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Appetit auf Ganztagsschule

Gemeinsam lernen, üben, essen und spielen: Ganztägige Schulformen machen es möglich. Ob die Anwesenheit am Nachmittag freiwillig oder verpflichtend sein soll, ist indes umstritten - vor allem in der ÖVP

Zwischen dem Wiener Minoritenplatz und dem Grazer Karmeliterplatz herrscht dicke Luft. Seit Monaten wirbt der steirische ÖVP-Landesgeschäftsführer Andreas Schnider für zwei Schulmodelle, die bei seiner Parteifreundin Elisabeth Gehrer auf wenig Gegenliebe stoßen: die (von den Sozialdemokraten favorisierte) Gesamtschule und die (verpflichtende) Ganztagsschule. Vergangene Woche ging Gehrer schließlich zum Gegenangriff über: Via Salzburger Nachrichten ließ sie dem umtriebigen Grazer Religionspädagogen "einen schönen Gruß" ausrichten - und erinnerte ihn daran, dass schon jetzt der Einrichtung von Ganztagsschulen nichts im Wege stehe - wenn zwei Drittel der Eltern dies nur wollten. Schniders Retourkutsche folgte auf den Fuß: "Diese Zweidrittelmehrheit ist nicht durchführbar", kritisierte er (siehe Interview).

Die Chancen, dass sich die innerparteilichen Wogen glätten, stehen freilich schlecht: Gemeinsam mit Anton A. Bucher, Professor für Religionspädagogik an der Universität Salzburg, hat Schnider seine unorthodoxen Schulvisionen nun in einem Buch verewigt. "Eine Schule des Miteinander. Gesamt- und Tagesschule zwischen Ideologie und Wirklichkeit" lautet der Titel des Opus, das nicht nur einen historischen Abriss der (seit jeher ideologisch aufgeladenen) Bildungsdebatten bietet, sondern auch die Vision einer ganztägigen, gemeinsamen Schule aller Sechs- bis 15-Jährigen entwirft - der steirischen Tagesschule.

In dieser Lern- und Lebensstätte beginnt die Schule um 8 Uhr 30 und dauert bis 16 Uhr, wobei ab sieben Uhr morgens und nach 16 Uhr eine Betreuung angeboten wird. Auf das Morgenritual inklusive Klassenparlament folgte eine zweistündige Lernphase (Zeit des Sammelns). Nach dem gemeinsamen Essen soll eine Übungs- und Vertiefungsphase (Zeit des Vernetzens) das Gelernte festigen helfen. Sportliche und kreative Angebote erweitern den Unterricht.

Auch wenn dies alles noch utopisch ist: An Interesse mangelt es derzeit nicht. In einer Steiermark-weiten Umfrage unter 300 Eltern schulpflichtiger Kinder gaben immerhin 54 Prozent an, ihren Nachwuchs in eine solche Bildungsstätte schicken zu wollen. "Die schulpädagogischen Vorzüge einer Ganztagsschule sind längst erwiesen", stellt auch Anton A. Bucher klar: "Man weiß lernpsychologisch, dass es sehr problematisch ist, acht oder neun Stunden hintereinander Unterrichtsstoff zu präsentieren." Zudem würden völlig neue Lernformen möglich - gesetzt den Fall, dass die entsprechenden Räumlichkeiten vorhanden sind.

In der Volksschule Schumpeterweg im 21. Wiener Gemeindebezirk ist das der Fall: 340 Knirpse verbringen in dem modernen, hellen Schulkomplex den Großteil ihrer Zeit: Sie lernen im Klassenverband, üben und festigen das Gelernte, werden von Stütz- oder Sprachheillehrern gefördert, stürmen mittags gemeinsam den Speisesaal und können in Freizeitgruppen ihrer Lust an Jazztanz, Kochen oder Fußball frönen.Frühestens um 15 Uhr 30 treten sie den Heimweg an - ohne Schultasche, wie Direktorin Ilse Bienert betont: "Die Arbeit wird in der Schule gemacht - nicht zu Hause."

Auch vor und nach der Schule - im Frühdienst ab 7 Uhr 15 und im Spätdienst bis 17 Uhr 30 - werden die Kinder bei Bedarf betreut. Professionell, aber nicht kostenlos: 4,40 Euro pro Tag sind für die Betreuung zu entrichten, 2,33 Euro für das Mittagessen, 21,50 Euro monatlich für die Jause. Ein Angebot, das die Eltern gerne in Anspruch nehmen: Die Hälfte aller Kinder kehrt erst am frühen Abend in ihre Familien zurück.

Doch wie geht es den Kleinen dabei? Leiden sie nicht unter der langen Trennung von ihrer Familie? Eine Umfrage unter den Knirpsen zeigt ein anderes Bild: "Im Spätdienst ist es viel lustiger als daheim", meint die siebenjährige Katharina - wie viele ihrer Kollegen ein Einzelkind. "In der Schule kann ich spielen. Zu Hause sehe ich nur fern." Auch die Lehrerinnen und Lehrer empfinden die Schule nicht nur als Lern-, sondern eher als Lebensraum: "Wir sind mehr als eine Schule", verrät Elisabeth Kovacs, die seit 1974 in Wiener Ganztagsschulen tätig ist. "Wir sind eine vergrößerte Familie."

Zwangstagsschule?

Für Johannes Fenz, Präsident des katholischen Familienverbandes Österreichs, eine wenig erfreuliche Entwicklung: "Die Schüler sitzen schon lange genug in der Schule", ist er überzeugt. "Es gibt Aufgaben von Eltern, die keine Schule vermitteln kann." Entsprechend kritisch zeigt sich Fenz - wie Bildungsministerin Elisabeth Gehrer - gegenüber einer Ganztagsschule als "Zwangstagsschule". Lieber sollte das Angebot an freiwilligen, ganztägigen Schulformen vergrößert werden. Zusätzlich zu den bestehenden 45.000 Ganztagsbetreuungsplätzen will das Ministerium 10.000 neue schaffen.

Andreas Schnider hat indes Größeres vor: Ab September sollen in der Steiermark an 20 bis 30 Schulen verschiedenste Modelle ganztägiger Schulformen entstehen. "Kein Zweifel, dass hier noch vieles Vision ist, aber wenn man Schule neu denken möchte, muss man es sich erlauben, Visionen haben."

EINE SCHULE DES MITEINANDER

Gesamt- und Tagesschule zwischen Ideologie und Wirklichkeit. Von Anton A. Bucher und Andreas Schnider. Verlag öbv&hpt, Wien 2004. 112 S., e 12,80.

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