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Boden wird das knappe Gut: Rohstoff- und Energiequelle

Biogene Wende und demografische Entwicklung fordern Konsequenzen. Wissenschafterin Gerlind Weber plädiert für quantitativen Bodenschutz.

Sie arbeitet seit Jahrzehnten wissenschaftlich und international anerkannt am Thema Bodenschutz. Sie ist daher weder um klare Aussagen noch um zahlenmäßig untermauerte Argumentation verlegen: Gerlind Weber, Professorin am Department für Raum, Landschaft und Infrastruktur der Universität für Bodenkultur in Wien. Unter dem Titel „Verbaute Zukunft“ hält sie in Fachzeitschriften ein „Plädoyer für mehr quantitativen Bodenschutz“ und sagt im FURCHE-Gespräch: „Das Siedeln am ökonomisch und ökologisch falschen Platz ist für die Gesellschaft ein Schuss ins Knie.“ Durch die Zersiedelung werde die „Schlüsselressource Boden sehr knapp“, doch Boden werde zur Rohstoff- und Energiequelle der Zukunft. Genau diese verbaut sich Österreich.

Finanzierungsfalle

Unmittelbar nach Österreichs Beitritt zur EU sei der Bodenschutz von der politischen Agenda genommen worden. Ein Fehler, wie Weber meint. Lediglich 37 Prozent des Bundesgebietes seien besiedelbarer Raum, doch von 2004 bis 2007 sei die Bebauung in manchen Regionen geradezu explodiert, täglich seien 15 Hektar Boden verbraucht worden. Die Siedlungsfläche ist laut Umweltbundesamt seit 1995, dem Jahr des EU-Beitrittes, um 40 Prozent angewachsen. Ursache dafür sei ein Mangel an Problembewußtsein in der Raumplanung. Die Zersiedelung durch freistehende Einfamilienhäuser und die Ansiedelung von Betrieben an Ortsrändern verursache hohe Kosten für Erschließung, Infrastruktur und Verkehrswege. Weber: „Das ist einer der Gründe, warum es den Gemeinden finanziell so schlecht geht.“

Die Gemeinden müssen nicht nur hohe Beträge aufwenden, um Infrastruktur herzustellen und zu erhalten. Diese werde, sollten sich die Alterung der Gesellschaft und die Abwanderung aus ländlichen Regionen fortsetzen, weniger genutzt. Die Folge sind Straßen als tote Sackgassen und ein nicht genutzter Bestand an Baulichkeiten. Doch zu dieser Amerikanisierung der Raumstrukturen, zu dieser verschwenderischen Bodennutzung, gibt es Alternativen, wie ein Blick nach Deutschland zeigt.

Anders als in Österreich würden Grenzen der Besiedelung markiert und Auflagen erteilt. In München haben Bauträger, sofern sie nicht selbst Flächen ökologisch aufwerten, je Quadratmeter 23 Euro auf ein Öko-Konto einzubezahlen, aus dem ökologische Maßnahmen finanziert werden. Und wer in Nordrhein-Westfalen nicht am Landschaft verbrauchenden Stadtrand, sondern in der von Leere bedrohten Innenstadt baut, erhält eine Förderung in Höhe von 30.000 Euro. Doch in Österreich sei es noch immer am einfachsten, auf der grünen Wiese zu bauen. Allerdings um den zu hohen Preis der Zersiedelung und zweier weiterer, ebenfalls unerwünschter Nebenwirkungen: Weil so viele Räume zersiedelt sind, führe die grundsätzlich sinnvolle Bildung von Infrastrukturkorridoren (Bündelung von Straßen, Schienen, Pipelines, Stromleitungen etc.) stets zu Nachbarschaftskonflikten. Und es verschärfe sich die „Nutzungskonkurrenz um die Flächen“, die sich aufgrund ökologischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen abzuzeichnen beginnen.

Ende des fossilen Zeitalters

„Die Karten werden neu gemischt“, ist Weber überzeugt, sobald das Ende des fossilen Zeitalters sich abzuzeichnen beginnt. Dann werde Boden benötigt, um Windrädern und Solaranlagen Platz zu bieten. Anbaufläche werde für Lebens- und Futtermittel genutzt, für Bau- und Industrierohstoffe sowie für Ausgangsstoffe der pharmazeutischen Industrie und für Energie-Erzeugung.

Bodenrelevante Raumordnungspolitik sei „Stellschraube der Zukunft“, Boden werde das knappe Gut der nächsten Zeit. China und Industriestaaten würden in „neokolonialer Weise“ in Afrika Flächen kaufen. Diese seien für die Herstellung von Nahrungsmitteln und Energie nötig. Wer Wohlstand wolle, brauche Flächenreserven. Flächenstaaten hätten daher einen Vorteil. Bei richtiger Bodenpolitik.

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