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"Rasse": Das brandgefährliche Wort

Linguistik - © lluIllustration: Rainer Messerklinger (unter Verwendung einer Grafik von iSotck/pressureUA)
Gesellschaft

Anatol Stefanowitsch: „Der Begriff Rasse hat keine positive Bedeutung mehr“

1945 1960 1980 2000 2020

In der Alltagssprache könne man den Begriff „Rasse“ nicht mehr verwenden, meint der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Dennoch kann er nicht einfach zum Verschwinden gebracht werden. Und: Ist „Rasse“ durch ein anderes Wort ersetzbar?

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In der Alltagssprache könne man den Begriff „Rasse“ nicht mehr verwenden, meint der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Dennoch kann er nicht einfach zum Verschwinden gebracht werden. Und: Ist „Rasse“ durch ein anderes Wort ersetzbar?

Der Begriff „Rasse“ ist nicht nur ein Problem der Biologie, sondern auch eines der Sprache. Speziell im Deutschen ist er mit der völkischen, menschenverachtenden Rassenideologie eng verbunden. Aber kann „Rasse“ aus dem Sprachgebrauch überhaupt entfernt werden? Auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es unter anderem, niemand dürfe wegen seiner Rasse diskriminiert werden ...

DIE FURCHE: Kann man heute überhaupt noch das Wort Rasse im Zusammenhang mit Menschen verwenden?
Anatol Stefanowitsch: Das Wort Rasse ist erst ab dem späten 18. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt worden – und zwar explizit im Kontext der Rassentheorie. Wo es auf Menschen angewendet wurde, war das Wort von Anfang an problematisch. Durch den völkischen Rassismus und den Nationalsozialismus hat das noch einmal zu einem sehr viel engeren Rassebegriff geführt und ist noch zusätzlich ideologisch aufgeladen worden. Insofern kann man sagen, dieses Wort hätte man nie verwenden dürfen – spätestens in Gesetzestexten nach der Zeit des Nationalsozialismus hätte er nicht wieder auftauchen dürfen. Aber im unmittelbaren Nachkriegseuropa war der Rassebegriff noch weitgehend selbstverständlich. Das hat dazu geführt, dass man den Begriff gar nicht infrage gestellt und relativ gedankenlos verwendet hat.

Der Begriff „Rasse“ ist nicht nur ein Problem der Biologie, sondern auch eines der Sprache. Speziell im Deutschen ist er mit der völkischen, menschenverachtenden Rassenideologie eng verbunden. Aber kann „Rasse“ aus dem Sprachgebrauch überhaupt entfernt werden? Auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es unter anderem, niemand dürfe wegen seiner Rasse diskriminiert werden ...

DIE FURCHE: Kann man heute überhaupt noch das Wort Rasse im Zusammenhang mit Menschen verwenden?
Anatol Stefanowitsch: Das Wort Rasse ist erst ab dem späten 18. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt worden – und zwar explizit im Kontext der Rassentheorie. Wo es auf Menschen angewendet wurde, war das Wort von Anfang an problematisch. Durch den völkischen Rassismus und den Nationalsozialismus hat das noch einmal zu einem sehr viel engeren Rassebegriff geführt und ist noch zusätzlich ideologisch aufgeladen worden. Insofern kann man sagen, dieses Wort hätte man nie verwenden dürfen – spätestens in Gesetzestexten nach der Zeit des Nationalsozialismus hätte er nicht wieder auftauchen dürfen. Aber im unmittelbaren Nachkriegseuropa war der Rassebegriff noch weitgehend selbstverständlich. Das hat dazu geführt, dass man den Begriff gar nicht infrage gestellt und relativ gedankenlos verwendet hat.

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DIE FURCHE: In der Biologie ist es heute Konsens, dass die Kategorien, die mit „Rasse“ beschrieben wurden, wissenschaftlich nicht haltbar sind.
Stefanowitsch: Aber auf gesellschaftlicher Ebene spielt das, was mit diesem Begriff erfasst werden sollte, immer noch im Denken von Individuen, aber auch auf kultureller Ebene eine Rolle. Da muss man sich auch gleich fragen, wie der Begriff ersetzt werden könnte. Es gibt ja Vorschläge, auch aus rassistisch diskriminierten Gruppen heraus, das Wort Rasse vielleicht nicht zu ersetzen, sondern ihm eine neue Bedeutung zu verleihen.

