Charles Taylor  - © Foto: © Berggruen Institut

Charles Taylor: Der Ort der Religion

1945 1960 1980 2000 2020

Weder der traditionelle Katholizismus europäischer Prägung noch die Wahlfreiheit der Konfession wie im nordamerikanischen Gesellschaftsideal bestimmen den Ort der Religion in der heutigen Welt. Der amerikanische Philosoph Charles Taylor (*1931) versucht diesen Ort - inklusive der frei schwebenden Religiosität und Spiritualität - zu beschreiben.

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Weder der traditionelle Katholizismus europäischer Prägung noch die Wahlfreiheit der Konfession wie im nordamerikanischen Gesellschaftsideal bestimmen den Ort der Religion in der heutigen Welt. Der amerikanische Philosoph Charles Taylor (*1931) versucht diesen Ort - inklusive der frei schwebenden Religiosität und Spiritualität - zu beschreiben.

Welchen Platz nimmt die Religion in der heutigen Gesellschaft ein? Über die Frage, ob die Religion auf dem Rückzug ist oder ein Comeback erlebt, wird heftig gestritten. Zwei Auffassungen scheinen aber von vielen geteilt zu werden: Erstens, dass unsere nordatlantische Welt säkular ist und es künftig in verstärktem Maße sein wird, dass also die öffentliche Sphäre zunehmend neutral ist, während die Religion mehr und mehr zur Privatsache wird. Zweitens, dass diese Welt in allen ihren Sphären, einschließlich der religiösen, von einem wachsenden Individualismus geprägt ist, mit der Folge, dass die großen Kirchen Mitglieder verlieren und die dadurch entstehende Lücke von einer diffusen Spiritualität ausgefüllt wird. [...]

Der neue Individualismus

In den letzten 50 Jahren sind Dinge geschehen, durch die sich die Bedingungen des Glaubens in unseren Gesellschaften tiefgreifend verändert haben. Wir befinden uns in einer neuen Phase des religiösen Lebens.

Unsere nordatlantische Zivilisation hat [...] in den letzten Jahrzehnten eine Kulturrevolution erlebt. Zumindest symbolisch stellen die sechziger Jahre vermutlich den Angelpunkt dar. Es ist eine individualisierende Revolution, auch wenn dies merkwürdig klingen mag, da die Moderne bereits auf einem gewissen Individualismus beruhte. Dieser hat sich aber auf eine neue Achse hin verschoben, ohne die anderen ganz zu verlassen. Neben dem moralisch-spirituellen und dem instrumentellen Individualismus beobachten wir jetzt einen weit verbreiteten "expressiven" Individualismus. Auch dies ist natürlich nichts gänzlich Neues. [...] Neu ist, dass diese Art von Orientierung auf das eigene Ich offenbar zu einem Massenphänomen geworden ist.

Seine sichtbarste äußere Manifestation war wohl die Konsumrevolution. Mit dem Wohlstand der Nachkriegszeit und der Verbreitung von Gütern, die vielen bis dahin als Luxus gegolten hatten, ging eine neue Konzentration auf den privaten Raum einher. Dadurch lockerten sich allmählich die Bindungen, wie sie früher die Gemeinschaften der Arbeiter und die der Bauern ausgezeichnet hatten; dasselbe gilt für die Lebensform der Großfamilien [...] Man widmete sich mehr dem eigenen Leben und dem seiner (Klein-) Familie. Die Menschen zogen in neugegründete Städte und Vorstädte, lebten zurückgezogener, versuchten mit dem ständig wachsenden Angebot neuer Waren und Dienstleistungen von der Waschmaschine bis zur Pauschalreise zurechtzukommen und die dadurch eröffneten Möglichkeiten eines freieren, individuellen Lebensstils zu nutzen. Das "Streben nach Glückseligkeit" bekam mit dem wachsenden Spektrum leicht verfügbarer Mittel eine neue Bedeutung. In diesem neuerlich individualisierten Raum wurden Kundin und Kunde ermuntert, ihren Geschmack freier zum Ausdruck zu bringen, ihre Wohnung nach den eigenen Bedürfnissen und Neigungen zu möblieren, so, wie es früher nur den Reichen möglich gewesen war. [...]

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