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"Brasilien hat die WM schon verloren"

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Am 12. Juni beginnt in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft. Jubelstimmung bleibt im Fußball-fanatischen Land aber aus, stattdessen fliegen Steine und Tränengasgranaten. Der Entwicklungshelfer Thomas Bauer im FURCHE-Gespräch.

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Am 12. Juni beginnt in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft. Jubelstimmung bleibt im Fußball-fanatischen Land aber aus, stattdessen fliegen Steine und Tränengasgranaten. Der Entwicklungshelfer Thomas Bauer im FURCHE-Gespräch.

Thomas Bauer ist seit 1996 in Brasilien tätig -als Mitarbeiter in der Entwicklungszusammenarbeit der Landespastoralkommission. Auf Einladung der Dreikönigsaktion, die mit ihm zusammenarbeitet (siehe Kasten unten), war der gebürtige Vorarlberger und gelernte Bootsbauer kürzlich in Wien. DIE FURCHE hat mit ihm über den Unmut der brasilianischen Bevölkerung gegenüber der Fußballweltmeisterschaft gesprochen - und darüber, warum fast niemand mehr den Weltfußballverband FIFA im Land haben möchte.

DIE FURCHE: Herr Bauer, waren Sie euphorisch, als Sie 2007 erfahren haben, dass Brasilien Austragungsort der FIFA Fußballweltmeisterschaft 2014 sein wird?

Thomas Bauer: Weder ich noch Menschen in meinem Umfeld sind oder waren je wirklich euphorisch. Die brasilianische Bevölkerung wurde in die Entscheidung der FI-FA-Funktionäre und der Regierung weder eingebunden, noch wurde über die Konsequenzen einer WM gesprochen. Die brasilianische Regierung hat den Vertrag der FIFA blauäugig unterschrieben und der Bevölkerung untergejubelt.

DIE FURCHE: Wie wurde die WM den Brasilianern verkauft?

Bauer: Der damalige Präsident (Lula da Silva; Anm.) sagte einerseits, es werden alle Ausgaben rund um die Weltmeisterschaft von Privatinvestoren finanziert werden. Andererseits war von Ausgaben in der Höhe von einer Milliarde Dollar die Rede. Beides hat nicht gestimmt: Mittlerweile hat das Land elf Milliarden Dollar an öffentlichen Geldern für Stadien und Infrastruktur ausgegeben. Also jenem Geld, das jetzt im Gesundheits-und Bildungswesen fehlt. Mehr als die Hälfte der Brasilianer möchte laut Umfragen auch nicht, dass die WM stattfindet. Ein solches Ergebnis ist in einem eigentlich Fußball-fanatischen Land wirklich erschreckend.

DIE FURCHE: Viele Brasilianer gehen deshalb auf die Straße. Im vergangenen Jahr haben beim Confederations Cup bis zu einer Million Brasilianer gegen Misswirtschaft und die Milliarden-Ausgaben für die WM demonstriert. Auch in Salvador da Bahia, wo Sie arbeiten und wo eigens ein neues Fußballstadion erbaut wurde, kam es zu Ausschreitungen. 39 Menschen starben. Von wem ist der Protest ausgegangen?

Bauer: Beim Confederations Cup war die Erhöhung der Fahrpreise der öffentlichen Verkehrsmittel der Auslöser für die Proteste. Daraus hat sich eine Protestwelle entwickelt. Von wem sie ausging, kann man aber nicht genau sagen. In Brasilien protestieren Junge wie Beamte, Mittelschicht wie Besserverdiener. Es kommt auch immer wieder zu Streiks. Ich habe die Proteste in Salvador selbst miterlebt. Es flogen Tränengasgranaten, die Atmosphäre war äußerst angespannt. Glücklicherweise gibt es die neuen sozialen Medien. Die schrecklichen Bilder kommen so schneller ans Tageslicht.

DIE FURCHE: Von der Infrastruktur, in die im Zuge der WM investiert wurde, profitiert aber auch die Bevölkerung...

