Zwischen Variete und Oper

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Die Operette ernst zu nehmen kann sich auszahlen: "Der Zigeunerbaron" in Mörbisch und "Wiener Blut" beim "Klangbogen Wien" beweisen es.

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Die Operette ernst zu nehmen kann sich auszahlen: "Der Zigeunerbaron" in Mörbisch und "Wiener Blut" beim "Klangbogen Wien" beweisen es.

Schwachsinnig, unzeitgemäß, gegenstandslos: So lauten die typischen Vorurteile, die über die Operette gefällt werden. Vorurteile, wohlgemerkt. Denn das Genre ernstzunehmen, kann zu beachtlichen Ergebnissen führen, die den Vergleich mit vermeintlich künstlerisch Höherwertigem nicht scheuen müssen. Zwei aktuelle Produktionen haben die zu Unrecht verpönte Kunstform Operette ernst genommen und damit zu einem echten Theatererlebnis gemacht - wenngleich die Resultate unterschiedlicher nicht sein könnten: "Wiener Blut" im Wiener Ronacher und "Der Zigeunerbaron" - man höre und staune - bei den Seefestspielen Mörbisch, zwei Meisterwerke von Johann Strauß.

Regisseur Heinz Marecek hat den "Zigeunerbaron" in Mörbisch wahrlich ernst genommen. Geradlinig und klar erzählt er die Geschichte einer durch moralische Zwänge bedrohten Liebe vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der verfeindete Volksgruppen nebeneinander leben - eigentlich ein Opernstoff, wäre da nicht das unvermeidliche Happy End. Wie eine Oper kommt diese Aufführung auch daher: Wenn Ungarn und Zigeuner mit Heugabeln beziehungsweise Messern ganz realistisch aufeinander losgehen, ist von der angeblichen Seichtheit der Operette nichts zu spüren. Wenn am Ende des zweiten Aktes die Husaren auftauchen, ist von Kriegsverherrlichung wenig zu merken. Allein der Ablauf der Rekrutierung macht deutlich, dass - bei aller Faszination - das Soldatenleben kein Honiglecken ist. Platte Scherze und niveaulosen Humor hat Marecek völlig ausgespart, die einzige echte Witzfigur der Aufführung ist Conte Carnero, Obmannstellvertreter der Sittenkommission: Der köstliche Heinz Zednik macht sich in seinem Couplet über - no na - die EU-Sanktionen und über so genannte wohlerworbene Rechte lustig. "In den vorzeitigen Ruhestand!", klagt er, nachdem er von der Auflösung der Sittenkommission erfährt, "Mit 53! Dabei bin ich nicht einmal Eisenbahner..."

Dass die Aufführung in Mörbisch obendrein eine perfekte Show ist, war nach über 200.000 (!) verkauften Tickets zu erwarten. Prächtige Kostüme, eine eindrucksvolle Bühne (beides von Rolf Langenfass), Pferde und aufwendige Spezialeffekte garantieren hochprofessionelle Unterhaltung. Das strahlende Paar Harrie van der Plas (Barinkay) und Martina Serafin (Saffi) lässt gesanglich nichts zu wünschen übrig, ebensowenig Christine Bath (Arsena) und Kalman Zsupan (Roland Bracht). Rudolf Bibls Dirigat harmoniert mit der gediegenen Regie: Was sich in einer seichten Inszenierung etwas bieder angehört hätte, kann hier als musikalische Zuspitzung in Richtung Oper gelten. Abstoßend ist nur das Danach: Statt Schlussapplaus spielt das Symphonie-Orchester Burgenland einen Marsch und das Publikum klatscht im Rhythmus mit, während sich die Mitwirkenden verbeugen. Musikantenstadel pur - doch dies tut der durch und durch gelungenen Produktion keinen Abbruch.

Die Operettenproduktion des Sommerfestivals "Klangbogen Wien" im Ronacher ist auf ganz andere Art gelungen: Das "Wiener Blut", das letztes Jahr so zäh floss, sprudelt heuer als höchst unterhaltsame, pointenreiche Varieteattraktion durch das Ronacher. Josef E. Köpplinger hat das Strauß-Werk witzig-kitschig als Hauptteil eines bunten Variete-Abends zwischen Stelzengehern, Watschenmann, Jongleuren, Clowns und Lavendelfräulein im Ronacher inszeniert. Nach dem Motto "Gspritzter und Musik" sitzt das Publikum an kleinen Tischchen, darf während der Vorstellung trinken, sich in der Pause die Zukunft von einer Wahrsagerin lesen oder von Stelzengehern necken lassen.

Leitmotiv Karussell Durch den Abend führt Theaterbesitzer Ronacher (Lotte Ledl) persönlich. "Auf der Welt dreht sich alles: das Karussell, die Liebe, das Wiener Herz", begrüßt er seine Gäste. Das Karussell ist Leitmotiv in Heidrun Schmelzers Bühne: unter einem Ringelspiel sitzt das Orchester, das unter Michael Hofstetters Leitung akustisch im richtigen Schmelz schwelgt. Drumherum drehen sich die Darsteller im ewig werbenden Liebesschlamassel nach dem Libretto von Victor Leon und Leo Stein. Lämpchen, Sternenhimmel, fliegende Herzen mit Flügeln, Flitter und ein im Liebeshimmel der Laube in Hietzing schaukelnder Hausherr Ronacher: Die Operettenliebe trägt hier nicht Botschaft, sondern reine Unterhaltung.

Die allerdings gekonnt: Wolfgang Schwaninger gibt einen glaubhaft unglaubwürdigen Grafen Zedlau, das Damentrio, das sein Herz zerreißt, macht die Wahl schwer: Edith Lienbacher ist eine umwerfende Gräfin, Birgid Steinberger als blondes Gift im roten Kleid eine passende Geliebte, Gabriela Bone eine Probiermamsell wie im Bilderbuch, besonders entzückend als überforderte Balletteinlage. Oliver Ringelhahn kann als Kammerdiener Josef seinem Herrn stimmlich nicht ganz das Wasser reichen, dafür entschädigt Ringelspielbesitzer Heinz Petters mit dem authentischen Charme eines Praterstrizzis als Meister des Wienerischen Zungenschlags. Er erntet gemeinsam mit Michaela Mock als erdiger Fiaker-Milli die meisten Lacherfolge. Carlo Hartmann eignet sich hervorragend als tapsig naiver Preuße. Das "Wiener Blut" im Premierenpublikum klatschte heftig: Es will einfach unterhalten werden.

So viel Lob der "Klangbogen" und Mörbisch heuer auch verdienen: Die so genannte Werktreue führt bei der Operette nicht automatisch zum Erfolg. Auch ist damit keineswegs gesagt, dass eine Persiflage oder eine radikale Bearbeitung keine Berechtigung hätten. Jedenfalls steckt mehr in der Operette, als gemeinhin angenommen - man muss es nur sehen wollen.

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