DIE FURCHE: Trotzdem ist es so, dass beispielsweise in den USA ein Afroamerikaner erkennbar anders ist als ein Nicht-Afroamerikaner. Und es ist evident, dass Afroamerikaner gesellschaft lich diskriminiert sind. Genau das muss man ja beschreiben können.
Stefanowitsch: Das Problem beginnt schon damit, dass man den Begriff der rassistischen Diskriminierung behalten muss, weil wir sonst über diese Diskriminierungsstrukturen nicht mehr reden können. Dann ist aber die Frage, wie wir den Begriff Rassismus definieren, wir müssen ja irgendeinen Bezugsbegriff haben. Der Bezugsbegriff für Rassismus war natürlich nie ausschließlich die biologische Bedeutung des Begriffs „Rasse“. Wir haben da ein eher intuitives Vorgehen, um etwa Afroamerikaner(innen) zu erkennen. Da können wir auch danebenliegen. Wir wissen aber, es gibt eine sozial konstruierte Kategorie, die körperliche Merkmale in diese Konstruktion miteinbezieht – zum Beispiel eine Kombination aus Hautschattierungen, Haarstruktur, Gesichtsformen. Wir verwenden also eine komplexe Menge verschiedener körperlicher Merkmale, die dann zum Mitglied einer – also was dann, wenn wir das Wort „Rasse“ nicht verwenden wollen? – zusammenkommen. Dann benötigen wir ein anderes Wort. Oft wird jetzt „Ethnie“ auf dieselbe Weise verwendet wie das Wort Rasse. Obwohl es eigentlich etwas anderes bedeutet: Eine Ethnie wird durch eine gemeinsame Kultur und eine gemeinsame Abstammung definiert. Weil es also schwierig ist, einen deckungsgleichen Begriff zu finden, sagen einige Menschen gerade aus den von Rassismus betroffenen Kreisen: Wir nehmen lieber das Wort Rasse und geben ihm eine neue Bedeutung.

DIE FURCHE: Aber im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, auch in den entsprechenden österreichischen Grundrechtstexten, in den Menschenrechtserklärungen heißt es bis heute, niemand dürfe wegen seiner Rasse diskriminiert werden.
Stefanowitsch: Es gibt die Idee, dass man diese Texte ändert auf: „Kein Mensch darf rassistisch diskriminiert werden.“ Rassismus ist dann etwas, was der Einteilung in sogenannte Rassen vorausgeht. Das ist nicht falsch. Ich kann beide Seiten verstehen – die eine Seite, die sagt: „Rasse“ muss unbedingt aus diesen Texten wegkommen, wir müssen eine andere Möglichkeit finden, die rassistische Diskriminierung zu fassen. Und die andere Seite, die sagt: Man muss aufpassen, was man damit abschafft.

Das Problem beginnt damit, dass man den Begriff der rassistischen Diskriminierung behalten muss, weil man sonst über diese Diskriminierungsstrukturen nicht mehr reden kann.

Anatol Stefanowitsch

DIE FURCHE: Im Englischen wird das Wort „race“ ja durchaus auch von Afroamerikaner(inne)n verwendet. „Race“ ist im Englischen etwas anderes als „Rasse“ im Deutschen.
Stefanowitsch: Race ist aus demselben italienischen Wort razza entlehnt, aber doch etwas ganz anderes als Rasse. Es hat also denselben etymologischen Ursprung, kam in den angelsächsischen Sprachraum aber bereits 400 Jahre früher als in den deutschen, also zu einer Zeit, als es eine Rassenideologie noch gar nicht gab. Das zeigt sich im Englischen schon daran, dass die frühe Verwendung schon sehr viel breiter war. Etwa als ein noch sehr unpräziser Begriff für einzelne Unterfamilien des tierischen Lebens. Als race dann auf Menschen übertragen wurde, war es auch noch deutlich – gegen Ende des 15. Jahrhunderts: Da ist es in einer sehr breiten Art und Weise verwendet worden, um verschiedene Gruppen von Menschen zu bezeichnen oder einfach die Menschheit selber – die human race. Wir würden auf Deutsch nie sagen: die menschliche Rasse … Diese Unterschiede zum Deutschen haben dazu geführt, dass der Begriff race im Englischen viel flexibler ist und nie ganz auf die eine Bedeutung eingeengt war, die dann für den Begriff des Rassismus so wichtig war.

