Digital In Arbeit

Arbeitslos und glücklich

Statt des "Rechts auf Arbeit" fordert er eine "Pflicht zur Muße": Bernd Guggenberger*, Politikwissenschafter und Sozialphilosoph, über den wegrationalisierten Menschen, das Konzept der Grundsicherung und die Lust am Leben jenseits der Arbeit.

Die Furche: Sie sprechen von einer "Pflicht zur Muße" statt eines "Rechts auf Arbeit". Ist das nicht zynisch in Zeiten, wo tausende Mitarbeiter von Opel um ihre Arbeitsplätze fürchten?

Bernd Guggenberger: Überhaupt nicht. Es wird ja gerade vor diesem Hintergrund noch viel plausibler, dass wir überhaupt keine andere Wahl haben. Die Pflicht zur Muße wird uns ja von außen auferlegt - nicht nur, weil wir es wollen oder weil wir es uns leisten können, sondern weil die Strukturen so sind, dass sie immer mehr Menschen - leider Gottes unfreiwillig - von der Arbeit "freisetzen" und sie zum Nichtstun verurteilen. Wir müssten also rechtzeitig darüber nachdenken: Wie geht es weiter? Wie entwickelt sich die Arbeit in den hochindustrialisierten Gesellschaften? Wie wollen wir die Balance zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Erwerbsarbeit und Eigenarbeit gestalten? Derzeit gestalten wir nicht, sondern wir kommen unfreiwillig in diese bedauerliche Situation.

Die Furche: Das Diktum von Hannah Arendt, "der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus", bekommt angesichts dieser Entwicklung wieder neue Brisanz...

Guggenberger: Man muss hier langfristige und kurzfristige Tendenzen unterscheiden. Außerdem bewegen wir uns ja nicht mehr im überschaubaren Rahmen nationalen Wirtschaftens, sondern immer bricht auch die Globalität mit ein. Diese zwei Phänomene verzerren die eigentlich klare Situation. Langfristig aber sieht es so aus - und da hat die These von Hannah Arendt noch an Evidenz gewonnen -, dass menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird. Der Produktivitätszuwachs, also die Zunahme der Fruchtbarkeit von Arbeitsstunden, drängt die menschliche Arbeitskraft an den Rand.

Die Furche: Die Rolle der modernen Technologien in dieser Entwicklung ist umstritten: Die einen meinen, sie würden Arbeitsplätze vernichten, die anderen, sie würden neue schaffen. Was glauben Sie?

Guggenberger: Es gibt überall dort, wo über neue Technologien gesprochen wird, eine bezeichnende Unaufrichtigkeit - als seien sie die große Zukunftschance für neue Arbeit. Der Sinn neuer Technologien aber - genauso wie jener der alten, die einmal die neuen von gestern waren - ist natürlich, menschliche Arbeit einzusparen. Von daher ist es alles andere als richtig, zu glauben, dass wir nur mehr Computer oder mehr Elektronik bräuchten, und dann wären die Probleme am Arbeitsmarkt gelöst.

Die Furche: Stehen wir wieder vor einem Maschinen- bzw. Computersturm der Wegrationalisierten?

Guggenberger: Damit es nicht zu diesen ebenso verständlichen wie sinnlosen Reaktionen kommt - die waren ja schon zu Zeiten der Maschinenstürmer im 18. und 19. Jahrhundert unsinnig -, sind intelligente Lösungen nötig. Hier nenne ich auch die - im Moment zur Skandalformel gewordene - Umverteilung: Wir haben bisher den Fortschritt leider fast nur in der Form von Erwerbsgeld geerntet, also von Lohnsteigerungen. In den achtziger Jahren kam dann schüchtern die Zeit dazu: Wir haben durch eingesparte Zeit, durch mehr Freizeit den Anteil am Produktivitätsfortschritt geerntet. Etwas Drittes haben wir aber ganz vergessen: Dass nämlich auch die breite Masse Anteil am Produktivvermögen haben könnte, dass wir also in unseren Fabriken statt Barlohn auch Sparlohn bezahlen können. (Beim Konzept des Sparlohns bzw. Investivlohns wird den Mitarbeitern nicht das gesamte Gehalt ausbezahlt, sondern sie erhalten Anteile am Unternehmen, Anm. d. Red.) Dann wäre es auch nicht so dramatisch, wenn jemand arbeitslos wird, weil Roboter seine Arbeit machen: Denn er würde durch die Anteile, die er hält, auch einen Anteil am Produktivitätsfortschritt bekommen.

