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Amsterdam setzt auf sein KANAL-KAPITAL

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 2010 sind die Grachten in der Hauptstadt der Niederlanden Weltkulturerbe. In einigen Jahren sollen Besucher sie nicht nur vom Boot aus genießen, sondern darin schwimmen.

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Seit 2010 sind die Grachten in der Hauptstadt der Niederlanden Weltkulturerbe. In einigen Jahren sollen Besucher sie nicht nur vom Boot aus genießen, sondern darin schwimmen.

Grachten? Sind mir egal", sagt Wim Olbers und lacht herzlich, "aber sowas von. Und diese Häuser auch. Klar ist das schön, aber es bedeutet mir wirklich nichts." Für seine Gäste mag die Kulisse der Inbegriff von Amsterdam-Romantik sein: Kanäle, an denen die Giebel großzügiger Kaufmannsvillen vorbeiziehen, gesäumt von Fahrrädern und niedrigen Brücken. Wim Olbers findet das so spektakulär wie ein Fabrikarbeiter das Fließband. Sechs Mal täglich fährt er die Runde über die Grachten, seit 15 Jahren. Und abends nach der Dämmerung folgen noch eine Dinner-Cruise oder eine Candlelight-Tour.

Was Kapitän Olbers, 53, an seinem Job mag?"Die Leute. Mit Menschen, das ist nie langweilig, denn jede Fahrt ist anders." So gesehen sind es gute Zeiten: Gruppenweise strömen gerade die Kunden an Bord. Eine Bootsfahrt über die Kanäle gehört neben Windmühlenbesichtigung zur Heiligen Dreifaltigkeit eines Holland-Ausflugs. Über drei Millionen Besucher schippern jährlich durch die Grachten. Wim Olbers ist das nur Recht: "Ich sehe mich durchaus als sowas wie einen Gastgeber."

Vorne im Bug hängt die blaugelbe Fahne der Reederei Lovers. Steil steht sie im Wind, als das Boot schaukelnd über das Ij pflügt, den breiten Fluss hinter dem Amsterdamer Bahnhof. "Keine Sorge, ist im Preis inbegriffen", scherzt der Gastherr hinter dem Steuerrad. Eine kernige Erscheinung ist er: dunkelblaue Uniform mit goldenen Streifen auf den Schulterklappen, kurz getrimmtes blondes Haar, klarblaue Augen. Über die schiebt er jetzt die Sonnenbrille, greift mit der Linken die Wasserflasche und trinkt einen schnellen Schluck, während die Rechte das Boot in die Grachten lenkt.

Als Grachtenrundfahrer ist Witz gefragt

Ab und an nimmt Olbers das Mikrofon, das neben dem blankpolierten Armaturenbrett liegt, und ergänzt die Banddurchsagen, oder er weist seine 120 Gäste im richtigen Moment auf das hin, was die Frauenstimme aus dem Lautsprecher soeben beschrieben hat. Auf Deutsch und Englisch stellt er weitere Sehenswürdigkeiten vor - etwa den Teil der Herengracht, wo einst die reichsten Händler lebten. "Heute ist es noch immer sehr teuer, also finden Sie hier Anwälte, Banker und andere Kriminelle", erklärt er launig, macht noch ein Wortspiel über "liar" und "lawyer" und erntet erste Lacher an Bord.

Früher war Käpt'n Olbers Binnenschiffer. Den Rhein fuhr er hinunter bis nach Basel, und auch in den Hochöfen der Stahlwerke arbeitete er, in der Nähe seines Wohnorts Castricum an der nordholländischen Küste. Wie er dann, Ende der 1990er-Jahre, in der Grachtenrundfahrt landete?"Ich beging ein Verbrechen", sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken. "Und dann musste ich als gemeinnützige Arbeit hier anfangen." Jetzt lacht Olbers über seinen gelungenen Witz. In Wirklichkeit sah er eine Annonce in der Zeitung. Die nötigen Zeugnisse hatte er ohnehin, also bewarb er sich einfach.

