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Aufklärung zwischen allen fronten

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Der deutsche Kulturkampf um schulische sexualpädagogik ist in Österreich angekommen. Über eine hitzige Debatte und die unaufregende Praxis.

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Der deutsche Kulturkampf um schulische sexualpädagogik ist in Österreich angekommen. Über eine hitzige Debatte und die unaufregende Praxis.

Eigentlich arbeitet Sabine Müller-Melchior lieber mit den Kindern allein: Schließlich geht es im Pubertäts-Workshop "Was ist los mit mir?" darum, so viele Hemmschwellen wie möglich abzubauen und ein Klima zu schaffen, in dem offen gesprochen werden kann. Aber an diesem Dienstag Vormittag muss sie Abstriche machen: Als sie vor den etwa 20 Viertklässlerinnen der Dr. Bruno Kreisky-Volksschule in Wien-Simmering eine riesige Stoff-Gebärmutter auf dem Boden ausbreitet, sind neben einer Journalistin auch die zwei Klassenlehrerinnen im Raum. Die Mädchen haben nichts dagegen. Hauptsache, die Buben sind nicht dabei.

"Wäääh", lautet die erste Reaktion, als Müller-Melchior einen Plüsch-Penis aus ihrem Koffer holt. Wenig später weicht das Gekicher wieder neugierigem Ernst: Wozu sind die Hoden da? Wie entsteht eine Schwangerschaft? Ist eine Regelblutung gefährlich? All diese und andere Fragen werden im dreistündigen Workshop, der von "Aktion Leben Österreich" für Zehnjährige angeboten wird, behandelt. Die Eltern wurden im Vorfeld informiert, Abmeldungen habe es keine gegeben. "Wir gehen immer von der Fruchtbarkeit aus und betonen den Beziehungsaspekt", beschreibt Müller-Melchior die Philosophie. Verhütungsmethoden, Homosexualität oder Pornografie würden in diesem Alter nicht offensiv angesprochen. "Aber wenn ein Mädchen etwas fragt, antworte ich natürlich altersgerecht."

Pornos als Informationsquelle

Dass die Reife von Kindern ebenso unterschiedlich ist wie die Liste ihrer Vorerfahrungen, weiß nicht nur sie, sondern auch ihr Kollege Eduard Bayer. Einige Räume weiter nimmt er mit den Burschen gerade das "Sexualitäts-ABC" durch. Für jeden Buchstaben soll dabei ein sexueller Begriff gefunden werden -eine beliebte Methode, um feststellen zu können, wo die Jugendlichen gerade stehen. "Besonders bei Burschen sind ja Pornos ein riesiges Thema, und zwar schon ab zehn Jahren", weiß der Sexualpädagoge, der nicht nur für die "Aktion Leben", sondern auch für die "Aidshilfe" und das Wiener "Institut für Sexualpädagogik" arbeitet. Laut einer repräsentativen Studie des Instituts beziehen mehr als 50 Prozent aller Burschen ihre sexuellen Informationen aus Pornos, bei Mädchen sind es zehn Prozent. Umso wichtiger sei es, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.

Unter anderem mit diesem Argument begründet auch Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ihren Vorstoß, die Sexualerziehung an den Schulen nach 25 Jahren von Grund auf zu reformieren und einen neuen, fächerübergreifenden Grundsatzerlass zu erarbeiten. Kritiker fürchten hingegen, dass die Auseinandersetzung mit diesen Themen zum gemeinsamen "Pornoschauen" im Unterricht führen könne (vgl. FURCHE Nr. 20)."Absurd" nennt Wolfgang Kostenwein, psychologischer Leiter des Instituts für Sexualpädagogik und Mitglied im Experten-Beirat des Ministeriums, diese Befürchtungen. Ebenso absurd sei, dass das Bildungsziel "Körperkompetenz" als Anleitung zur Masturbation verstanden werden könne. Auch die vermeintliche Verdrängung der Eltern aus der Sexualerziehung sei ein "großes Missverständnis". Wobei man künftig von schulischer "Sexualpädagogik" und nicht mehr von "Sexualerziehung" sprechen werde, bestätigt er eine jener "geringfügigen Adaptierungen", die Ministerin Heinisch-Hosek nun in Aussicht gestellt hatte. Schließlich wolle man "niemanden irgendwohin erziehen".

