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Befreite Liebe? #Metoo!

"Für Männer meinte sexuelle Revolution nicht selten das Ausleben der eigenen Triebe, um sich dann wieder der Weltrevolution widmen zu können."

Ich war nicht dabei. Als Jahrgang 1971 war ich mit der sexuellen Revolution von 1968 und deren Vertretern erstmals in den 1980er-Jahren in einer bereits verbeamteten, männlichen Provinzvariante konfrontiert. Einige Lehrer meines öffentlichen Grazer Gymnasiums pflegten den Unterricht mit farbigen Jugenderinnerungen an ihre Befreiung aus bürgerlichen Banden durch Marx, Ho-Chi-Min und freie Liebe aufzulockern. Ob jener Turnlehrer, der vor 16-Jährigen Mädchen detailreich von "Vögelpartys" schwärmte, heute schon den Tatbestand des #Metoo erfüllen würde, darf diskutiert werden. Damals waren die ehemaligen sexuellen Revolutionäre mit Halbglatze und Bauchansatz einfach nur peinlich. Wenngleich mit mehr Theorie unterfüttert, war der Befund an der Universität in den frühen 1990er-Jahren in einem geisteswissenschaftlichen Studium ähnlich: Es gab ältere Herren, die in feudalen Büros residierten, im Hörsaal postfreudianische Literaturtheorien mit Erinnerungen an ihr früheres revolutionäres Feuer mischten und allgemein bekannte Vorlieben für Studentinnen mit kurzen Röcken und einer bestimmten Haarfarbe pflegten.

HistoriscHe GeisterbaHn

Die Erkenntnis, was "sexuelle Revolution" damals, 1968, bedeutet haben könnte und dass es wirklich eine Revolution und nicht nur halbseidene Nostalgie war, dämmerte ausgerechnet im Theologiestudium. Jede sexuelle Betätigung außerhalb der Ehe -Sünde. In der Ehe - alles Sünde, was nicht der Fortpflanzung dient. Für eine junge Studentin war das eine historische Geisterbahn mit Gruselfaktor, gefühlt datierend beim verzweifelten Kindsmord von Goehtes Gretchen, also in der sicheren Entfernung der Literatur-und Kulturgeschichte. Eben dort war und ist auch der Schlüssel zum Verständnis der sexuellen Revolution von 1968 zu suchen.

Die Selbstverständlichkeiten des zwischengeschlechtlichen Zusammenlebens heute, von (Erwerbs-)Arbeit der Frau bis Verhütung, waren bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht selbstverständlich. Im Gegenteil: Sie waren verboten, mit Strafen belegt, geächtet, normiert. Das Revolutionäre an der sexuellen Revolution versteht nur, wer die Zeit davor kennt. Die 1950er-und 1960er-Jahre waren geprägt von Autoritätsstrukturen, in denen noch der Kommandoton des erst kurz zu Ende gegangenen Kriegs vorherrschte. Die Obrigkeit in Schule, Staat und Kirche meinte, die Unmoral des NS-Regimes durch besonders rigide Umsetzung bigotter Kleinbürgermoral mit frommem Anstrich vergessen machen zu können. Gefallene Mädchen, denen die Wahl zwischen Besserungsanstalten, Kinds-oder Selbstmord blieb, waren Realität, nicht Topos der Literaturgeschichte. Ehebruch galt als Straftatbestand, Homosexualität sowieso, Vermieter konnten Besuche des anderen Geschlechts im Studierendenzimmer untersagen. "Wegen Umgang mit dem Weibe" wurden 17-jährige Schüler nach einem Krampuskränzchen in Schule wie Elternhaus sanktioniert. Es sind diese Sittenbilder, vor deren Hintergrund man die ikonischen Reminiszenzen der sexuellen Revolution wie barbusige Studentinnen und Love-Ins sehen muss, um die Relevanz für die jüngere Geschichte zu verstehen.