Wer nun denkt, das Steuern einer solchen Grachtengaleere sei ein einziges gemächliches Cruisen, täuscht sich. Ganz wie ein Taxifahrer Funkkontakt mit der Zentrale unterhält, gibt auch Wim Olbers regelmäßig per Telefonhörer der Reederei seine Koordinaten durch. Bei mehr als 170 Ausflugsbooten im Grachtengürtel bedarf es oft reinster Maßarbeit, das Boot durch schmale Brücken zu manövrieren, hinter denen zwei Kollegen die Räume noch enger machen. Nach einer Stunde Fahrt legt Olbers am Steg seiner Reederei beim Bahnhof an. Zeit für eine Mandarine, danach wird er an Bord sauber machen und auf die nächsten Gäste warten.

Was die wenigsten Touristen wissen: Amsterdam hat große Pläne für sein einzigartiges Kanal-Kapital, das einst im Zuge der Ausbreitung der Stadt entstanden ist und seit 2010 zum Weltkulturerbe zählt. In einigen Jahren sollen Besucher und Bewohner die Grachten nicht nur vom Boot aus genießen, sondern auch selbst darin schwimmen können. Einen Vorgeschmack darauf gab es letzten Spätsommer, als mehr als tausend Teilnehmer beim Wohltätigkeitsevent "City Swim" zwei Kilometer durch das Wasser schwammen - und das, obwohl es immer etwas trübe aussieht.

Auf diesen Eindruck sollte man nicht zu viel geben. "Die Farbe ist bräunlich oder gelblich, weil das Wasser zum Teil aus der Amstel stammt, die durch ein Gebiet mit Torfböden fließt", erklärt Maarten Ouboter. Eigentlich ist Ouboter Hydrologe, doch nebenbei ist der jünger wirkende 52-Jährige mit den rotblonden Locken eine Art Schwimm-Meister der Zukunft: Bei der Amsterdamer Behörde Waternet ist er nämlich dafür zuständig, die Qualität des Grachtenwassers zu verbessern. Seine Kollegen sagen, er wisse einfach alles über Wasser.

"1913 wurde der erste Teil des Klärsystems in Amsterdam fertiggestellt", so Ouboter. "Erst 1987 schloss man das letzte Grachtenhaus daran an." Doch gewonnen war damit noch nicht viel, denn da waren noch die Hausboote, zwischen 2500 und 3000 an der Zahl. In den 1960ern und 1970ern wurden sie eine populäre Maßnahme gegen die Wohnungsnot in der Hauptstadt. Im Ausland gelten sie seither als Symbol des kreativen Nonkonformismus ihrer Bewohner.

Bis vor kurzem flossen ihre Abwässer in die Kanäle. Damit aber wird bald Schluss sein: 40 Prozent der Hausboote sind inzwischen ans Abwassersystem angeschlossen, der Rest soll demnächst folgen.

Frisches Wasser aus dem Meer

Bis an die Grenzen der Stadt ziehen sich die Hausboote, selbst am Ende der Nieuwe Vaart liegen sie, einem Kanal, der Richtung Osten aus der Stadt herausführt. Hier draußen, am Rande des Ijmeers, befindet sich der zentrale Punkt des Amsterdamer Wassersystems: die Poldermühle Gemaal Zeeburg. Vier massive Pumpen in einer riesigen Halle, die mit Hilfe eines Siphon frisches Wasser aus dem Ijmeer in das Kanalsystem pumpen können. "Damit können wir den Wasserstand und den Sauerstoffgehalt regulieren", erklärt Ouboter.

Bis vor kurzem geschah diese Frischwasser-Infusion im Sommer in vier Nächten pro Woche. Für die Fische - Zander, Hecht, Barsch oder Brachsen - gab es so genug Sauerstoff, und die Menschen freuten sich, dass die malerischen Kanäle weniger unangenehm rochen. Seit die Stadt den direkten Ausfluss der Wohnboote reduziert hat, ist das Durchspülen der Grachten nur noch eine Stand-by-Maßnahme. Dafür fahren Maarten Ouboter und seine Kollegen nun häufig mit einem Inspektionsboot herum, oder sie entnehmen an Brücken Proben des Oberflächenwassers. "Vor dem Schwimm-Event letztes Jahr haben wir mit Elektrodenmessung eine vollständige Analyse gemacht."