Die Furche: Unter den gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist das wohl schwer umzusetzen...

Guggenberger: In den fünfziger Jahren waren das die großen Themen der christlichsozialen Parteien. Heute ist das völlig vergessen. Da denkt niemand mehr über Anteile am Produktivvermögen nach - für mich das ganz große Versäumnis der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Hier hat sie wirklich versagt.

Die Furche: Heute sind die Gewerkschaften eher damit beschäftigt, gegen die Auswirkungen der Globalisierung anzukämpfen - um auf Opel zurückzukommen...

Guggenberger: Das sind Übergangsphänomene, bis wir zu einem annähernden Gleichgewicht kommen. Das kann natürlich noch Jahrzehnte so weitergehen, aber irgendwann wird die Welt ein Binnenmarkt sein. Bis dahin gibt es diese Ungleichzeitigkeiten: Man muss manchmal weniger arbeiten - und manchmal mehr, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Die langfristige Tendenz scheint mir aber klar zu sein: Dass der Mensch sein Verhältnis zur Arbeit neu bedenken kann und muss, weil wir als arbeitende Wesen auf diesem Planeten nach und nach ersetzt werden. Momentan sind wir hier total auf das Schicksal der Arbeitslosen fixiert - und das ist auch gut so. Schlecht wird es dort, wo wir uns die Chancen, die dieser Prozess auch beinhaltet, gar nicht mehr vor Augen halten. Die Frage ist: Muss das unbedingt Fluch sein? Kann das nicht auch Segen sein?

Die Furche: Was könnte segensreich sein an Arbeitslosigkeit?

Guggenberger: Unsere Vorfahren vor tausenden Jahren hätten überhaupt nicht verstanden, warum wir jammern, wenn wir weniger arbeiten müssen bei einem hohen Güterversorgungsniveau. Wir haben alle möglichen Segnungen des Lebens: Im Grunde braucht in einem Sozialstaat niemand akut zu hungern - wobei ich natürlich nicht beschönigen möchte, dass das Los der Arbeitslosen kein beruhigendes oder befriedigendes ist. Aber im Grunde könnte Segen sein, was alle gegenwärtig Fluch nennen: Dass wir weniger arbeiten müssen, um das Lebensnotwendige zu haben, dass wir freigestellt werden für Dinge jenseits der Arbeit: für Literatur, Kunst, Spielen, Tanzen, Erotik, Religion, Kult - all das, was die Alten schon immer gemacht haben. Es ist auch mehr kommuniziert worden zu Neandertalers Zeiten als heute.

Die Furche: Als Fluch wird Arbeitslosigkeit aber empfunden, sobald sie zur existenziellen Bedrohung wird.

Guggenberger: Natürlich. Die aktuelle Situation, die für viele psychologisch katastrophal ist, bietet zahllose Anschauungsbeispiele, wie Langzeitarbeitslosigkeit die Familien sprengt, die Menschen in den Alkoholismus und Depressionen treibt und Menschenschicksale erodieren und zerbröseln lässt. Man bemerkt, wie Menschen, die bis dahin Korsettstangen eines rationalen, regelmäßigen, disziplinierten Alltagsverhaltens hatten, plötzlich in Zustände depersonalisierter, desozialisierter Form zurückfallen, die man bei diesen Menschen für undenkbar gehalten hätte. Doch trotz dieser fürchterlichen Situation am Arbeitsmarkt, trotz dieser Schicksale sollten wir nüchtern darüber nachdenken, welche Chancen und welche Risiken diese Situation bietet. Das Nutzen dieser Sphäre jenseits der Arbeit, das Nutzen der schönen und angenehmen Seiten des Lebens also, hat allerdings Voraussetzungen. Letztendlich ist das ein Bildungsproblem: ob ich ergiebig etwas mit Literatur anfangen kann, ob ich die gewonnene Zeit nutzen kann, um in unsere herrlichen Museen zu gehen. Dazu muss man sehen können, hören können, sich ergiebig mit Lesen beschäftigen können. Wenn man das gelernt hat, dann ist Arbeitslosigkeit nicht nur das schwarze, alles vernichtende Loch, sondern sogar ein Stück weit Verheißung.

Die Furche: Derzeit ist es eher umgekehrt: Die Arbeit scheint die sinnstiftende Lücke zu füllen, die das Verschwinden des Christentums hinterlassen hat...