War die sexuelle Revolution bloß Nebenwirkung der politisch-gesellschaftlichen Umstürze von 1968 oder verdichtete sich in ihr der umfassende Charakter dieser Veränderungen, die das Private politisch und das Politische privat werden ließen? Ihre Nachwirkungen waren und sind jedenfalls nachhaltiger als jene der politischen Idole von damals, die heute entweder auf Schrottplätzen des ehemaligen Arbeiter-und Bauernparadieses verrotten oder von Sklavinnen des weltweiten Kapitalismus auf rote T-Shirts gedruckt werden. Während kaum einer der vormaligen Revolutionäre seine ansehnliche Pension zum Gemeingut erklärt wissen möchte, leben ihre Kinder und Enkel allesamt ohne Trauschein zusammen, haben homosexuelle Freunde und Freundinnen und konsumieren Pornos als Teil des Lifestyle, nicht heimlich im Schuppen.

War die sexuelle Revolution auch eine Revolution der Geschlechterrollen? Als Väter der sexuellen Revolution gelten Sigmund Freud und Wilhelm Reich, Herbert Marcuse und Alfred Kinsey -die sexuelle Revolution ist bis auf Virginia Masters, die Partnerin des Sexualforschers William Johnson, mutterlos. Und es waren und sind bis heute fast nur Männer, die in Nostalgie dieser Revolution schwelgen, bei der sie Frauen von den Ketten bourgeoiser Ehe und Büstenhaltern befreit hätten. Frauen und Frauengeschichte sprechen für diese Zeit meist von der "zweiten Frauenbewegung" und viel weniger romantisch von Gesetzesänderungen, die Frauen mehr berufliche, gesellschaftliche und medizinische Autonomie ermöglichten.

nützliche befreite frauen

Sexuelle Revolution und Emanzipation sind ohne einander nicht denkbar, sie haben aber eine erkennbare Bedeutungsdifferenzierung zwischen den Geschlechtern erfahren. Für Männer meinte sexuelle Revolution nicht selten das Ausleben der eigenen Triebe, um sich dann wieder der Weltrevolution widmen zu können, befreite Frauen waren nützlich, aber ihre Anliegen wie schon bei Marx ein Nebenwiderspruch zum Niedergang des Kapitalismus. Für Frauen brachte die sexuelle Revolution auch dank der Pille die Autonomie des eigenen Begehrens - und diese Autonomie galt es in Folge nicht zuletzt gegen die Forderungen und Übergriffe männlicher Revolutionäre zu verteidigen.

Hat die sexuelle Revolution ihre Kinder vergewaltigt? Ist die sexuelle Revolution für sexuellen Kindesmissbrauch und Übergriffe auf Jugendliche in diversen Institutionen der 1970er-bis 1990er-Jahre und für Kinderpornos, mitunter gedreht von den eigenen Vätern, verantwortlich, wie gern von konservativen Kreisen behauptet wird?

Zweifelsohne wurde die Befreiung von bürgerlichen Normen in manchen Fällen zum autoritären Imperativ, und der strenge Patriarch der Nachkriegszeit zum Übervater der Urhorde im Friedrichshof, der umfassenden Zugriff auf Frauen und Kinder beanspruchte. Radikale Revolution hat nicht erst seit Otto Mühl eine Tendenz zur totalen Kontrolle der gerade erst Befreiten. Oft genug wurden aber auch einfach überkommene Machtstrukturen, in denen Übergriffe aller Art auf hierarchisch Unterlegene systemimmanent waren, nun als "lockere Umgangsformen" und "sexuelle Freizügigkeit" durch die Täter behübscht. Dabei ist die Unterscheidung zwischen sexueller Freiheit und Gewalt ganz einfach: Nein heißt nicht, dass jemand (vorzugsweise Frau oder Kind) verklemmt, prüde oder bourgeois ist. Nein heißt, dass sie (oder er) nicht will.

Wenn heute junge Frauen zu allem, was ihnen in ihrer sexuellen Integrität nicht als Freiheit, sondern Zwang erscheint, laut Nein sagen können, ist dies wesentlich der sexuellen Revolution zu verdanken -auch wenn es manchen Revolutionären von damals nicht gefällt. Diese Revolution hat ihre Söhne spät, aber doch gefressen und ihre Enkelinnen befreit.

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