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"Bin ich deppert?"

Das Grazer Caritas-Projekt Team ON hilft Menschen am Rand der Gesellschaft. Im Wohnhaus Rankengasse 22 können Alkoholkranke, Obdachlose oder Haftentlassene ihr eigenes Zuhause einrichten.

Stolz bin ich nicht drauf", sagt Herr P., wenn er über seine Haftstrafe wegen Körperverletzung spricht, die hinter ihm liegt. Aber stolz zeigt der schlanke Mann mit dem rötlich gelockten Haar und Vollbart sein kleines Zimmer - ein Computer, eine TV/DVD-Anlage, relativ sauber, gemütlich, sein Zuhause. "Hier arbeite ich", sagt er etwas schwer verständlich und zieht an seiner Zigarette. Er stehe der Kommunistischen Partei nahe, erzählt er. Ob sein Äußeres nur zufällig etwas Trozki'sches an sich hat? Etwa 20 Quadratmeter, die ihm gehören und für Herr P. keine Selbstverständlichkeit sind. Denn wie für die meisten seiner Mitbewohner wurde das Wohnhaus Rankengasse 22 nahe dem Griesplatz in Graz zur ersten eigenen Wohnung nach Obdachlosigkeit mit Adresse "Europaplatz".

Rund 60 Männer und Frauen, die meisten von ihnen schwere Alkoholiker, Drogenabhängige, Haftentlassene - Menschen, die ganz unten waren und sind, haben im äußerlich recht ansprechenden Haus aus der Gründerzeit mit blauen Fensterbalken eine eigene kleine Wohnung gefunden. Das Wohnhaus ist ein Teil des Caritas Projektes Team ON (ohne Nest), das mit unterschiedlichen Projekten und Ideen jenen helfen will, die auch in einem Sozialstaat durch den Rost fallen. "Wir stehen 24 Stunden sieben Tage die Woche bereit, um in akuten Fällen mit Grundlegendstem auszuhelfen", sagt Harry Krenn, der Gründer des Projektes Team ON.

"Nachbarschaftshilfe"

Der 74-jährige Grazer will sein Engagement für ausgegrenzte Menschen nicht überbewertet oder mit dem Attribut "sozial" versehen wissen. "Das, was wir tun, kann jeder machen, kann jeder probieren. Das ist Nachbarschaftshilfe, das soll selbstverständlich sein", meint Krenn skeptisch gegenüber Medienberichten über Team ON. "Es ist ein Versuch, etwas sich ständig Weiterentwickelndes." Team ON wird als eigenständige private Initiative verstanden, die in der Caritas Graz-Seckau verankert ist. "Wir profitieren von Krenns innovativen Ideen und er von unserer Administration", sagt Holger Affenzeller, der seit drei Jahren als Projektverantwortlicher die Fäden zieht. Der 35-Jährige kam als Zivildiener zur Caritas und blieb.

Harry Krenn wiederum ist gelernter Händler, arbeitete dann in einer Brauerei, fühlte sich aber schon immer zu Menschen, die ausgegrenzt werden, hingezogen. "Ich mag diese Leute", sagt er und scherzt, dass sie, die Alkoholiker, ihm eigentlich die Pension gezahlt hätten. Eine tragisch-komische Ironie. "Ich mag ihre Unbeholfenheit, ich mag sie so, wie sie sind."

Krenn kennt das Unverständnis für seine Arbeit, aber lieber mag er es, wenn man ihm direkt ins Gesicht sagt, er würde sich mit "Gesindel" abgeben - dann könnte er wenigstens dagegen argumentieren -, als wenn ihm jemand unehrlich und scheinbar verständnisvoll nach dem Mund redet. Das Team ON umfasst neben getrennten Wohnprojekten für alkoholkranke Menschen und Menschen, die gerade trocken sind (ein Wechsel ist natürlich möglich), noch Initiativen, um Delogierungen, vor allem von Familien mit Kindern, zu verhindern. "Wir bieten gleich ein ganzes Paket: Wohnung, Sport, Mietunterstützung", sagt Affenzeller: "Manche Menschen brauchen nur einen kleinen Anstoß und sie schaffen es wieder, ein eigenständiges Leben zu führen, andere bedürfen regelmäßiger Unterstützung." Vor 15 Jahren vor allem als Projekt für alkohol-bzw. drogenabhängige Männer (zum Großteil sind es Männer) gegründet, wurden mit der Zeit auch immer mehr Projekte für Migranten in die Arbeit einbezogen. Zusätzlich werden Sport-oder Freizeitangebote organisiert, die zur (Re-)Integration dienen. So erzählt Krenn von einer Erholungswoche in Grado in Italien und von einprägenden Erkenntnissen eines alkoholkranken Mannes: "Bin ich deppert, ich saufe mich da den ganzen Tag an und schau nichts an, dabei ist es da so schön."

"Die Leute sollen auf den Geschmack kommen, wie es ist, wieder nüchtern zu sein", erklärt Affenzeller den Zugang zum Problem Alkoholismus. Zum Entzug zwingen kann man niemanden. "Wir wollen da keine Barrieren aufbauen."

