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Begabungen erkennen und fördern

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Vor zwei Jahren startete in Wien ein neuer Schulversuch: Die "Sir-Karl-Popper-Schule" für Hochbegabte - die "Eliteschule" sorgte seither für zahlreiche Diskussionen.

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Vor zwei Jahren startete in Wien ein neuer Schulversuch: Die "Sir-Karl-Popper-Schule" für Hochbegabte - die "Eliteschule" sorgte seither für zahlreiche Diskussionen.

Dass Schulen im Allgemeinen immer zunächst den Durchschnitt, also die große Masse der Schüler bedient haben und Lerninhalte auf den "Normalverbraucher in den Bildungsanstalten zugeschnitten waren, galt der Pädagogik schon immer als kritikwürdig. "Lernschwache" (Desinteressierte, Unmotivierte?) konnten nur mit unzähligen privat finanzierten Nachhilfestunden "durchgebracht" werden. Und am oberen Ende der Begabtenskala standen oft die disziplinären Probleme mit jenen "Hochbegabten", die rascher begreifen und oft im gelangweilten Herumsitzen mit allerlei Unfug ihrer Fadesse Ausdruck geben, woraus manche Lehrer und Eltern den falschen Schluss zogen, dass jeder Störenfried schon hochbegabt sein müsste...

"Es war hoch an der Zeit, dass in Österreich zur starken Förderung lernschwacher Schüler als logische Ergänzung die Erkennung und Förderung individueller Begabungen gekommen sind", so Hofrat Günter Schmid, Direktor der Sir-Karl-Popper-Schule, "unsere Gesellschaft kann sich auf die Dauer nicht ungestraft den Luxus leisten, in der Jugend vorhandenes Potential brach liegen zu lassen".

Freitag, 2. Juni 2000, 8 Uhr 30 im Festsaal des Gymnasiums Wiednergürtel: Teils gespannt, teils unsicher blickende 14-jährige haben sich mit ihren festlich gekleideten Eltern hier eingefunden, um die Aufnahmetests für den ersten Jahrgang zu bestehen.

Direktor Schmid am Rednerpult entschuldigt sich für die Anrede "Liebe Schülerinnen und Schüler" und korrigiert lächelnd "Liebe junge Damen und Herren, muss ich sagen...", er gratuliert den Kandidat/innen zum Mut, der Bereitschaft, sich der Prüfung zu stellen, die eigenen Fähigkeiten kennenzulernen. "Ihr könnt nur gewinnen, denn dass ihr heute hier seid, ist schon ein Gewinn, auch wenn die Antwort negativ ausfällt!" So gestärkt machen sich die Gruppen Rot, Blau und Grün auf den Weg in die Klassen, wo neben den individuellen Tests viel Gespräch, Kreativität und spontane Reaktion auf dem Programm steht.

Sir Karl Popper (1902 bis 1994), einer der größten "Hochbegabten" Österreichs in diesem Jahrhundert, lebte lange Zeit in London. Als einer der bedeutendsten Philosophen für sein Werk von der Queen geadelt, hatte sich Popper 1993 bereit erklärt, die Patronanz für die Wiener Schule zu übernehmen. Fünf Jahre später, nach Überwindung organisatorischer, wissenschaftlicher, finanzieller und politischer Hürden war es im Herbst 1998 so weit: Im Rahmen des Wiedner Gymnasiums, einer "normalen" AHS, wird das Begabungsförderungsmodell "Sir-Karl-Popper-Schule" als AHS-Oberstufe mit zwei fünften Klassen realisiert. Direktor Schmid leitet sowohl die Regelschule Wiedner Gürtel als auch den Schulversuch Sir-Karl-Popper-Schule. "Wir wissen um das Vorurteil, bei uns ginge es um eine Art elitärer ,Prinzenerziehung' in einem ,Bildungsghetto'" so Schmid, "diese Vorstellung einer derartigen Zweiklassengesellschaft hat auch für mich etwas Abschreckendes. Wir brauchen keine ,Wunderpädagogik'. Es reicht völlig, moderne Pädagogik in die Tat umzusetzen." Die Integration des Begabtenförderungs-Modells in die Regelschule Wiedner Gürtel soll auch ein Signal sein: Das "Experiment" der Begabtenförderung, derzeit bundesweit eine Ausnahme, soll - in modifizierter Form - in die Regelschule einfließen.

Sir-Karl-Popper-Zellen "Engagierte Lehrer haben unsere Vorstellungen immer wieder in ihren Schulen verwirklicht", so Direktor Schmid, "haben gewissermaßen viele kleine Sir-Karl-Popper-Zellen geschaffen mit ihrem Engagement - wir haben uns vorgenommen, diese Ausnahmen zur Regel zu erheben".

Wer hier unterrichten will, muss sich einem Ausleseverfahren stellen, muss mit hohen Anforderungen rechnen, nicht nur fachlich, sondern auch pädagogisch. Und schließlich auch damit, dass mehr Engagement auch in der Freizeit verlangt wird, als möglicherweise in der Regelschule.

