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Feuilleton

Zwischen den Stühlen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Diagonale schärft ihr Profil, der Vielfalt des österreichischen Films gerecht werden zu wollen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Diagonale schärft ihr Profil, der Vielfalt des österreichischen Films gerecht werden zu wollen.

Die Diagonale hat in den letzten 20 Jahren ihre Aufgabe mehr als übererfüllt: Als Schaufenster für den österreichischen Film ist hier alles gezeigt worden, was Rang und Namen hat, und spätestens seit der Übernahme des Festivals durch das Intendantenduo Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber ist die Filmschau auch aufgebrochen zu neuen Ufern, hat Projekte auch von außerhalb des überaus elitären Filmakademie-Zirkels zugelassen und sichtbar gemacht.

Freilich: Luft nach oben ist noch, was die Vielfalt angeht, aber man geht den richtigen Weg. Nicht nur, was gezeigt werden muss, läuft in Graz, sondern auch, was gezeigt werden sollte, im Sinne eines Diskurses über die Vielfalt.

112 Filme im Wettbewerb

Das fällt auch gleich mit einem Blick ins diesjährige Programm auf: Neben der umfangreichen Personale für den Kino-Querdenker Ludwig Wüst (vgl. Seite 6) sind es etliche vielversprechende Arbeiten von (jungen) Filmkünstlern, die Interesse wecken. Der aktuelle Wettbewerb umfasst 112 Filme und wurde aus mehr als 500 Einreichungen aller Genres und Längen zusammengestellt.

Dabei gefällt vor allem der Mut der Auslassungen und Zulassungen des Festivalduos, das sich dezidiert selbst ganz untypisch undigital gibt: "Einmal im Jahr verdichtet die Diagonale den österreichischen Film auf sechs konzentrierte Festivaltage. Sie bietet ein Angebot ohne Algorithmus: handgemacht und damit fehler-,aber auch enthusiasmusanfällig." Man spricht von porösen Genregrenzen, die Euphorie bringen würden, von länger werdenden Kurzfilmen, persönlichen Familienfilmen und Ausgrabungen gigantischer Art. Die Arbeiten seien "kritisch und hellwach", so Peter Schernhuber, der heimische Film sei "unbeeindruckt selbstbewusst", ergänzt Sebastian Höglinger. Ganz abgesehen vom (als TV-Film gut funktionierenden) neuen Kinofilm von Marie Kreutzer, "Der Boden unter den Füßen", der das Festival eröffnen wird (vgl. Seite 4), sind es vor allem Dokumentarfilme, auf die das Festival seinen Fokus legt: Sehr persönlich erzählt Katrin Schlösser in "Szenen einer Ehe" von den guten und den schlechten Seiten eben jener; nur die schlechten beleuchtet Valentina Primavera in "Una Primavera"."In der Kaserne" von Katharina Copony zeigt eine Kindheit im militärischen Umfeld, Nikolaus Geyrhalter rückt in "Erde" der Erdkruste unseres Planeten dokumentarisch sehr nahe. Es ist eine Stärke des österreichischen Films, gerade in Dokumentarfilmen scheinbar ungekannte, versteckte Milieus zu entdecken, und kaum ein Filmschaffen ist hier effizienter als das österreichische. Bei den Spielfilmen gibt es etwa mit "Kaviar" von Elena Tikhonova einen Film über russischösterreichische Stereotypen, mit "Die Kinder der Toten" eine experimentelle Umsetzung eines Romans von Elfriede Jelinek, mit "Schauspielerin" von Tobias Hermeling einen tiefen Einblick in geschundene Schauspieler-Seelen.

Programm voller Risken und Wagnisse

Ein Programm voller Risken und Wagnisse: Dieser Weg -ein Weg der Ecken und Kanten -zeichnet das Festival aus. Vor Ort ist man sich auch dessen bewusst: Man sieht die Diagonale als permanenten Grenzgang.

"Grenzgang deshalb, weil die Diagonale ganz grundsätzlich schon immer ein Stück weit 'dazwischensteht': zwischen den Stühlen, zwischen Branche und Publikum, zwischen präziser Auswahl und Werkschau -die sie längst nicht mehr sein will und mangels Programmplatz auch nicht sein kann, letztlich aber doch insofern in gewisser Weise ist, als sie den Anspruch verfolgt, einen repräsentativen Überblick über das jeweilige Kinojahr zu geben. Zwischen den Stühlen auch deshalb, weil sie sich zwischen rezenten Arbeiten und historischer Kontextualisierung positioniert", formuliert es das Intendanten-Duo.