Im Wohnhaus Rankengasse 22 wurde im Keller ein geräumiges Fitnessstudie errichtet. Auch Migranten nutzen das Angebot. "Ich radle zweimal die Woche", erzählt Herr F., ein Bewohner des Hauses mit roten, etwas aufgedunsenen Wangen und trübem Blick und zeigt sein Können am Hometrainer. Ansonsten sitzt er gerne im kleinen Aufenthaltsraum, in dem nur Bier konsumiert werden darf. An der Eingangstür klebt ein Zettel mit einem Namen. Die genannte Person hat Hausverbot. Ist Gewalt im Spiel, wird eine klare Grenze gezogen. "Aber wir sagen ihm, du kannst wiederkommen", fügt Harry Krenn hinzu. Es gibt Auf- und Abstiege.

Einige Männer sitzen um zwei Tische, Rauchschwaden vernebeln den Blick auf sie, Bierdosen vor ihnen. Die Stimmung hellt sich auf, als Besuch kommt. Einige Hunde ziehen am Gang herum. Resolut weist Eva Lenger, Sozialbetreuerin und gute Seele des Hauses, die Männer zurecht. Die 49-jährige Grazerin schaut, dass die Wohnungen in Ordnung sind, dass alles Behördliche läuft. "Jein" sagt sie auf die Frage, ob es eine Warteliste für das zur Zeit voll besetzte Wohnhaus gebe. "Es dauert lange, bis etwas frei wird." Die meisten Männer wollen hier so lange bleiben, wie es geht, wollen hier und nicht in einem Pflegeheim sterben. "Frei wird nur etwas, wenn einer in eine Gemeindewohnung übersiedelt oder ins Gefängnis."

Ein kleiner Mann fragt, ob er das Formular zum Ansuchen einer Gemeindewohnung ausfüllen könne. "Du bist doch betrunken. Komm morgen früh", meint Lenger mit wegweisender Handbewegung. Der Mann widerspricht. "Abmarsch", so der resolute, unverblümte und irgendwie doch mütterliche Kommentar. Der Mann geht. "Nur ein Bruchteil von diesen Männern ist noch für die Arbeitswelt zu gebrauchen. Bei den meisten will die Familie nichts mehr von ihnen wissen", erklärt die Frau mit dunklem langem Haar, die als gelernte Verkäuferin schon "berufsbedingt mit diesem Klientel vertraut wurde". So wuchs ihre Motivation, diesen Menschen zu helfen, zunächst ehrenamtlich, seit sieben Jahren ist sie bei der Caritas angestellt. Lenger führt durch das Haus, durch kalte Gänge mit kahlen Wänden, in den Hof mit denkmalgeschützten Holzstangen, die eine Wäscheleine halten. "Das waren früher Bassena-Wohnungen der Gemeinde", erklärt Krenn. Die Caritas hat fast alle Wohnungen als Hauptmieter angemietet.

Schüler helfen renovieren

Die Ein-Zimmer-Wohnungen wurden mit Hilfe der Männer renoviert. Auch Schüler einer HTL oder der Landesberufsschulen für Maler oder Tischler halfen mit. "Wir wollen die Leute nicht in die Auslage stellen, es geht um das gegenseitige Verstehen", so Krenn. Die Männer wurden in die Planung der Wohnung einbezogen, wurden also ernst genommen, die Schüler wiederum bauten Vorurteile ab. "Wir fragen immer, was willst du selbst, was kannst du selber dazu beitragen. Denn helfen kann sich im Grunde jeder nur selbst," meint Krenn.

Im Erdgeschoss, gleich links nach dem Eingang, wohnt Herr Fritz, die graue Eminenz des Hauses. Er hatte schon hier gewohnt, als es noch gewöhnliche Gemeindewohnungen waren und ist noch Hauptmieter seiner Wohnung. "Meine drei Söhne sind hier zur Welt gekommen, sie kommen oft vorbei, auch die Enkel", erzählt der Mann um die 70 und zeigt die größte Wohnung des Hauses, etwa 30 Quadratmeter, voll Stolz: Überfüllt, zwei Aquarien, viele Fotos an der Wand und Seesterne. "Ich liebe das Meer", sagt er, überhaupt alle Tiere. Sein Kater läuft neben ihm her, ein Tigerplakat klebt an der Tür.

Kurz zuvor sah man ihn noch im Gespräch mit ein paar Mitbewohnern, scherzend, lachend, ein paar Hunde liefen um die rauchenden Männer herum. Etwas später sitzt er alleine da, sein Kater hat Platz genommen. "Ich will meine Ruhe, kein Herumraufen, dann schicke ich sie weiter", murmelt er. In all den Jahren hatten sich die Hausbewohner stark verändert. Die Männer, die einzogen, kamen von der Straße. Herr Fritz aber blieb.

Team ON

Das Projekt Team ON (Ohne Nest) versteht sich als private Initiative, die innerhalb der Caritas Graz-Seckau integriert ist. Primäres Ziele ist es, Menschen am Rand der Gesellschaft Grundversorgung anzubieten sowie ihre (Re-)Integration und das Verständnis für sie, etwa durch Sport und Kulturangebote, zu fördern. Das Projekt umfasst Wohnhäuser und Wohnsicherung, sowie Unterstützung für Migranten. Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Wirtschaft werden als Bindeglied zur Öffentlichkeit und als Sponsoren einbezogen.

www.caritas-graz.at

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