Bauer: Es gibt sicher Investitionen, von denen auch die Brasilianer profitieren, aber vieles wurde nur für die Touristen gebaut. Beispielsweise wurden alle Flughäfen renoviert und ausgebaut. Aber wie viele Brasilianer fliegen einmal im Jahr oder können sich ein Flugticket leisten? Rund 170.000 Brasilianer wurden zudem aus ihrer Heimat aufgrund des Infrastrukturumbaus vertrieben. Es wäre nicht notwendig gewesen, Familien wegen Zufahrtstraßen zum Stadion zu vertreiben oder Hütten niederzureißen, um Parkplätze zu bauen. Das ist alles andere als eine Investition in die Allgemeinheit.

DIE FURCHE: Klingt so, als würde sich die Regierung mit Panzern und Bulldozern auf die Weltmeisterschaft vorbereiten.

Bauer: Die Regierung bereitet sich auf die WM vor, wie eine Regierung, die Angst vor den eigenen Leuten hat. Das brasilianische Militär und die Polizei werden eigens dafür geschult, die Touristen vor der eigenen Bevölkerung zu schützen. Das ist absurd. Derzeit wird ein Gesetz diskutiert, das verbieten soll, während Großereignissen auf die Straße zu gehen. Man könnte bis zu 20 Jahre ins Gefängnis kommen, falls dieser Gesetzesantrag durchgebracht wird.

DIE FURCHE: Wird Brasilien international einen Schaden erleiden?

Bauer: Brasilien hat die WM schon verloren. Denn das, was die Regierung wollte -nämlich als Global Player wahrgenommen zu werden und Investoren anzulocken -, ist bis jetzt nicht passiert. Es war eher ein Schuss nach hinten: Die brasilianische Regierung versucht, der FIFA alles recht zu machen. Es wird von Seiten der FIFA sehr schlecht über Brasilien geredet: Die Bevölkerung sei faul, die Stadien werden nicht fertig, die Regierung sei unzuverlässig.

DIE FURCHE: Wünschen Sie sich von anderen Ländern noch einen Aufschrei in Bezug auf die Vorkommnisse in Brasilien?

Bauer: Einen Aufschrei würde ich nicht sagen. Es ist aber wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten und aufzuzeigen, welche wirtschaftlichen Interessen dahinter stehen und wie die FIFA schlussendlich die Demokratie des jeweiligen Landes hintergeht. Je mehr solche Dinge an die Öffentlichkeit gelangen, umso mehr werden die Leute umdenken.

DIE FURCHE: Inwiefern umdenken?

Bauer: Der FIFA gehen mittlerweile die Austragungsorte aus. Schweden wäre beispielsweise 2022 zum Zug gekommen. Die Bevölkerung durfte abstimmen und entschied sich gegen die FIFA. Die Schweden waren eben nicht bereit, öffentliches Geld für eine Fußballweltmeisterschaft auszugegeben.

DIE FURCHE: Die Regierung deutet die Proteste anders. Präsidentin Dilma Rousseff hat es mit der Version versucht, dass die Proteste eine Folge ihrer politischen Erfolge seien. "Wer etwas erreicht hat, will mehr", erklärte sie etwa anlässlich des Papstbesuches im Juli vergangenen Jahres.

Bauer: Ich halte diese Aussage für sehr problematisch. Brasilien ermöglicht transnationalen Konzernen, Rohstoffe so billig wie möglich abzubauen und im Land Raubbau zu betreiben. Die Regierung verkauft dies als Notwendigkeit, um die Situation im Land zu verbessern und um soziale Projekte zu finanzieren. Es hat sich zwar die Situation der Ärmsten verbessert, aber das Land findet keine Lösung, das Leben der Bevölkerung strukturell und nachhaltig zu verändern.

DIE FURCHE: Sie selbst arbeiten im Hinterland des nordöstlichen Bundesstaates Bahia und kämpfen dort gegen Armut und unfaire Besitzverhältnisse. Inwiefern arbeiten Sie mit der Dreikönigsaktion zusammen?

Bauer: Uns verbindet eine langjährige Partnerschaft. Wir bekommen keine Unterstützung von der brasilianischen Regierung, sondern sind auf die Hilfe aus Europa angewiesen. Die Dreikönigsaktion hilft uns nicht nur finanziell, sondern auch mit Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsbildung in Europa. Unsere Welt wächst immer mehr zu einer globalen Welt zusammen. Die FIFA ist ein europäischer Verein, der wie andere global agierende Konzerne in vielen Ländern Menschenrechte verletzt und Umwelt zerstört. Insofern werden das gemeinsame Handeln und die soziale Verantwortung immer wichtiger.

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