Guggenberger: Sie ist tatsächlich die letzte Stütze, der letzte Lebenssinn für jene, die nichts anderes haben, die sich auch durch ihre Interessen oder durch Nachdenken keine andere Welt erschließen können. Insofern ist die Arbeit so etwas wie die "Stechuhr" für das gesamte Volk. Sie ist eine Ordnungsmacht, die uns davor bewahrt, dass wir noch mehr Polizei einstellen müssen, und sie hält die Menschen zur Regelmäßigkeit an. Aber ob das der Pfad ist zu einem geglückten Leben? Ich glaube, da muss anderes dazu kommen, da müssten wir in der Arbeit erfahren können, dass das, was wir tun, sinnvoll ist, dass wir bei dem, was wir tun, unersetzbar sind. Daraus allein kann ein Lebenssinn erwachsen. Dort, wo Arbeit nur Zweck des Gelderwerbs ist, mit dem wir uns dann die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens kaufen können, dort ist dieser Glückspfad verschlossen. Wo Arbeit ist, muss also Tätigkeit werden, sinnerfülltes Tun. Das wäre die Formel, an der wir uns orientieren müssten: Für möglichst viele Menschen muss Arbeit zur Tätigkeit werden.

Die Furche: Damit Ihr Modell funktionieren kann, ist eine Grundsicherung oder ein garantiertes Mindesteinkommen notwendig. Kann so etwas unter den heutigen Rahmenbedingungen gelingen?

Guggenberger: Natürlich. Genau genommen ist das gar nichts Neues - weder für Österreich noch für Deutschland. Dieses arbeitsfreie Mindesteinkommen ist ja nichts anderes als eine Ergänzung und Erweiterung dessen, was der Sozialstaat ohnehin leistet, wenn er aus Pensionszahlungen, Arbeitslosengeld, Ausbildungsförderung und Sozialhilfe bestehende Systeme anbietet. Diese Systeme der Grundsicherung gibt es in Österreich, Deutschland und ganz Europa - und in rudimentärer Form sogar in Amerika.

Die Furche: Um zu einer tatsächlichen Grundsicherung zu kommen, müsste man diese staatlichen Zuwendungen aber weiter fassen ...

Guggenberger: Ja. Ich würde damit dem Einzelnen die Chance geben, selber über die Mittelverwendung zu befinden. Ich würde ihm mehr zutrauen. Im Grunde fehlt uns nur der Mut, diese Grundsicherung so zu nennen und so zu handhaben. Das hätte den Vorteil, dass jeder sagen kann: Mit der Grundsicherung allein komme ich nicht über die Runden. Deshalb überlege ich mir, als Tennislehrer, Sprachlehrer oder durch Nachbarschaftshilfe etwas dazuzuverdienen - all diese Tätigkeiten, die noch nicht Schwarzarbeit sind, aber ein gutes Gleit- und Schmiermittel, um über die Runden zu kommen. Das passiert übrigens längst - sonst würde angesichts von rund 4,5 Millionen Arbeitslosen in Deutschland längst alles zusammengebrochen sein.

Die Furche: Was unterscheidet dieses Gleitmittel, von dem Sie sprechen, von der Schwarzarbeit?

Guggenberger: Der Begriff Schwarzarbeit ist nur dann gerechtfertigt, wenn eine Tätigkeit jenen Angeboten, für die anderswo bezahlt wird, das Wasser abgräbt. Wenn aber etwas getan wird, was sonst auf Grund der fehlenden Kaufkraft ungetan liegen bliebe, dann handelt es sich nicht um Schwarzarbeit, sondern um zusätzliche Arbeit.

Die Furche: Das Problem liegt aber nun darin, diese Arbeiten - und die bezahlte Erwerbsarbeit - einigermaßen gerecht zu verteilen. Haben Sie eine Idee, wie eine solche Verteilung gelingen könnte?

