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"Am Abstellgleis der Gesellschaft"

Der Mangel an Pflegekräften wächst - nicht ohne Grund: Viele Altenpfleger fühlen sich sowohl psychisch als auch körperlich überfordert.

Die Meldungen häufen sich verdächtig: Anfang März meldete die Arbeitsgemeinschaft der ambulanten Pflegedienste in Kärnten eine Unterversorgung von bis zu 20 Prozent. Auch in Oberösterreich schlug man Alarm: Rund 200 ausgebildete Altenpfleger würden landesweit fehlen, erklärte die Arbeitsgemeinschaft der oberösterreichischen Alten- und Pflegeheime zu Beginn dieses Jahres. Österreichweit herrsche sogar ein Mangel an rund 1.000 Pflegern, stellte man fest. Die Lage ist umso prekärer, als die Zahl der Pflegebedürftigen Prognosen zufolge bis 2020 um 70 Prozent steigen soll.

Angesichts dieses Pflegenotstands behelfen sich die Zuständigen mit ähnlichen Methoden: Mit Imagekampagnen wollen etwa Wiens Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann-Häcker (SP) und Niederösterreichs stellvertretende Landeshauptfrau Heidemaria Onodi (SP) Jugendlichen den Besuch von Gesundheits- und Krankenpflegeschulen schmackhaft machen.

Ob solche Kampagnen reichen, wird vom Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband jedenfalls bezweifelt, sind doch die tatsächlichen Probleme schnell zu benennen: "Einer der Hauptgründe, warum Pflegeschulen weder bei Eltern noch bei Schülern attraktiv sind, ist die fehlende Matura", gibt die Präsidentin des Verbandes, Eva Kürzl, zu bedenken. Bisher sei die Reifeprüfung als Abschluss der dreijährigen Ausbildung einfach nicht vorgesehen. Probleme beim späteren Berufsumstieg sind die Folge. Gefordert wird auch ein verbessertes Weiterbildungsangebot sowie die Einrichtung eines pflegewissenschaftlichen Studiums, das in Österreich noch fehle, so Kürzl. Nicht zuletzt müssten die Arbeitsbedingungen selbst verbessert werden: Dazu gehöre ausreichend qualifiziertes - und vorhandenes - Personal. Die Wünsche wurden vergangene Woche bei Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck deponiert. Ob sie erfüllt werden, bleibt abzuwarten.

Image und Realität

Veränderung tut jedenfalls not: Für viele gilt Altenpflege noch immer als unzumutbarer Job. Junge Diplomschwestern und -pfleger wollen im Operationssaal oder auf der Intensivstation arbeiten, vielleicht noch in einem Rehabilitations-Zentrum aber nur höchst ungern in einem Pflegeheim. Was macht die Altenpflege so unattraktiv? Die Furche befragte Schwestern und Pflegehelfer nach ihren Erfahrungen.

"Unser größtes Problem ist die Personalsituation", erzählt Maria, Stationsschwester in einem oberösterreichischen Pflegeheim. "Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich mit einem Zivildiener alleine für 31 Bewohner zuständig. Das zermürbt."

In den Alten- und Pflegeheimen wird der Personalbedarf nach der Pflegegeldeinstufung der Heimbewohner berechnet. Je mehr hohe Pflegestufen, umso mehr Personal. "Dies ist keine optimale Lösung", meint Schwester Maria. Aus jahrelanger Berufserfahrung weiß sie, dass sehr hoch eingestufte Pflegebedürftige (Stufe 6 und 7) meist weniger Zeit und Energie beanspruchen als solche, die in die Pflegestufen 4 oder 5 fallen. Denn diese sind meist inkontinent und desorientiert, aber mobil. Sie müssen ständig beobachtet und vor Gefährdung geschützt werden, benötigen Hilfe beim Essen und müssen zwischendurch immer wieder zum Trinken aufgefordert werden - dies erfordere viel mehr Zeit als ein bettlägriger Patient mit Magensonde. Aufgrund des Zeitmangels werden die Bewohner "versorgt", aber kaum "aktiviert", weiß Schwester Maria: statt beim Essen zu unterstützen wird gefüttert, statt aufs WC zu begleiten wird "trockengelegt". Das System biete keinerlei Anreiz zu aktivierender Pflege. Im Gegenteil: Gelinge es, einen Patienten zu mobilisieren und ihm ein Stück Selbstständigkeit zurückzugeben, gebe es weniger Pflegegeld - und weniger Personal.

Der Leistungskatalog der Pflegeversicherung umfasst außerdem nur die physische Existenzerhaltung. Die Bewertung der Pflegebedürftigkeit und die Berechnung der entsprechenden Pflegesätze richtet sich nach der körperlichen Beeinträchtigung. Zu wenig berücksichtigt würden geronto-psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen und Demenzen, unter denen viele Heimbewohner leiden.

"Alte Menschen wollen nicht nur trocken, satt und sauber sein, sie wollen auch jemanden, der sich ihre Lebensgeschichte erzählen lässt, mit ihnen spazieren geht, ihre Sorgen anhört", betont auch Schwester Monika, die seit fünf Jahren im Pflegeheim arbeitet. Die sozialen Aufgaben des Pflegeberufs scheinen aber im Kriterienkatalog der Pflegeversicherung nicht auf - Zeit für Gespräche ist nicht vorgesehen. Völlig unzureichend ist die Personalsituation in den Nachtdiensten. So kommt es nicht selten vor, dass eine Diplomkraft in der Nacht für 160 Pflegebedürftige zuständig ist. Im konkreten Fall eines oberösterreichischen Pflegeheimes muss eine Diplomschwester nachts eine Station mit 35 Patienten alleine versorgen und vier weitere Stationen mitbetreuen. "Das ist unzumutbar für Personal und Bewohner", ist Stationsschwester Maria überzeugt.

Zu hohe Ansprüche

Die physische und psychische Überlastung des Pflegepersonals ist ein seit langem bekanntes Problem. "Viele stumpfen mit den Jahren ab, sie entwickeln eine distanzierte, leicht zynische Verhaltensweise anderen Menschen gegenüber, um sich selbst zu schützen", schildert Schwester Maria ihre Erfahrung mit Mitarbeitern. Nötig sei eine bessere Ausbildung und regelmäßige Fortbildung, die Psychologie, Persönlichkeitsbildung und Selbsterfahrung umfassen sollte.

Darüber hinaus müsse man die Einrichtung "Alten- und Pflegeheim" insgesamt unter die Lupe nehmen, meint der Altenfachbetreuer Heinz. "Die Ansprüche, die Angehörige an uns herantragen, sind oft unrealistisch hoch." Kein Wunder, dass sich viele Altenpfleger am Abstellgleis der Gesellschaft fühlen, wie Heinz erklärt: "Die Menschen verdrängen Alter und Tod und haben daher nur geringes Interesse daran, wie Mitmenschen ihren letzten Lebensabschnitt verbringen und wie es den Pflegenden geht."

Mehr Aufmerksamkeit wäre freilich angebracht: Nicht zuletzt sind die Aktiven von heute die Pflegebedürftigen von morgen.

Informationen unter www.oegkv.at

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