der FPÖ und ihrer Vorgängerpartei VdU versäumt wurde, auch nicht: "Die Aufarbeitung des Holocaust hat ... in mehrerer Hinsicht versagt. Weder wurden alle Schuldigen bestraft noch alle Opfer entschädigt und schon gar nicht jene, die Widerstand oder Hilfe leisteten, geehrt und belohnt." Wie wahr! Oder: "Die steigende Arbeitslosigkeit erhöhte die Spannungen, da die einst ins Land geholten Arbeitskräfte nicht wie Maschinen wieder abgeschoben werden konnten. Die zum Teil völlig unberechtigte Behauptung, daß ein hoher Anteil an Ausländern in einer Gesellschaft mitverantwortlich für die Arbeitslosenrate sei, schürte den Zorn und die Unzufriedenheit über die nun nicht mehr willkommenen Gäste." Ebenso stimmt die Feststellung, daß mittlerweile "jeder sachliche Dialog, der eine politische Lösung bringen könnte, in unserer Zeit eine Unmöglichkeit" sei. Oder daß nicht zuletzt die SPÖ "über Jahrzehnte die Rückkehr der NS-Flüchtlinge behinderte und sich gegen eine Rückerstattung des gestohlenen Vermögens aussprach".

Womit er freilich dem ihm so widerlichen "Gejammere" der "Antifaschisten", wie faschistoid die Gesellschaft doch sei, selbst Nahrung gibt.

Vielleicht wird Sichrovsky noch zum Signal für die Mauserung der FPÖ zur liberalen Partei. Daß es ihm darum gehe, versucht er dem Leser wohl auf feine Weise zu suggerieren, indem er Elie Wiesel attackiert, weil dieser "die Wähler der FPÖ als Menschen kritisiert, die einem Prediger des Hasses nachlaufen". Damit werde "er sicherlich nicht erreichen, daß diese ihre Meinung ändern und eine andere Partei wählen. Warum sagt er es dann?" Vielleicht will Sichrovsky die FPÖ verändern. Aber er muß schon einen sehr guten Magen haben, wenn ihm dabei nicht schlecht werden soll.

Der Antifa-Komplex. Das korrekte Weltbild Von Peter Sichrovsky, Universitas Verlag, München 1999, 208 Seiten, Ln., öS 248,-

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