DIE FURCHE: Aber auch in der englischsprachigen Welt gab und gibt es Rassismus …
Stefanowitsch: … ja, auch der englischsprachige Begriff race wurde verwendet, um schreckliche Verbrechen an der Menschlichkeit – etwa die Sklaverei – zu rechtfertigen, aber er war nie so ausschließlich mit der ideologisch motivierten Vernichtung von Menschen assoziiert, wie es im Nationalsozialismus der Fall war. Das hat dazu beigetragen, dass sich im Englischen race eher dafür angeboten hat, mit immer neuen Bedeutungen aufgeladen zu werden. In den USA wird der Begriff verwendet, um so große Gruppen wie Black, White, Asian oder Pacific Islander zu identifizieren. Das sind dann Großgruppen, die sich auf bestimmte Herkunftsbereiche beziehen. Auf dieser Grundlage, die auch mit kultureller Identität zu tun hat, kann man sagen: Die schwarze Bevölkerung in den USA ist schon sehr lange da, hat eine gemeinsame Geschichte, das sind Nachfahren der versklavten Menschen, sie leiden unter gemeinsamen Unterdrückungen, und diese Gruppe hat auch gemeinsame kulturelle Beiträge geleistet. Da gibt es race relations, also Gruppen, die zueinander in Beziehung treten können. Das ist dort auf Augenhöhe zumindest vorstellbar. Man kann sich den Begriff race in einem Kontext vorstellen, wo unterschiedliche Gruppen kultureller Art miteinander eine Gesamtkultur veranstalten. Das kann man sich mit dem deutschen Begriff Rasse kaum vorstellen.

DIE FURCHE: Und in den deutschsprachigen Ländern?
Stefanowitsch: Als Rechtsbegriff könnte man ihn möglicherweise beibehalten, weil natürlich Rechtsprechung existiert, die sich auf diesen Begriff bezieht. Da muss man vorsichtig sein, ihn ganz abzuschaffen. In der europäischen Gesetzgebung, die diesen Begriff verwendet, wird manchmal eine Art Präambel formuliert, wie der Begriff race oder Rasse zu verstehen ist. Es wäre für Gesetzestexte also eine Lösung, dass man sagt, wir müssen die Tradition, die dieser Begriff hat, erhalten, weil sich die Rechtsprechung ja an diesem Begriff entlang entwickelt hat. Aber in der Alltagssprache kann man den Begriff meiner Meinung nach nicht mehr verwenden, man kann ihm keine neue positive Bedeutung geben.

Stefanowitsch - © Foto: Privat

Anatol Stefanowitsch

Der Sprachwissenschaftler ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin sowie Wissenschaftsblogger zum Thema Sprache (www.sprachlog.de).

Der Sprachwissenschaftler ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der Freien Universität Berlin sowie Wissenschaftsblogger zum Thema Sprache (www.sprachlog.de).

DIE FURCHE: Es muss aber einen Ausdruck geben, um das, was Sie für den angelsächsischen Raum beschrieben haben, für den deutschen Sprachraum auszudrücken. Das sollte doch etwas sein, das nicht fünf Sätze braucht.
Stefanowitsch: Das kann man schon sagen. Man kann aber auch sagen: Unsere Vorfahren haben hier Kategorien und Theorien dazu geschaffen, und sie haben damit schreckliche Verbrechen begangen. Warum brauchen wir einen bequemen Begriff, um darüber zu reden? Sollte es nicht sogar ein bisschen umständlich sein? Kann es nicht etwas sein, über das wir stolpern? Das führt vielleicht dazu, dass wir den Begriff nicht mehr so gedankenlos verwenden, sondern nur da, wo es um die Benennung rassistischer Strukturen geht. Wenn der Begriff Ethnie oder ethnische Gruppe passt, dann kann er auch verwendet werden. Das passt natürlich nicht überall, wo wir Rasse gesagt hätten. Ein anderer Begriff wäre „Rassifizierung“, also rassifizierte Menschen, um deutlich zu machen, die haben keine „Rasse“, sondern die wird ihnen von der Mehrheitsgesellschaft zugewiesen. Das heißt, eine Außenperspektive führt dazu, dass bestimmte Menschen zu einer Gruppe gehörig betrachtet werden. Das ist vielleicht ungewohnt und macht etwas schwieriger, darüber zu reden, aber vielleicht ist es eine gute Sache.

