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Wer das Sagen hat

Philosophicum_neuhäuser - <strong>Reichtumskritik</strong><br />
Aus demokratischer Sicht lässt sich eine ethisch-moralische Reichtumskritik formulieren: Es bedarf einer Entmächtigung der Reichen, um republikanische Gleichheit wieder herzustellen, argumentiert Christian Neuhäuser. (Bild: Dagobert Duck, die „reichste Ente der Welt“) - © picturedesk.com / Everett Collection
Gesellschaft

Dagoberts Schattenseiten

1945 1960 1980 2000 2020

Die Machtkonzentration von Superreichen unterminiert die Voraussetzungen einer stabilen sozialliberalen Demokratie, meint Christian Neuhäuser. Deshalb solle übermäßiger Reichtum verboten werden.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Machtkonzentration von Superreichen unterminiert die Voraussetzungen einer stabilen sozialliberalen Demokratie, meint Christian Neuhäuser. Deshalb solle übermäßiger Reichtum verboten werden.

Kann man zu reich sein? Viele Menschen würden das verneinen. Ihnen scheint es mit Reichtum so zu sein wie mit Gesundheit oder Ehre: Davon kann man einfach nicht genug haben. Doch seit den Anfängen der Philosophie haben viele Denker immer wieder dieser angeblichen Selbstverständlichkeit widersprochen. Dabei sind zwei Argumente von zentraler Bedeutung. Erstens kann Reichtum für die reichen Menschen selbst schädlich sein. Ihr Streben nach immer mehr Geld lenkt sie dann davon ab, was wirklich wichtig ist im Leben. Statt sich um ihre Freunde, ihre Familie, um Bildung und andere ­intrinsische Werte zu kümmern, gieren sie einfach nur nach Reichtum. Sie verfehlen das gute Leben.

Zweitens kann Reichtum schädlich sein für andere Menschen. Der Reichtum einiger Menschen und ihr Streben nach Reichtum und immer mehr Geld schädigt dann andere Menschen. Das ist fraglos eine sehr kontroverse, aber gesellschaftspolitisch ebenso wichtige These. Ich möchte sie mit drei Argumenten verteidigen. Relativer Reichtum, der auf die relative Armut anderer angewiesen ist, unterwandert soziale, wirtschaftliche und politische Gleichheit. Er steht im Widerspruch zum republikanischen Selbstverständnis des modernen Menschen und höhlt die Voraussetzungen einer stabilen sozialliberalen Demokratie auf dreifache Weise aus.

Penthäuser statt Familienwohnungen

Was sind diese drei Probleme des Reichtums? Erstens geht Reichtum mit großer sozialer Macht einher. Reiche Menschen bestimmen als Gruppe, was es heißt, ein gutes Leben zu führen und soziale Anerkennung verdient zu haben. Das drückt sich darin aus, wie sie wohnen, wie sie sich kleiden, wo sie Urlaub machen und was sie essen. Ihr Reichtum muss natürlich nicht so plakativ zur Schau gestellt werden, wie es Neureiche mit ihren Sportwagen und edlen Handtaschen tun. Aber auch bei der richtigen Mischung aus vornehmer Zurückhaltung und selbstverständlicher Wahl hochwertiger Waren geht es immer nur um Distinktion. Diese Deutungshoheit über den richtigen Stil und erlesenen Konsum im öffentlichen Raum ist nicht unschuldig.

Denn damit gehen auch Urteile darüber einher, was es braucht, um als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied anerkannt zu werden. Reiche Menschen bestimmen so, was es braucht, um dazu zu gehören. Damit üben sie eine erhebliche soziale Macht aus, die letztlich die gleiche Würde aller Menschen untergräbt. Denn nicht nur bestimmen sie, wer über eine angemessen soziale Würde verfügt, um als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied geachtet zu werden. Sie bestimmen auch, was es für diese soziale Würde überhaupt braucht. Das ist eine undemokratische Form der Beherrschung.

Kann man zu reich sein? Viele Menschen würden das verneinen. Ihnen scheint es mit Reichtum so zu sein wie mit Gesundheit oder Ehre: Davon kann man einfach nicht genug haben. Doch seit den Anfängen der Philosophie haben viele Denker immer wieder dieser angeblichen Selbstverständlichkeit widersprochen. Dabei sind zwei Argumente von zentraler Bedeutung. Erstens kann Reichtum für die reichen Menschen selbst schädlich sein. Ihr Streben nach immer mehr Geld lenkt sie dann davon ab, was wirklich wichtig ist im Leben. Statt sich um ihre Freunde, ihre Familie, um Bildung und andere ­intrinsische Werte zu kümmern, gieren sie einfach nur nach Reichtum. Sie verfehlen das gute Leben.