Guggenberger: Hier muss man drei Ebenen auseinanderhalten: eine kurzfristige, eine mittelfristige und eine langfristige Ebene. Langfristig muss das Ziel die Herbeiführung einer Tätigkeitsgesellschaft sein, also einer Gesellschaft, in der möglichst viele diese Früchte der eigentlich möglichen, neu gewonnenen Freiheit durch Freistellung vom Naturzwang der Arbeit ernten können. Mittelfristiges Ziel muss es sein, neue, oft von der Gesellschaft gefährlich vernachlässigte Bedürfnisfelder zu erschließen. Es ist ja nicht so, dass es in einer Gesellschaft, in der die Erwerbsarbeit knapp wird, nichts zu tun gäbe. Im Gegenteil: Wenn man durch den deutschen Osten fährt, sieht man, wie viele allein mit Aufräumarbeiten zu beschäftigen wären. Überhaupt dürfen wir uns nicht vorstellen, als sei Arbeit eine endgültige Größe: Ich habe eineinhalb Jahre in Kalifornien gelebt, und bei jedem Einzelhändler stand beim Ausgang jemand, der die Sachen in Einkaufstaschen gefüllt und zum Auto getragen hat. Wenn wir in Deutschland eine Dienstleistungskultur dieser Art durchsetzen könnten, hätten wir schon ein Viertel der Arbeitslosen weniger - nur durch die neuen Packer und Träger. Arbeit kann man unendlich schaffen. Man muss nur Leute finden, die diese Arbeit auch mit Kaufkraft versehen. Oder ein anderes Beispiel: In den meisten Städten Österreichs und Deutschlands sind die alten Abwassersysteme dringend ersetzungsbedürftig. Doch die Kommunen können sich das nicht leisten. Hier ginge es um intelligente Lösungen, um die sich anbietende Arbeitskraft mit jenen Tätigkeiten zusammenzubringen, die vernachlässigt sind - wie einen Schlüssel zum Schloss.

Die Furche: Ist die Annahme, dass es für alle "übrig gebliebenen" Arbeiten eine Kaufkraft gäbe, nicht utopisch?

Guggenberger: Die Probleme liegen natürlich in der Umsetzung. Die Idee an sich ist klar: Die Gesellschaft gibt mir etwas und ich gebe der Gesellschaft etwas zurück - möglichst etwas, was sie auch brauchen kann. Diese Idee umzusetzen ist aber sehr schwer, weil die Menschen eben unterschiedlich sind. Wir müssen an jedem Ort, in jeder Situation und auch im Hinblick auf jede Person eine maßgeschneiderte Lösung finden. Und das kann nur im lokalen Bereich vor Ort geschehen. Deswegen braucht es dort phantasievolle und intelligente Umsetzer - doch die gibt es so gut wie nicht. Die Kommunen bräuchten einen "Arbeitsverteiler", einen "Beschäftigungsanimateur", jemanden, der sich überlegt: Was macht das soziale Leben in dieser Gemeinde angenehmer? Was bleibt ungetan? Wer könnte was besonders gut leisten?

Die Furche: Und welche kurzfristige Maßnahme ist für eine neue Arbeitsverteilung notwendig?

Guggenberger: Kurzfristiges Hauptziel muss es sein, alle Männer und alle Frauen, die arbeiten wollen und die psychologisch auf die Arbeit verwiesen sind, möglichst schnell in Arbeit zu bringen. Denn jeder, der sein soziales Pensum verlernt, wird der Gesellschaft zur großen Last. Man kann das auch finanztechnisch begründen, aber natürlich wäre die psychologische und soziale Begründung noch wichtiger: Denn diese Menschen werden sich selbst und ihrer unmittelbaren familialen Umgebung zur Last. Irgend etwas zu tun ist besser als nichts zu tun und herumzuhängen. Dazu gehört aber umgekehrt, dass man jenen, die psychologisch nicht mehr so sehr auf Arbeit verwiesen sind, die also weniger oder anders arbeiten wollen und andere Kombinationen zwischen Arbeit und Leben für sich finden wollen, den Ausstieg und Umstieg mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ermöglicht: mit Flexibilisieren, Teilzeitarbeit und eben garantiertem Mindesteinkommen.

Die Furche: Mit der Freizeit tut sich die Arbeitsgesellschaft noch denkbar schwer. Vielfach verbringen wir sie damit, uns - nach Neil Postmann - mit Hilfe der Medien zu Tode zu amüseren. Wie kann man eine sinnvolle Gestaltung der Frei-Zeit lernen?