Man darf sich nicht allzu viel Zugänglichkeit in den Werken erwarten auf der Diagonale, hingegen jedoch schon das totale Eintauchen in einen Kino-Kosmos, den es weder im Fernsehen noch auf Netflix gibt.

Die Diagonale hat in den letzten 20 Jahren ihre Aufgabe mehr als übererfüllt: Als Schaufenster für den österreichischen Film ist hier alles gezeigt worden, was Rang und Namen hat, und spätestens seit der Übernahme des Festivals durch das Intendantenduo Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber ist die Filmschau auch aufgebrochen zu neuen Ufern, hat Projekte auch von außerhalb des überaus elitären Filmakademie-Zirkels zugelassen und sichtbar gemacht.

Freilich: Luft nach oben ist noch, was die Vielfalt angeht, aber man geht den richtigen Weg. Nicht nur, was gezeigt werden muss, läuft in Graz, sondern auch, was gezeigt werden sollte, im Sinne eines Diskurses über die Vielfalt.

112 Filme im Wettbewerb

Das fällt auch gleich mit einem Blick ins diesjährige Programm auf: Neben der umfangreichen Personale für den Kino-Querdenker Ludwig Wüst (vgl. Seite 6) sind es etliche vielversprechende Arbeiten von (jungen) Filmkünstlern, die Interesse wecken. Der aktuelle Wettbewerb umfasst 112 Filme und wurde aus mehr als 500 Einreichungen aller Genres und Längen zusammengestellt.

Dabei gefällt vor allem der Mut der Auslassungen und Zulassungen des Festivalduos, das sich dezidiert selbst ganz untypisch undigital gibt: "Einmal im Jahr verdichtet die Diagonale den österreichischen Film auf sechs konzentrierte Festivaltage. Sie bietet ein Angebot ohne Algorithmus: handgemacht und damit fehler-,aber auch enthusiasmusanfällig." Man spricht von porösen Genregrenzen, die Euphorie bringen würden, von länger werdenden Kurzfilmen, persönlichen Familienfilmen und Ausgrabungen gigantischer Art. Die Arbeiten seien "kritisch und hellwach", so Peter Schernhuber, der heimische Film sei "unbeeindruckt selbstbewusst", ergänzt Sebastian Höglinger. Ganz abgesehen vom (als TV-Film gut funktionierenden) neuen Kinofilm von Marie Kreutzer, "Der Boden unter den Füßen", der das Festival eröffnen wird (vgl. Seite 4), sind es vor allem Dokumentarfilme, auf die das Festival seinen Fokus legt: Sehr persönlich erzählt Katrin Schlösser in "Szenen einer Ehe" von den guten und den schlechten Seiten eben jener; nur die schlechten beleuchtet Valentina Primavera in "Una Primavera"."In der Kaserne" von Katharina Copony zeigt eine Kindheit im militärischen Umfeld, Nikolaus Geyrhalter rückt in "Erde" der Erdkruste unseres Planeten dokumentarisch sehr nahe. Es ist eine Stärke des österreichischen Films, gerade in Dokumentarfilmen scheinbar ungekannte, versteckte Milieus zu entdecken, und kaum ein Filmschaffen ist hier effizienter als das österreichische. Bei den Spielfilmen gibt es etwa mit "Kaviar" von Elena Tikhonova einen Film über russischösterreichische Stereotypen, mit "Die Kinder der Toten" eine experimentelle Umsetzung eines Romans von Elfriede Jelinek, mit "Schauspielerin" von Tobias Hermeling einen tiefen Einblick in geschundene Schauspieler-Seelen.

Programm voller Risken und Wagnisse

Ein Programm voller Risken und Wagnisse: Dieser Weg -ein Weg der Ecken und Kanten -zeichnet das Festival aus. Vor Ort ist man sich auch dessen bewusst: Man sieht die Diagonale als permanenten Grenzgang.

"Grenzgang deshalb, weil die Diagonale ganz grundsätzlich schon immer ein Stück weit 'dazwischensteht': zwischen den Stühlen, zwischen Branche und Publikum, zwischen präziser Auswahl und Werkschau -die sie längst nicht mehr sein will und mangels Programmplatz auch nicht sein kann, letztlich aber doch insofern in gewisser Weise ist, als sie den Anspruch verfolgt, einen repräsentativen Überblick über das jeweilige Kinojahr zu geben. Zwischen den Stühlen auch deshalb, weil sie sich zwischen rezenten Arbeiten und historischer Kontextualisierung positioniert", formuliert es das Intendanten-Duo.

Man darf sich nicht allzu viel Zugänglichkeit in den Werken erwarten auf der Diagonale, hingegen jedoch schon das totale Eintauchen in einen Kino-Kosmos, den es weder im Fernsehen noch auf Netflix gibt.