Zweitens kann Reichtum schädlich sein für andere Menschen. Der Reichtum einiger Menschen und ihr Streben nach Reichtum und immer mehr Geld schädigt dann andere Menschen. Das ist fraglos eine sehr kontroverse, aber gesellschaftspolitisch ebenso wichtige These. Ich möchte sie mit drei Argumenten verteidigen. Relativer Reichtum, der auf die relative Armut anderer angewiesen ist, unterwandert soziale, wirtschaftliche und politische Gleichheit. Er steht im Widerspruch zum republikanischen Selbstverständnis des modernen Menschen und höhlt die Voraussetzungen einer stabilen sozialliberalen Demokratie auf dreifache Weise aus.

Penthäuser statt Familienwohnungen

Was sind diese drei Probleme des Reichtums? Erstens geht Reichtum mit großer sozialer Macht einher. Reiche Menschen bestimmen als Gruppe, was es heißt, ein gutes Leben zu führen und soziale Anerkennung verdient zu haben. Das drückt sich darin aus, wie sie wohnen, wie sie sich kleiden, wo sie Urlaub machen und was sie essen. Ihr Reichtum muss natürlich nicht so plakativ zur Schau gestellt werden, wie es Neureiche mit ihren Sportwagen und edlen Handtaschen tun. Aber auch bei der richtigen Mischung aus vornehmer Zurückhaltung und selbstverständlicher Wahl hochwertiger Waren geht es immer nur um Distinktion. Diese Deutungshoheit über den richtigen Stil und erlesenen Konsum im öffentlichen Raum ist nicht unschuldig.

Denn damit gehen auch Urteile darüber einher, was es braucht, um als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied anerkannt zu werden. Reiche Menschen bestimmen so, was es braucht, um dazu zu gehören. Damit üben sie eine erhebliche soziale Macht aus, die letztlich die gleiche Würde aller Menschen untergräbt. Denn nicht nur bestimmen sie, wer über eine angemessen soziale Würde verfügt, um als gleichwertiges Gesellschaftsmitglied geachtet zu werden. Sie bestimmen auch, was es für diese soziale Würde überhaupt braucht. Das ist eine undemokratische Form der Beherrschung.

Der ‚Drehtüreneffekt‘ hat zuletzt massiv zugenommen: Fast die Hälfte der ehemaligen EU-Kommissare verdient jetzt in Branchen, die sie vorher reguliert haben, sehr viel Geld.

Reiche verfügen auch über wirtschaftliche Macht. Märkte werden durch Angebot und Nachfrage bestimmt, in denen die Wünsche und Interessen von Käufern und Verkäuferinnen zum Ausdruck kommen. Käufer geben für die Dinge, die ihnen besonders wertvoll erscheinen, mehr Geld aus als für andere Dinge. Verkäuferinnen sind bereit, für Dinge, die ihnen wichtig sind, auch mal Gewinneinbußen hinzunehmen, was übrigens häufig vergessen wird. Entscheidend ist hier, dass die Wünsche von reichen Menschen an Märkten sehr viel mehr zählen als die Wünsche anderer Menschen. Wenn ein reicher Mensch sich genauso eine 100 Quadratmeter-Wohnung wünscht wie ein deutlich ärmerer Mensch, aber 100 Mal mehr dafür ausgeben kann, dann bekommt er die Wohnung. Das gilt selbst dann, wenn der ärmere Mensch die Wohnung 100 Mal mehr braucht als der Reiche, der vielleicht schon viele Wohnungen hat. Aufgrund dieser großen Ungleichheit werden in vielen Städten bevorzugt maßlos teure große Penthäuser und immer weniger preisgünstige ­Familienwohnungen gebaut.

Natürlich wissen die Reichen auch, wie ihr Reichtum dafür sorgt, dass Märkte ihren Interessen folgen. Das können sie einsetzen, um Gruppen zu bilden und Märkte so zu steuern, um sie für sich arbeiten zu lassen. Sie können etwa über Finanzmärk­te sehr viel Geld in bestimmte Industrien stecken und damit deren wirtschaftliche Bedeutung stärken. Sie können aber auch sehr viel Geld aus bestimmten Wirtschaftszweigen abziehen und diese ausbluten. Das gibt ihnen erhebliche Marktmacht und die Möglichkeit, die wirtschaftliche Entwicklung nach ihren Wünschen und Bedürfnissen zu steuern. Letztlich sind auch sie es, die darüber entscheiden, welche Konsumgüter die Märkte überschwemmen. Damit bestimmen sie letztlich auch über die Lebensstile ihrer Mitmenschen.

