Friedrich Heer als "Berater" auf dem Weg zu einem lebendigeren Menschsein.

Friedrich Heer hat in seinen Texten immer wieder die Grenze von der Wissenschaft ins Leben, von der Vergangenheit in die Gegenwart überschritten. Schreibend und nach-denkend hat er sich der Welt geöffnet. Die Titel seiner Bücher signalisieren, wie sehr für ihn "Leben" und "Lebendig"-Sein wichtig gewesen sind. Leben in seinen vielfältigen Facetten ist das Lebens-Thema des Friedrich Heer: "Gespräch der Feinde" (1949), "Sprechen wir von der Wirklichkeit" (1955), "Ehe in der Welt" (1955), "Mensch unterwegs" (1956), "Experiment des Lebens" (1957), "Alle Möglichkeit liegt bei uns" (1958), "Sprung über den Schatten" (1960), "Das reichere Leben" (1961).

Bildung & Barbarei

Für den umfassend gebildeten, vieles wissenden Menschen und Historiker Friedrich Heer ist "Bildung" nicht mit akademischer Bildung gleichzusetzen: "Ich erinnere mich immer wieder, unvergesslich für mich, in einer meiner Haftzeiten bin ich durch das Reichssicherheitshauptamt in Berlin geführt worden: Ein langer Gang. An den Türen lauter akademische Titel von hohen SS-Führern, Adelstitel übrigens auch. Bildung schützt vor Barbarei nicht." (Ausgesprochen, 1983)

Zu seinen Geistes-Verwandten gehörten auch die Kleinen und anscheinend Unbedeutenden. In einem Gespräch kurz vor seinem Tod erzählt er: "Ich sehe eine alte Frau, eine Arbeiterin in Berlin vor mir, mitten im Dritten Reich zwischen Front und Front, eine Frau, die mit einer Offenheit sondergleichen ihre Wut und Trauer über die Hitlerei verkündet hat." (Ausgesprochen)

Der Historiker Friedrich Heer war nicht gegenwartsblind. Wach und aufmerksam hat er seiner Gegenwart die Diagnose gestellt und das Fehlen von Lebendigkeit und Lebens-Fülle angesprochen. In der Allianz zwischen einem "gewissen Konfessionalismus", einem "gewissen Humanismus" und einem "gewissen Spezialistentum" sieht Friedrich Heer vor allem auch das Leben der "Intelligenz" geprägt. Deren Lebenshaltung und Weltanschauung sind zutiefst egozentrisch, pessimistisch und fixiert: "Alle drei interessieren sich im ersten und letzten nur dafür: wie geht es meinem Ich? Wie kann ich es fördern, im Verkehr mit ,meinem' Gott, ,meiner' Bildung, ,meiner' Wissenschaft, ,meinem' Beruf? Die anderen gehen mich doch nur sehr wenig an, wenn ich ,mein' Leben ganz ernst nehme." (Das reichere Leben, 1961)

Der männliche Blick

Sehr früh hat Friedrich Heer sich eingestanden, dass diese Unfähigkeit, sich voll und ganz auf andere einzulassen, wesentlich auch mit dem männlichen Blick auf die Welt zu tun hat: "Männeraugen sehen Bezüge, Herrschaftsordnungen, Sachen, Waren. Das Leben ist für sie weitgehend ,uninteressant': sie ,übersehen' seine komplexen Verhältnisse in der eigenen Position, in der eigenen Frau, in den eigenen Kindern, im eigenen Betrieb. Wie viele Männer wissen buchstäblich nichts vom Leben ihrer ,Untergebenen', ihrer Untertanen, ihrer Gehilfen - auch ihrer Sex-Gehilfen?" (Jugend zwischen Hass und Hoffnung, 1971) Nur dort, wo Menschen einander im Gespräch begegnen, kann sich auch Leben entwickeln, und im "Gespräch der Feinde" (1949) können Grenzen überschritten und neue Lebens-Räume aufgemacht werden.

Wahrheit des eigenen Lebens

Die Konsequenzen sind für den "katholischen" Christen Friedrich Heer klar vorgezeichnet. In einem Brief an Gerhard Szczesny hält er fest: "Angesichts dieser vielfachen Angst, Trägheit und Verwehrung - Leben in der Wahrheit des eigenen Lebens ist ungeheuer anstrengend und gefährlich - stellen sich für den aufgeklärten Freund und den aufgeklärten Gegner des Christentums in unseren Zonen schwere Aufgaben, die zum Teil in einer Allianz zu lösen sind, da beide der Überzeugung sind: ohne Wahrheit, ohne Selbsterhellung, ohne Selbstenttäuschung gibt es keine Freiheit, keinen Frieden, keine Menschlichkeit." (Heer/Szczesny, Glaube und Unglaube, 1962)

Für den Christen Friedrich Heer ist mit Jesus ein neues Leben in die Welt gekommen. In ihm ist sichtbar geworden, wie anders ein erfülltes Leben sein kann. Dieser Jesus geht mit sich und seinen Mit-Menschen anders um. Er, der vom Himmel kommt, schwebt nicht über den Wolken: "Jesus ist kein Spiritualist, er hat nicht die geringste Vorstellung einer vom Körper getrennten Seele; er lebt im Freien, unter offenem Himmel, ein festliches Leben, im festlichen Gartenland Galiläa. Frauen und Kinder sind ständig um ihn: auf beide nimmt er behutsam, zärtlich Rücksicht. Nie hat solche Freude das Menschenherz erfüllt, wie in der Fest-und Feiergemeinde um Jesus." (Europa. Mutter der Revolutionen, 1964)

Leben ist für Friedrich Heer stets Leben im Widerspruch. Er steht auf der Seite derer, die nicht so offensichtlich "erfolgreich" sind, und die wohl auch deswegen das Leben in seinen Erfolgen wie in seinen Niederlagen annehmen können: "Ich halte es mit den Scheiternden, den immer wieder Scheiternden. Die durch ihr Scheitern immer offener, bewusster, schmerzwacher, schmerzwissender werden." (Was mir half, 1982)

Ergriffen vom Menschen

Einen großen Teil seines Wissens um das Leben und seine Zwiespältigkeiten hat Heer seiner Lektüre entnommen. Allerdings hat er dieses "exzerpierte" Lebens-Wissens auch sehr konkret zu sich selbst und seinem Leben in Beziehung gesetzt. Im Februar 1970 schrieb er "statt eines Vorworts" zu seinem Buch "Jugend zwischen Hass und Hoffnung": "So also blicke ich zurück auf mein Leben, blicke um mich, heute. Heikel ist meine Position: ich weiß mich älter, um Jahrtausende, als viele meiner ,Zeitgenossen'. Ich weiß mich jünger, um vieles, als viele kalendermäßig jüngere Menschen. Älter, da mehr wissen, jünger, da mehr ergriffen. Ergriffen von der Sache des Menschen, die noch nicht verloren ist."

Der Autor ist Historiker und ehemaliger Leiter der Fachbibliothek für Zeitgeschichte der Universität Wien.

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