Das Ergebnis: Natürlich haben die Grachten keinen Schwimmbadstandard, aber mit Neoprenanzug, Schwimmbrille, Ohrstöpseln und natürlich geschlossenem Mund gebe es höchstens ein geringes Risiko auf bakterielle Zwischenfälle in Magen und Darm, lud der Flyer die Teilnehmer ein. Für Maarten Ouboter ist die Sache ohnehin klar: "Gefährlich ist Schwimmen in den Grachten nicht wegen der Wasserqualität, sondern wegen der Schiffe. Und wegen allem, was darin liegt." Tief sind die Grachten nicht: gut zweieinhalb Meter in der Mitte, knapp einen am Rand. "Da kann es übel ausgehen, wenn man einfach ins Wasser springt."

Voll mit Fahrzeugmüll

Das Innenleben der Kanäle offenbart sich an einem frühen Morgen im pittoresken Quartier Jordaan. Auf einem flachen Kahn, so breit, dass er fast die ganze Wasserfläche bedeckt, türmen sich Fahrräder, ein paar hölzerne Boote und ein Mofa. Alles ist mit schwarzem Moder überzogen und frisch geborgen. Einige Meter entfernt liegt ein weiteres Boot. Es heißt "SB 24", hat einen erhöhten Stand für den Steuermann und am Bug einen um 360 Grad drehbaren Sitz, von dem aus eine Baggerschaufel mit fünf gewaltigen Zähnen bedient werden kann.

Es gehört genauso wie das Grofvuilboot zur Flotte von Waternet. Und wie der Name sagt, entfernt es groben Müll aus den Kanälen -allen voran Fahrräder. Soeben lässt Richard Matser im Baggerstuhl den Greifarm ins Wasser tauchen. Einen Radar braucht man nicht, beinahe überall trifft man auf Fahrräder, ganz so, als wüchsen sie auf dem Boden der Gracht. Schon zieht Matser eines empor und wirft es zu den anderen auf das Beiboot. "12.000 sind es im Jahr, und heute haben wir schon mehr als 50". Auf den Brücken und am Ufer bleiben Touristen stehen, wenn das Grofvuilboot vorbeikommt. Die SB 24 ist eines der meistfotografierten Schiffe der Stadt.

"Das gibt es ja auch nirgendwo anders", grinst Jan de Jonge, der am Steuerrad steht. Seit 26 Jahren ist er an Bord von Müllentsorgungsbooten, ein halbes Arbeitsleben. Was er daran mag? "Immer an anderen Orten sein, keinen Bürojob haben. Und trotzdem abends nach Hause gehen zu können, anders als mein Vater, der Binnenschiffer war." Dann deutet er mit dem Kopf auf die offene Luke, wo ein paar Stufen ins Innere des Bootes führen. An der Treppe kleben Ajax-Amsterdam-Sticker. "Wir haben alles dabei, Kaffee, Kühlschrank, wir sind unabhängig."

Im Drehstuhl bemüht sich Richard Matser vergeblich, ein weiteres Boot aus dem Wasser zu hieven. Publikum hat sich am Ufer versammelt, manche schauen interessiert, andere kritisch -nicht alle begrüßen, dass die Stadt Jagd auf verwahrloste Privatboote macht, um die Grachten aufzuräumen. Schon 200, sagt De Jonge, sind dieses Jahr entfernt worden. Gemeindebeamte fotografieren sie und setzen sie auf eine Liste.

Schiffer De Jonge springt seinem Kollegen zu Hilfe. Sie befestigen ein Tau am Boot und ziehen es über die Zähne des Greifarms. Ein Ruck, dann baumelt das Gefährt über dem Wasser, bevor es krachend zu den übrigen Fundstücken fällt. Bevor Amsterdams Kanäle zum Badeparadies werden, muss die SB 24 noch ein paar zehntausend Fahrräder aus dem Wasser fischen.

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