Holz-Struktur - © Pixabay auf Pexels

Barbara Passrugger: Die schreibende Bergbäuerin

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bergbäuerin Barbara Passrugger hat sich was getraut in ihrem Leben. Sie hat sich ihre "späte Freiheit" im Schreiben und Erzählen geholt. Heute macht die 90jährige anderen Menschen Mut zum eigenen Leben und zum Anderssein.

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Die Bergbäuerin Barbara Passrugger hat sich was getraut in ihrem Leben. Sie hat sich ihre "späte Freiheit" im Schreiben und Erzählen geholt. Heute macht die 90jährige anderen Menschen Mut zum eigenen Leben und zum Anderssein.

Radiohören war für die Bergbäuerin Barbara Passrugger schon immer etwas Besonderes. 1985 hörte die damals 75-jährige auf ihrem Hof, dem Haidegg-Gut in Filzmoos (Salzburg/Pongau), das Familienmagazin des ORF: Ein Professor aus Wien rief dort ältere Hörerinnen und Hörer auf, wichtige Episoden aus ihrem Leben aufzuschreiben und an ihn zu schicken, beispielsweise über ihre Schulzeit zu berichten.

Barbara Passrugger hat sich nach einigem Zögern hingesetzt und geschrieben. Seither ist sie eine gefragte Erzählerin und Autorin: sie hat sich eine nie gekannte, wohl aber stark ersehnte Freiheit "erschrieben".

Radiohören war für die Bergbäuerin Barbara Passrugger schon immer etwas Besonderes. 1985 hörte die damals 75-jährige auf ihrem Hof, dem Haidegg-Gut in Filzmoos (Salzburg/Pongau), das Familienmagazin des ORF: Ein Professor aus Wien rief dort ältere Hörerinnen und Hörer auf, wichtige Episoden aus ihrem Leben aufzuschreiben und an ihn zu schicken, beispielsweise über ihre Schulzeit zu berichten.

Barbara Passrugger hat sich nach einigem Zögern hingesetzt und geschrieben. Seither ist sie eine gefragte Erzählerin und Autorin: sie hat sich eine nie gekannte, wohl aber stark ersehnte Freiheit "erschrieben".

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"Ich bin Barbara Passrugger, geborene Hofer. Meine Eltern waren Johann und Anna Hofer. Bauersleute vom Rettenegg-Gut in Filzmoos. Ich war deren achtes Kind. Da wurde mir schon ein hartes Schicksal in die Wiege gelegt ... Ich war erst neun Tage alt, als die Mutter gestorben ist."

Mit dieser knappen Zusammenfassung tragischer Lebensbedingungen beginnt Barbara Passrugger ihren Lebenslauf, den sie Professor Michael Mitterauer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien schickt. 1989 beginnt mit eben diesem Wortlaut das erste Kapitel "Kindheit" der ersten Buchveröffentlichung der Bergbäuerin mit dem treffenden Titel "Hartes Brot. Aus dem Leben einer Bergbäuerin." Dieser Band erscheint in der von Mitterauer herausgegebenen Reihe "Damit es nicht verloren geht ..." und wird zu einem Verkaufserfolg.

Heuer im Mai ist Barbara Passrugger 90 Jahre alt geworden; ihre Freude am Schreiben und Klettern ist ungebrochen: "Jetzt mach' ich ein bisschen weniger. Weniger Lesungen und auch keine 3.000er mehr. Aber ich freu mich schon, wenn ich wo eingeladen bin und von früher erzählen kann. Wenn ich es einrichten kann, fahr ich hin. Durch die Lesungen bin ich viel herumgekommen und habe viele Leute kennen gelernt. Das Vorlesen habe ich immer gerne gemacht und die Leute, auch die Kinder und jungen Leute haben viele Fragen gestellt, ja, was die alles wissen wollten!" Wer die Filzmooserin zu einer Lesung einladen will, ist erstaunt über die unkomplizierte Organisation; die Termine sind mit Barbara Passrugger selbst auszumachen und in diesen Verhandlungen zeigen sich Klarheit, Selbstbewusstsein und Lebenserfahrung der 90jährigen.

