Auf der Flucht vor Orbáns neuem Ungarn

Immer mehr Ungarn verlassen ihr Land um der seit Jahren dauernden der Wirtschaftskrise und der Politik ihres Premierministers zu entkommen. Bevorzugte Destination: Deutschland.

Hätte Gabriella V. gewusst, was es bedeutet, in einem Berliner Bürgeramt einen Kita-Platz für ihre Tochter zu beantragen - sie hätte sich das mit dem Auswandern wohl noch einmal überlegt. Und wäre dann wohl trotzdem gekommen: "Ich habe die Atmosphäre in Ungarn nicht mehr ertragen“, sagt die 36-jährige Kulturjournalistin aus Budapest und fügt hinzu: "Ich war froh, wenn ich am Monatsende vierhundert Euro verdient hatte.“ Vor zwei Wochen hat sie ihre Koffer gepackt und ist mit Kind, Lebensgefährten und Mutter nach Berlin ausgewandert.

Die Akademikerin ist nicht die einzige, die es in ihrer Heimat nicht mehr aushält. Immer mehr Ungarn verlassen das Land. Sie fliehen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch vor der politischen und moralischen Krise seit dem Antritt des rechtskonservativen Regierungschefs Viktor Orbán.

Allein nach Deutschland zogen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2011 bis Mitte 2012 rund 65.000 Ungarn, mehr als in allen Vergleichszeiträumen seit der Wende. Damit sind die Ungarn neben den Griechen, Spaniern und Portugiesen die zurzeit am stärksten wachsende Einwanderungsgruppe aus EU-Ländern in Deutschland.

Berichte von katastrophaler Stimmung

Auch Eva F. ist froh, dem negativen Klima in Ungarn entkommen zu sein: "Die Stimmung im Alltag ist katastrophal. Es gibt Neid, die Menschen sind depressiv und mit dem täglichen Existenzkampf beschäftigt. Ich habe das nicht mehr ausgehalten.“ Die 36-jährige Ungarin bekommt täglich Mails von Freunden und Bekannten, die sie um Hilfe bitten, weil sie auch weg wollen. Eva war in ihrer ostungarischen Heimat Buchhalterin in einem Hotel. Seit einem halben Jahr arbeitet sie nun in einer baden-würt-tembergischen Kleinstadt als Zimmermädchen. Abends putzt sie in einem Kaufhaus. "Ich muss von unten anfangen“, sagt Eva, "aber das ist okay“.

Vor allem jüngere, gut ausgebildete Fachkräfte und Akademiker kehren ihrem Land den Rücken. Der ungarische Ex-Wirtschaftsminister und neue Notenbankchef György Matolcsy sprach kürzlich von 500.000 Menschen, die Ungarn innerhalb der vergangenen fünf Jahre verlassen hätten. Für den 10-Millionen-Einwohner-Staat käme dass einem Exodus gleich.

Die Migrationsexpertin Agnes Hars vom Budapester Wirtschaftsforschungsinstitut Kopint-Tarki hält diese Zahl zwar für übertrieben, schätzt die Lage aber als bedenklich ein. "Plötzlich hat eine sehr starke Migration aus Ungarn begonnen“, sagt Hars und erklärt, dass die Bereitschaft der Ungarn das Land zu verlassen, bereits nach den Sparmaßnahmen der Vorgängerregierung anstieg. "Doch nach den ersten politischen und wirtschaftlichen Reformen der Fidesz-Regierung entfaltete sich dieses Potential dann sehr schnell.“

Premierminister Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei haben das Land nach dem Amtsantritt 2010 schlagartig umgekrempelt. Mit einer aggressiven Politik gegen ausländische Konzerne verschreckte Orbán internationale Investoren.

Während der ungarische Forint abstürzte, stiegen die Preise an Supermarktkassen und Zapfsäulen. Seine unsoziale Steuerpolitik katapultierte viele Ungarn aus der Mittelschicht in die Armut. "Die aktuelle Einkommensentwicklung zeigt, dass sehr große Bevölkerungsteile existenziell von der Wirtschaftspolitik getroffen wurden“, sagt Hars.

Orbán beschnitt die Rechte der Verfassungsrichter und höhlte mit einem repressiven Mediengesetz die Pressefreiheit aus. Mit der neuen ungarischen Verfassung machte er klar: Akzeptiert wird, wer national ist. "Viele Theaterdirektoren trauen sich nicht mehr, kritische Stücke aufzuführen, im staatlichen Fernsehen werden Demonstrationen der Opposition verfälscht dargestellt“, berichtet die Journalistin Gabriella V.

Auch die Umtriebe der rechtsextremen Jobbik-Partei, die im Parlament Judenlisten fordert und öffentlich gegen Roma hetzt, empören sie: "Dass Rassenhass und Neonazismus in der ungarischen Gesellschaft ungebremst grassieren dürfen, ist für mich inakzeptabel. Ich will nicht, dass mein Kind sich so etwas anhören muss.“

Die Regierung will nun mit einem neuen Gesetz die Abwanderung künftiger Akademiker verhindern. Es verpflichtet Studenten, nach ihrem Studium das Doppelte ihrer Ausbildungszeit in Ungarn zu arbeiten. Wer nicht bleiben will, muss Ausbildungsgebühren und Bafög zurückerstatten oder von vornherein auf staatliche Förderung verzichten. Gymnasiasten und Studenten laufen seit Monaten Sturm gegen die Pläne.

Die Wissenschaftlerin Hars verwundert das nicht: "Die sogenannte Schollenbindung erinnert mich an die DDR unter Ulbricht. Die jungen Leute, die heute demonstrieren, kennen diese Unfreiheit nicht. Sie verstehen nicht, dass man sie einsperrt.“ Die Ungarn gelten eigentlich als heimatverbunden. Kaum ein Auswanderer lässt Land, Familie und Freunde freiwillig zurück.

Auch die Neu-Berlinerin Gabriella V. nicht: "Ich bin sehr traurig. Ungarn ist meine Heimat. Ich wäre nicht gegangen, wenn man mich nicht dazu gezwungen hätte. Ich empfinde es nicht als meine eigene Entscheidung, sondern als Reaktion. Jemand anderes hat das für mich entschieden.“

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