Andererseits: Hier haben es die Lehrer mit hochmotivierten Schülern zu tun und wer sich auf seiner Begabung "ausruht", für den ist - nach "Frühwarnsystem" und letzten Chancen - die Zeit hier vorbei. Zielgruppe der Sir-Karl-Popper-Schule sind jene 20 bis 30 Prozent der Schüler einer AHS, die mindestens auf einem Gebiet hochbegabt sind, sie sollen aber in anderen Fachgebieten zumindest den normalen Durchschnitt erreichen. Solch individuelle Begabungen haben im Regelschulsystem oft nicht die Chance, erkannt und gefördert zu werden, wie Direktor Schmid erläutert, Klassenschülerhöchstzahlen bis über 30, wenig Kontakt der Lehrer untereinander, unterschiedliche pädagogische Auffassungen, Zeitdruck und weniger persönlicher Kontakt zu Schülern und Eltern, um nur einige Gründe zu nennen.

Wie wird nun in der Sir-Karl-Popper-Schule die Begabung gefördert? Zunächst sind die im offiziellen Lehrplan des Unterrichtsministeriums definierten Lernziele bindend - schon um die Durchlässigkeit, bzw. den Übertritt in die Regelschule problemfrei zu ermöglichen. Aber die Wege sind teilweise neu, bzw. die Rahmenbedingungen (finanziellen) günstiger als in der Regelschule. Die Klassenschülerhöchstzahl beträgt 24 oder eher weniger. Jeder Schüler erhält die für ihn individuell angemessenen Aufgaben in Richtung eigenverantwortliches Arbeiten, zum Selbsterkennen seiner Grenzen und Fähigkeiten, zum Erfassen der fächerübergreifenden Zusammenhänge.

Das "Coaching-System" ist ein gutes Beispiel für die Möglichkeiten, individuell auf jeden Schüler einzugehen: Der "Coach", ein Fachlehrer der Klasse, betreut vier bis fünf Schüler (eine bezahlte Stunde pro Woche), er ist Studienberater, und -begleiter, übernimmt die Aufgaben des Klassenvorstands und ist für die persönlichen Anliegen und Probleme der Schüler da.

Dickes Studienbuch Renate Wustinger ist zuständig für den Betreuungsbereich der Popper-Schüler, für Coaching, Persönlichkeitsbildung, Sozialprojekte, Supervision. "Es wird immer wieder gefragt: Sind unsere Schüler ,verstrebert', verklemmt, arrogant? Sie sind so wie Jugendliche eben sind, vielleicht motivierter und interessierter als der Durchschnitt. Ich glaube, dass sie später vielleicht mehr soziale Kompetenz haben, mehr innere Überzeugung, um bei Problemen standzuhalten, ihre Werte zu vertreten und zu leben". Beispielsweise bringen die Schüler Lebensmittel zum "Sandlertreff" in die "Gruft"- per PKW des Direktors, oder engagieren sich auch in der Altenbetreuung.

Anstatt des Klassenbuchs führt jeder Schüler ein "Studienbuch": Neben dem Infoteil (Personaldaten, Stundenplan, Mitteilungen an die Eltern, Sprechstunden etc.) bildet der "Lernprofil-Teil" und der "Lernkontrakt" die Seele dieses dicken A4 Heftes. Hier findet sich alles aufgelistet aus der Schülerkarriere: Der ,Sonderlehrvertrag'- eine Art Nachhilfe - zum Studienplan; die Teilnahme an Aktivitäten außerhalb des Lehrplanes; gewählte Fächerangebote wie eine vierte(!) Fremdsprache (Russisch oder Spanisch) nach Englisch, Französisch und Latein; der Einsatz neuer Technologien - EDV/Medien; Lernen ohne Aufsicht in "Lerninseln" (Bibliothek, Informatikraum.); Fächer in englischer Unterrichtssprache; Sozialprojekte usw.

In einem "Reflexionsprotokoll", einer Art innerem Zwiegespräch zieht jeder Schüler über seine Lernerfahrungen Bilanz: Je besser er sich selbst kennenlernt, desto bewusster das selbstbestimmte Planen und Ordnen des Lernangebots. Eine wichtige Aufgabe des Coaches: Die Jugendlichen zu Selbsterkenntnis und selbstbestimmtem Handeln in eigener Verantwortung begleiten. (Ein wichtiger Schritt in der Logotherapie, eines anderen genialen österreichischen Wissenschafters: des Psychotherapeuten Viktor Frankl).

Im "Lernkontrakt" geht es neben einer Art Hausordnung um den Schwerpunkt Lernverhalten: Die Schüler sollen bis Oktober jedes Jahres ihre individuelle Zielvereinbarung für das Lernjahr vorlegen. Coach, Lehrer und Direktor können beraten, erstellen muss die Lernziele aber der Schüler selbst. Er muss sich an die Vereinbarungen halten, soll sein selbstgewähltes Programm "durchziehen", sollte also seine individuelle Begabung kennen und anwenden.

Begabungen zu erkennen, zu wecken, optimal zu fördern ist letztendlich ein zutiefst humanes Ziel. Die Sir-Karl-Popper- Schule arbeitet mit der Jugenddorf-Christophorusschule Braunschweig zusammen, wo seit 1981 eine Förderschule für Hochbegabte eingerichtet wurde, die für die Sir-Karl-Popper-Schule Vorbildwirkung hat. "Für unsere pädagogische Arbeit bestehen zwei Grundsätze", formulierte die Leiterin der Christophorusschule bei einem Vortrag in Wien, "Erstens hat jeder Mensch das Recht auf Entfaltung der ihm gegebenen Begabungen, und zweitens hat jeder Mensch die Pflicht, diese Begabungen und damit alles aus der Förderung Erhaltene zum Wohle der Gemeinschaft einzubringen".

Der Autor war früher Lehrer u. a. an der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz; seit 1982 freier Journalist.

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