DIE FURCHE: Die aktuelle Sprachlichkeit geht aber nicht in die Richtung der Ausdifferenzierung, sondern sie operiert mit weniger Worten, mit einfacheren Beschreibungen, mit Schlagworten und Kurzformen. Ist es nicht gerade in dieser Situation wichtig, etwas zu finden, das nicht allzu umständlich ist?
Stefanowitsch: Wenn wir Sprachgebrauch als überdenkenswert erkannt haben, dann geht es einmal um die konkreten Begrifflichkeiten, die verwendet werden: Was haben die für eine geschichtliche, gesellschaftliche, kulturelle Aufladung? Das ist oft der Grund, warum ein Begriff wie Rasse abgelehnt wird. Da kann man dann schauen: Gibt es neutralere, weniger aufgeladene Begriffe mit weniger Ballast, die wir stattdessen verwenden könnten? Und wenn es um Wörter für bestimmte Gruppen geht, die ja auch oft problematisiert werden, dann kann man fragen: Wie bezeichnet sich die Gruppe selber? Bei Rassismus geht es um einen Mechanismus, Menschen in bestimmte Gruppen einzuteilen. Aber auch da muss man nach neutraleren Begriffen suchen, nach Selbstbezeichnungen etc. Was wir uns auch fragen müssen, ist: War der Begriff in seiner Bedeutungsbreite, in dem, was darin subsumiert wurde, angemessen? Und das ist oft nicht der Fall. Ein Problem am Wort „Zigeuner“ zum Beispiel ist neben der historischen Last, die es in sich trägt, dass es ganz verschiedene Gruppen, die sich nie als eine gemeinsame Gruppe betrachtet hätten, zu einer zusammengefasst hat. Es geht da nicht nur um das Wort, sondern auch um das, was die Bedeutung des Wortes umfasst. Also nicht nur Sinti und Roma, sondern auch andere Gruppen, die sich als unterschiedlich betrachten. Deshalb können wir keinen einfachen Ersatz für das Wort Zigeuner finden, das eine einzige Gruppe bezeichnet – denn es war das Problem dieses Wortes, dass man von außen gesagt hat: Ihr seid alle eine Gruppe.

DIE FURCHE: „Zigeuner“ mag als Gruppenbezeichnung falsch sein, aber bei „Rasse“ schwingt noch viel mehr – und vor allem eine Ideologie mit.
Stefanowitsch: Beim Wort Rasse haben wir es mit einer abstrakten Kategorie zu tun. Aber auch dort müssen wir die Frage stellen: Welchen Mechanismus der Unterscheidung von Menschen haben wir als „Rasse“ bezeichnet. Und gibt es überhaupt ein neutrales Wort, das auf dieselbe Weise Menschen in Gruppen einteilt? Oder wollen wir sagen: Wir müssen uns anschauen, welche Arten von gesellschaftlichen Gruppen der Art von Diskriminierung ausgesetzt sind, die wir im Allgemeinen als „rassistisch“ bezeichnen. Man kann es so zusammenfassen: Rassismus ist die Anschauung, dass bestimmte Menschen aufgrund ihrer Abstammung bestimmte minderwertige Merkmale haben. Da kann man dann sagen: Das Wort Abstammung haben wir ja. Also dort, wo es sich auf Abstammung bezieht, können wir darüber reden, und bei der Mischung aus Abstammung, Kultur und Identität können wir von Ethnie reden und dann noch weitere Begriffe finden. Das, was wir früher als Rasse bezeichnet haben, müssen wir heute feiner aufgliedern. Und dabei dürfen wir natürlich kein Wort verwenden, das Menschen pauschalierend, biologisierend in höherwertige und minderwertige Gruppen einteilt. Ich denke, hier ist die gedankliche Differenzierung Teil des sprachreformerischen Prozesses, den wir durchmachen müssen.

Moral - © Foto: Duden
© Foto: Duden
Buch

Eine Frage der Moral

Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen
Von Anatol Stefanowitsch Duden 2018
64 S., kt., € 8,30

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