Sie hat sozusagen "im Kopf formuliert" und wartete nur auf den äußeren Anstoß, ihre Gedanken, Erinnerungen und Meinungen auszusprechen und aufzuschreiben.

In Barbara Passruggers Leben wurde das Lesen lange Zeit als unnötiger Luxus abgetan und selbst am Sonntag als Zeitverschwendung betrachtet. Übung im Schreiben hatte die Bergbäuerin keine. Wohl aber hatte sich diese gescheite Frau stets ihre Gedanken gemacht, während sie ihre Arbeit am Bergbauernhof verrichtete oder in der knappen Freizeit kletterte. Beim Bergsteigen und im Leben hat sie sich ihre Routen gesucht und ihre Ziele fest im Auge behalten.

Sie hat viel über ihre Lebensumstände nachgedacht, über ihren Vater, die Geschwister, ihre verstorbene Mutter und das Leben in Filzmoos, die damalige Moral und deren mehrdeutige Auslegung. Ihr war nie egal, warum etwas so und nicht anders war. Warum zum Beispiel die Filzmooserinnen nur ihr die Liebesbeziehung mit dem verheirateten Dorfschmied ankreideten, sie zur Verführerin und den Schmied zum armen Opfer machten. Sie hat sozusagen "im Kopf formuliert" und wartete nur auf den äußeren Anstoß, ihre Gedanken, Erinnerungen und Meinungen auszusprechen und aufzuschreiben. "Außer den Schreiben an die Landesregierung wegen unserer Baulichkeiten hatte ich seit Jahren nichts geschrieben. Aber sonst?

Wie war das damals?

"Es gab nur Arbeit und nichts als Arbeit. Schreiben wurde nicht zur Arbeit gerechnet. Auch Lesen durfte ich, wenn überhaupt, nur zu später Nachtzeit. Lesen war meine Leidenschaft, aber ich kam selten dazu." - So beschreibt Barbara Passrugger ihre Schreiberfahrungen in dem Band "Mein neues Leben". Der Bergbäuerin ist es gelungen, anfängliche Bedenken zu überwinden, sich auf die Bank in der Küche zu setzen und mit ihrer gestochen scharfen Schrift die Erinnerungen niederzuschreiben. Dabei tauchten natürlich immer wieder starke Selbstzweifel auf: Ist das Geschriebene auch gut genug? Verrate ich nicht zuviel von damals? Beleidige ich vielleicht einige Filzmooser und Filzmooserinnen damit? Soll ich das wirklich abschicken? Barbara Passrugger hat ihre Aufzeichnungen abgeschickt und sich dann gefreut, dass ihr Manuskript beinahe unverändert übernommen wurde.

In öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen stehen unter der Systematik "Autobiografie" die Lebensbeschreibungen berühmter Politikerinnen und Politiker, Künstlerinnen und Künstler. Nach dem Erscheinen der Alltagsgeschichten, zum Beispiel der Reihe "Damit es nicht verloren geht" des Böhlau-Verlages, stehen hier auch Lebenserinnerungen wie die von Barbara Passrugger. Kommentierte Lebenserinnerungen sogenannter "einfacher Leute" haben ihre Bedeutung bekommen; Dokumentarfilmerinnen und -filmer befassen sich mit Lebenslinien, in denen "keine Zeit für Zärtlichkeit" war. Knechte, Mägde, Landhebammen - sie sind auf einmal gefragte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen einer vergangenen Epoche.

Barbara Passrugger hat beim Klettern ihren Mut bewiesen, viele Routen ist sie als erste Frau gegangen, gefürchtet hat sie sich dabei höchstens vor den Schimpftiraden ihres Vaters.

