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"Da verteilt der Staat sein Geld falsch"

Hans-Jürgen Krumm, Professor für Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanistik der Universität Wien, im Interview.

Die Furche: Was halten Sie von den geplanten Sprachstandsfeststellungsverfahren im Kindergarten?

Hans-Jürgen Krumm: Es ist sicher vernünftig, dass man diese Feststellung durch die Kindergartenpädagoginnen und-pädagogen durchführen will, also Personen, die die Kinder kennen. Es war eine Fehlkonstruktion, dass die Direktoren oder Inspektoren das im Rahmen der vorgezogenen Schuleinschreibung machen sollten. Wir wissen ja, dass es abhängig von den Kontexten ist, ob kleine Kindern den Mund aufmachen. Umso wichtiger ist ein gewisses Vertrauen. Das Problem ist, dass diese Sprachstandsfeststellungen bei Kindern, die noch gar nicht in den Kindergarten gehen - und das sind zu einem höheren Prozentsatz Kinder aus Migrantenfamilien - in Form einer "Schnellwäsche" an einem halben Tag in einer völlig neuen Umgebung geschehen sollen. Was man da mitbekommt ist eine Momentaufnahme in der jeweiligen psychischen Befindlichkeit des Kindes. Das sagt aber nichts darüber aus, was so ein Kind kann und was ihm zuzutrauen ist. Erst recht erlaubt es keine Aussage darüber, wo man ein solches Kind fördern muss. Gerade für solche Kinder würden wir uns zumindest eine Beobachtungswoche wünschen.

Die Furche: Nach derzeitigem Plan werden auch bei Migrantenkindern nur die Deutschkenntnisse eingeschätzt …

Krumm: Man kann sich natürlich strikt auf den Punkt stellen und sagen: Wir wollen sie ja in Deutsch fördern, also schauen wir uns nur das Deutsch an. Aber wir haben festgestellt, dass vielen Kindern beim Schuleintritt von ihren Eltern gesagt wird, dass sie über die Sprachverhältnisse zu Hause nichts sagen dürfen. Diesen Effekt muss man vermeiden, sonst unterdrückt man jeden Ansatz der Zweisprachigkeit. Deshalb ist es ganz wichtig, dass diese Kinder auf ihre eigene Sprache stolz sein können.

Die Furche: Würden Sie sich ein verpflichtendes Kindergartenjahr für alle wünschen?

Krumm: Ja - wenn man den Eltern nicht eine zusätzliche finanzielle Last auferlegt. Ich würde sagen: Ab drei Jahren sollen alle Kinder in den Kindergarten. Hier findet ja eine entscheidende Weichenstellung für die Sprachentwicklung statt. Dass man für die Schule nichts zahlen muss, aber für den Kindergarten schon, leuchtet mir deshalb nicht ein: Da verteilt der Staat sein Geld falsch.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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