Einfluss über Lobbygruppen

Aus der Marktmacht der Reichen erwächst ihnen drittens auch ihre politische Macht. Sie können damit drohen, ganze Produktionsstandorte oder einfach nur Investitionen aus einem Land abzuziehen und damit politische Entscheidungen erheblich beeinflussen. Zudem können sie zahlreiche Lobbygruppen und finanzkräftige „Think Tanks“ schaffen, die erheblichen Einfluss auf Politiker und die Öffentlichkeit ausüben. Schließlich sind sie attraktive Arbeitgeber für ehemalige Politiker, die ihre im Verhältnis zu Topmanagern geringen Gehälter vervielfachen und selbst Millionen scheffeln können. Dieser „Drehtüreneffekt“ hat zuletzt massiv zugenommen und betrifft zahlreiche Minister und Staatssekretäre. Fast die Hälfte der ehemaligen EU-Kommissare verdient jetzt in Wirtschaftszweigen, die sie vorher reguliert haben, sehr viel Geld.

Dieser geldbasierte Einfluss stellt die Funktionalität und Legitimität der Demokratie gewaltig in Frage. Demokratie ist mehr als die Abgabe einer Stimme alle vier Jahre für irgendwelche Parteien und Politiker, die in so manchen Fragen vielleicht dem Willen der Wähler folgen, in anderen und besonders brisanten aber den Wünschen der Reichen. Der funktionale Schaden liegt zunächst darin, dass die verschiedenen Bedürfnisse der Menschen bei den Politikern gar nicht im gleichen Maße ankommen. Die Stimme der Reichen ist einfach sehr viel lauter und ihre Bedürfnisse finden mehr Berücksichtigung. Der Legitimitätsschaden liegt dann darin, dass sich die Menschen nicht mehr repräsentiert und irgendwann auch nicht mehr ernstgenommen sehen. Das erhöht die Gefahr, dass sie sich zunehmend radikalen Populisten und Demagogen zuwenden – und sei es nur, um ihrer Wut freien Lauf zu lassen.

Zumeist sind es nicht einzelne Reiche, die auf diese Weise soziale, wirtschaftliche und politische Macht ausüben. Sie tun ­dies oft über die Unternehmen, die sie besitzen. Fast alle Milliardäre dieser Welt sind Eigentümer und Topmanager großer Unternehmen. So können sie ihre Interessen bündeln und zugleich verschleiern, dass es um ihre Interessen geht. Sie tun dann so, als ginge es um die Funktionalität der Wirtschaft und die Konkurrenzfähigkeit wichtiger Unternehmen, die ja am Ende von ihnen gesteuert werden. Sie haben alle Spielkarten in der Hand. Hier zeigt sich auch, in welche Richtung die soziale, wirtschaftliche und politische Entmächtigung der Reichen gehen muss, um wieder republikanische Gleichheit herzustellen.
Dafür bedarf es keiner großen Revolutionen und keines massiven Umbaus des Wirtschaftssystems. Vielmehr reichte es bereits, einfach nur übermäßigen Reichtum zu verbieten. Dafür muss man bestimmen, ab wann Reichtum zu einer aus demokratischer Sicht inakzeptablen Macht führt. An diesem Punkt setzt dann eine vollständige oder zumindest sehr hohe Besteuerung ein. Das kann die Form einer Einkommens-, einer Vermögens- und einer Erbschaftssteuer annehmen. Mit Unternehmen muss man anders umgehen, um tatsächlich die globale Konkurrenzfähigkeit zu erhalten. Aber wenn sich die Reichen über ihre Unternehmen nicht mehr bereichern können, dann verändert das bereits die Machtverhältnisse so stark, dass eine Demokratisierung der Wirtschaftswelt möglich wird. Erst dann ist eine Gesellschaft realisiert, in der sich die Menschen als würdevolle und achtungswürdige Bürgerinnen begegnen können.

Der Autor ist Prof. für Polit. Philosophie an der TU Dortmund. Jüngste Publikationen: „Reichtum als moralisches Problem“ (2018), „Wie reich darf man sein?“ (2019)