Guggenberger: Das ist eine schwierige Frage: Wir brauchen beides - Genussfähigkeit und Konsumdistanz. Wir müssen nein und ja sagen können zu Angeboten, die die Gesellschaft macht. Eine Gesellschaft, die sich aus den Klauen der alten Arbeitsgesellschaft löst - und in diesem Prozess sind wir mitten drinnen, auch wenn viele noch immer glauben, es gäbe einen Weg zurück zur alten Welt der Vollbeschäftigung - eine solche Gesellschaft des Übergangs kann sich nur dann vom Bann der Arbeit lösen, wenn sie kapiert, dass Freizeit nicht nur dann sinnvoll zugebracht ist, wenn sie viel Geld kostet: Wenn es Fernreisen gibt, ein Alurennrad, ein Zweitauto und einen Drittfernseher. Freizeit, die viel kostet, ist immer mit viel vorausgegangener Arbeit erkauft. Damit löst sie sich nicht aus den Fesseln der Arbeit. Uns ginge es viel besser, wenn wir uns aus dieser Mühle sich endlos wiederholender, uns letztlich nicht glücklich machender Konsumzwänge frei machen könnten. Wir verdienen ja heute fast drei Mal so viel wie in den sechziger Jahren, und damals haben die Menschen auch schon ganz gut gelebt.

Die Furche: Was läuft da schief?

Guggenberger: Unsere Bedürfnisse explodieren. Wir organisieren unser Sozialleben völlig irrsinnig: In meiner eigenen Familie etwa wird die 85-jährige Mutter gerade zum Pflegefall. Der Pflegeplatz wird 3.600 Euro kosten, und das ist kein luxuriöser Platz! Da hat ein Enkel gemeint: "So viel kann ich gar nicht verdienen, als wenn ich meine Oma pflege. Ihr Onkel und Tanten: legt zusammen. Für 3.000 Euro mache ich das - und sicher besser als ein anonymer Pfleger." Wir sollten über solche Modelle nachdenken, nämlich Dinge, die wir als monetarisierte Dienstleistung abgegeben haben, wieder zurückzuholen: die Gartenpflege, die Pflege der Angehörigen, die Hausaufgabenhilfe, das Babysitting, die Dachreparatur. Wer das selber macht, der hat am Ende nicht nur mehr vom Leben, sondern auch mehr in der Kassa.

Die Furche: Ein Arbeitsfeld, das besonders schwer zu verteilen ist, ist die (unbezahlte) Familienarbeit. Am Ende bleibt sie meist an den Frauen hängen. Haben Sie eine Idee, wie dieses Problem zu "knacken" wäre?

Guggenberger: Ein Stück weit wird es einfach durch die Not "geknackt": Männer sind nun einmal, wenn sie arbeitslos sind und beide berufstätig sind, in stärkerem Maße auch auf Hausarbeit verwiesen. Die Frage ist aber, ob wir erst dann glücklich sein wollen, wenn alle zu einem exakten 50-Prozent-Anteil das Gleiche tun. Ich selbst habe überhaupt nichts dagegen: Ich bin alleinerziehender Vater von zwei mittlerweile großen Kindern. Für mich war das - mit meiner Universitätstätigkeit zu vereinbarender - Alltag. Männer machen - jenseits des Haushalts - eben vielfach andere Dinge. Wenn das Auto oder das Dach repariert werden muss, dann ist der Mann mehr gefragt. Beim Kochen ist es mehr die Frau...

Die Furche: Wobei diese Zuschreibungen ins Wanken geraten...

Guggenberger: Natürlich. Aber diese Form der Arbeitsteilung ist uralt: Der Mann als Jäger ist herumgestreift, und die Frau hat das Herdfeuer gehütet. Ein bisschen ist hier diese - auch physiologisch und biologisch begründete - Rollenteilung mit im Spiel. Aber sicherlich kommt sie zunehmend ins Wanken. Zum Ärgernis wird es dort, wo die Frauen doppelt belastet sind, wo sie die Berufslast zu tragen haben und dazu noch mit Haushalts- und Kinderpflichten belastet werden. Der Rückgang der Geburtenziffern zeigt ja, dass hier etwas geschehen muss. Wir werden so lange nicht mehr Kinder bekommen, so lange die Männer nicht bereit sind, ihren Anteil an der Reproduktion und am Aufziehen der nächsten Generation zu übernehmen.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

* Bernd Guggenberger ist Professor für Politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin und Rektor der Lessing Hochschule in Berlin und Meran. Publikationen: "Wenn uns die Arbeit ausgeht" (Hanser Verlag 1988), "Das digitale Nirwana" (Rowohlt 1999).

FURCHE-Navigator Vorschau