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"30 Minuten pro Kind und Tag!"

Die Wiener Kinder- und Jugendpsychologin Brigitte Rollett über Wohlstandsverwahrlosung und Leistungsdruck.

Die Furche: Experten orten eine enorme Zunahme an depressiven Störungen unter Jugendlichen. Auch Sie haben nach einer Untersuchung an 14- bis 18-jährigen Schülerinnen und Schülern besorgniserregende Ergebnisse präsentiert: 18 Prozent der Mädchen und sechs Prozent der Buben seien demnach depressiv. Wie erklären Sie sich diesen Befund?

Rollett: Erstens sind die schulischen Anforderungen enorm gestiegen. Das bemerkt man schon, wenn man die Höhe des Schulbücherstapels heute mit dem vor 20 Jahren vergleicht. Der Stoff ist viel umfangreicher geworden. Andererseits haben die Eltern heute viel weniger Zeit, weil sehr viele Frauen berufstätig sind - was ja in Ordnung ist -, aber andererseits können sie sich nicht mehr so um die Kinder und ihr Lernverhalten kümmern. Wir haben eine enorme Zunahme an Kindern, die einfach nicht wissen, wie man lernt, weil ihnen das niemand beigebracht hat. Das nächste ist, dass durch die Abwesenheit der Eltern auch die Möglichkeit zur Aussprache nicht mehr da ist. Was passiert aber in der Zeit, wenn Eltern und Kinder zusammen sind? Man sitzt vor dem Fernseher. Oder die Eltern müssen, wenn beide berufstätig sind, rasch die Hausarbeit erledigen - und wieder ist keine Zeit, mit den Kindern zu sprechen und unangenehme Dinge rasch aus der Welt zu schaffen.

Die Furche: Viele berufstätige Frauen "verteidigen" sich gegenüber etwaigen Vorwürfen mit dem Argument, sich in der verbleibenden Zeit umso intensiver um ihre Kinder zu kümmern. Lässt sich in der Eltern-Kind-Beziehung mangelnde Quantität durch mehr Qualität kompensieren?

Rollett: In den achtziger Jahren haben wir sogar herausgefunden, dass Nur-Hausfrauen weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen als Mütter, die höchstens 35 Stunden pro Woche arbeiten. Wenn eine Frau aber länger arbeitet, geht das an die Substanz. Wir haben auch herausgefunden, dass ungefähr eine halbe Stunde pro Kind pro Tag tatsächlich eine heilsame Wirkung hat - wenn man sich wirklich dem Kind widmet und nicht daneben schnell schnell die Wäsche fertig macht. Ich selbst habe vier Kinder gehabt, da wird es natürlich eng, aber es ist für Väter wie für Mütter wirklich wichtig, diese Zeit für die Kinder zu reservieren.

Die Furche: Kann man den zunehmenden Konsumismus unter Kindern und Jugendlichen als eine Folge von emotionaler Verwahrlosung deuten?

Rollett: Unter dem Schlagwort Konsumismus verstecken sich verschiedene Phänomene. Zum einen gibt es so genannte Laissez-faire-Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern und das durch Geld kompensieren. Diese Kinder können unfähig werden, sich selber zu beschäftigen, und haben dann womöglich nur noch den Konsum im Kopf. Nur wenn aber Kinder zur Beschäftigung mit sich selbst fähig sind, haben sie auch Freude an Hobbies und sozialen Aktivitäten. Es gibt aber auch jene Fälle, wo Jugendliche in Gruppen geraten, wo Drogen genommen werden. Das können sogar Jugendliche sein, die als Kinder gut behütet waren, wo aber die Eltern ihre Erziehungsarbeit zu früh eingestellt haben und die üblichen pubertären Frechheiten zu krumm genommen haben. Diesen Eltern raten wir, die Erziehungsarbeit an den Jugendlichen nicht einzustellen. Sie muss nur anders aussehen. Jugendliche, die einsam sind, können grundsätzlich schnell in ein Suchtverhalten hineinschlittern. Wir machen gerade eine große Untersuchung über Internetsucht und haben unter den Zwölf- bis Dreizehnjährigen eine große Gruppe festgestellt, die internetsüchtig oder zumindest gefährdet ist.

Die Furche: Nicht nur in der Familie, auch in der Schule sind laut einer aktuellen Studie aus der Steiermark die emotionalen Antennen eingefahren worden. Zudem seien die 140 österreichischen Schulpsychologen heillos überlastet ...

Rollett: Der Schulpsychologe wird erst dann herangezogen, wenn der Lehrkraft etwas aufgefallen ist. Wichtig ist es also, dass Lehrkräfte depressive Störungsbilder erkennen. Im Unterschied zu den Volks- und Hauptschullehrern haben aber Lehrkräfte an höheren Schulen keine Ausbildung in Psychologie erhalten. Sie sind einfach nicht für diese Aufgabe ausgebildet. Sehr problematische, spektakuläre Fälle, die bis zum Selbstmord reichen, findet man aber eher bei den älteren Schülern und Schülerinnen. Übrigens sind österreichweit 140 Schulpsycholgen natürlich viel zu wenig. Jetzt machen sie nur Diagnosen und Beratungen. Wenn man aber möchte, dass auch Hilfe bei Überwindung von Störungen geleistet wird, dann braucht man sehr viel mehr.

Die Furche: Woran können Lehrer, aber auch Eltern eine Selbstmordgefährdung erkennen?

Rollett: Wenn der oder die Jugendliche nichts sagt, ist es schwierig. Dann merkt man nur die Zurückgezogenheit. Ein sehr schlimmes Zeichen ist es, wenn jemand anfängt, liebgewordene Dinge zu verschenken. Wenn jemand sagt, dass er sich umbringen will, muss das immer ernstgenommen werden. Es gibt leider einen Aberglauben nach dem Motto: Wer davon redet, tut es nicht. Das stimmt aber nicht. Besonders gravierend ist es, wenn der Betreffende genau sagt, was er tun möchte - etwa: "Ich stürze mich vom sechsten Stock!" Dann ist wirklich Gefahr im Verzug.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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