Zeitgeschichte wird hier abseits der Geschichtsbücher geschrieben, Kulturgeschichte in Lebenszusammenhängen angesiedelt. Hier wird auch deutlich, dass es die gute, alte Zeit für diese Menschen nicht gab. Wer die Welt der klassischen Heimat- und Bauernromane in diesen Schilderungen sucht, findet außer der Freude an der Natur keine weiteren Bezüge. Die Art, in der Barbara Passrugger erzählt, motivierte viele ältere Menschen, selbst zu erzählen zu beginnen: Erinnerungen sind zu etwas Wichtigem und Kostbaren geworden. In Volkshochschulen, Bibliotheken und anderen Bildungseinrichtungen entstanden Erzählkreise, Schreibwerkstätten mit älteren Menschen sind deren aktuelle Fortsetzung.

So ehrlich wie Barbara Passrugger im ersten Band "Hartes Brot" über ihre Liebe zum Dorfschmied berichtet, so direkt teilt sie in ihrem zweiten Buch "Steiler Hang" mit, weshalb sie Johann Passrugger aus Kleinarl geheiratet hat. "Es war wirklich wichtig, dass ein Mann auf den Hof kam." Ihre Schilderungen der Zustände auf dem abgewirtschafteten Bergbauernhof faszinieren auch jüngere Zuhörerinnen und Zuhörer.

Brav war sie nicht ...

Da sitzt eine zierliche, alte Frau vor ihnen, liest ohne Brille mit sicherer Stimme vor und erzählt einfach aus ihrem Leben. Brav war die auch nicht immer! Und was die sich alles getraut hat! Manches übersteigt wahrscheinlich die Vorstellungskraft der Kinder und Jugendlichen: "Es kam auch nicht selten vor, dass in den verfaulten Holzrohrleitungen Frösche, Mäuse und Maulwürfe steckenblieben ..."

Barbara Passrugger hat beim Klettern ihren Mut bewiesen, viele Routen ist sie als erste Frau gegangen, gefürchtet hat sie sich dabei höchstens vor den Schimpftiraden ihres Vaters. Der Vater, die Brüder, der Ehemann und die Söhne: die Erzählerin hat sich oft anpassen müssen, hat oft nicht gewagt, ihre Wünsche zu äußern.

Der Lebensplan schien klar abgesteckt, nach der Hochzeit kamen die Kinder, dann wurde der Hof bewirtschaftet. 1981 stirbt ein Sohn an Lymphdrüsenkrebs, 1983 trennt sich das Ehepaar Passrugger: "Alles ging ganz ruhig und still vonstatten. Das war für mich eine Erlösung. Vorher hätte ich mich das nie zu denken getraut. Nun hatte ich meine schon lang ersehnte Freiheit" (aus: Steiler Hang).

Barbara Passrugger ist immer ihren eigenen Weg gegangen, in den Bergen und im Leben. Sie hat mutig die Vergangenheit betrachtet und beschrieben; sie hat damit Verdrängtes gehoben und manche dunkle Seite der Erinnerungen belichtet. Ihr Werkzeug dabei ist ihre Sprache: sie hat sie für ihre Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit eingesetzt und damit vielen Menschen Mut gemacht. Mut zu den eigenen Erinnerungen, Mut zum Schreiben, zum Erzählen und - zum Anderssein.

Barbara Passrugger - Mein neues Leben - © Böhlau Verlag
© Böhlau Verlag
Buch

Bücher von Barbara Passrugger

Mein neues Leben.
Böhlau 1998, ATS 298,-/€ 21,66

Die Berge - meine Lebenswelt.
Böhlau 1994, ATS 198,-/€ 14,39

Steiler Hang.
Böhlau 1992. ATS 298,-/€ 21,66

Hartes Brot.
Böhlau 1989. Unveränderter Nachdruck. ATS 298,-/€ 21,66

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