Genau diese Befürchtung hat freilich in Deutschland längst zu einem regelrechten Kulturkampf geführt. Seit Monaten protestieren Eltern unter dem Motto "Schützt unsere Kinder!" gegen jene Bildungs-und Aktionspläne zahlreicher Bundesländer, die sie als "Umerziehungsprogramm" weg vom Leitbild der Kernfamilie hin zu einer "Pädagogik der sexuellen Vielfalt" empfinden. Kinder würden zu früh "sexualisiert", Pornos verharmlost, heißt es. Wortmächtig befeuert werden sie von der Publizistin Birgit Kelle, die in ihrem jüngsten Buch "GenderGaga" u. a. gegen den neuen "Gesinnungsunterricht" an den Schulen polemisiert.

Mit dem umstrittenen Erlass ist die Erregungswelle endgültig nach Österreich geschwappt. Bereits im November des Vorjahres wurde unter der Federführung der emeritierten deutschen Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die heute an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz lehrt, das dazu passende "Memorandum" präsentiert: 20 Expertinnen und Experten forderten darin eine "ganzheitliche Sexualpädagogik", die jungen Menschen helfen solle, "die Gesetzmäßigkeiten von Liebe und Sexualität zu erkennen (Polarität der Geschlechter, Unbedingtheit der Liebe, treue und dauerhafte Beziehung als Schutzraum für gegenseitige Hingabe, Wunsch nach Kindern)". Auch die "körperlichen und seelischen Risiken verfrühter sexueller Aktivität und promisken Verhaltens" müssten thematisiert werden.

Ein Blick auf die Unterzeichnerliste zeigt freilich überraschende Koalitionen: Der konservative Psychotherapeut Christian Spaemann, der unlängst in einem Presse-Kommentar vor dem "hedonistischen Verständnis" des neuen Erlasses und der zugrunde liegenden WHO-"Standards für Sexualaufklärung" warnte, findet sich plötzlich Seite an Seite mit der Wiener Psychotherapeutin Gerti Senger und dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, Jakob Pastötter. Der Sexualwissenschafter unterstützt auch jenen neuen Studiengang "Entwicklungssensible Sexualpädagogik", der ab Herbst in Heiligenkreuz angeboten wird: einerseits aus Protest gegen die aktuelle "Melange aus fragwürdiger Kinderzwangsbeglückungsideologie, Vulgärfreudianismus, trüben Gender-Studies-Visionen und handfesten Lobby-Interessen", wie er der FURCHE erklärt; andererseits wegen seines Faibles für Pluralismus in der Sexualpädagogik. Allerdings müsse in Heiligenkreuz "methodisch und wissenschaftlich sauber" gearbeitet werden, so Pastötter.

Sein Innsbrucker Kollege Josef Christian Aigner, der den Gender-Studies ebenfalls kritisch gegenüber steht, hat an der Wissenschaftlichkeit des Lehrgangs allerdings heftige Zweifel: Dahinter würden sich "konfessionell-ideologische Festlegungen" verbergen, die junge Menschen zu eng in eine normative Ordnung führen wollen, die bei Nichtentsprechung die altbekannten Versagens- und Schuldgefühle hervorrufen." Auch die Religionsgemeinschaften kämen "nicht umhin, gewisse Tatsachen der Anthropologie der Sexualität anzuerkennen", so Aigner. "Dass sie das nicht tun -wie fundamentalistische Kreise der Katholischen Kirche -, ist eigentlich ein schwerer Verstoß gegen die menschliche Würde, der mit normativen Regeln, die sich als Werte verkleiden, Gewalt angetan wird."

Menschenfreundliche Sexualpädagogik

Worin zeigt sich also tatsächlich "wertvolle Sexualerziehung"? Nach Ansicht der Wiener Pastoraltheologin und Genderforscherin Andrea Lehner-Hartmann vor allem darin, "ob sie menschenfreundlich oder menschenfeindlich" ist -und ob sie den Beziehungsaspekt betont oder sich auf die bloße sexuelle Orientierung fixiert.

So gesehen beschreitet Sabine Müller-Melchior in der Bruno-Kreisky-Volksschule einen guten Weg. Wobei das Thema Beziehung bei den Zehnjährigen noch eher am Rande behandelt wird und erst beim Workshop "Let's talk about love" für die Zwölfjährigen im Zentrum steht. Eine Meinung zum geplanten Grundsatzerlass hat sich Müller-Melchior bislang noch nicht gebildet. "Ich halte aber nichts davon, dass sich ideologische Lager gegenseitig beschuldigen und das auf dem Rücken der Kinder austragen", sagt sie und packt ihre Stoffgebärmutter ein. Viele seien "übersexualisiert und uninformiert": Das reiche als Herausforderung.

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