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Das blau-gelbe Phänomen

Das Kernland Österreichs im Porträt: Niederösterreich erlebt seit Mitte der achtziger Jahre einen Aufbruch ohnegleichen: Zukunftsweisende Investitionen in den Wirtschaftsstandort, in Forschung und Bildung haben das Land zu einer europäischen Top-Region werden lassen. Zum Erfolgsgeheimnis zählen aber ebenso der soziale Zusammenhalt im Land wie die Pflege der Tradition, die Bewahrung des kulturellen Erbes.

Das Bundesland Niederösterreich hat etwas vom Dornröschen - insofern, als es aus überlangem Schlaf erweckt worden ist, und vom Schneewittchen - insofern, als es sehr stiefmütterlich behandelt zu werden pflegt", schrieb Hans Weigel in einem 1970 veröffentlichten Essay.

Verwöhnt hat die Geschichte das Land unter der Enns wirklich nicht, auch nicht die jüngere. Die Kriegsschäden waren in Niederösterreich größer als in anderen Bundesländern, fast drei Viertel der Bauschäden der gesamten österreichischen Industrie entfielen auf das blau-gelbe Landesgebiet; dazu eine zehnjährige sowjetische Besatzung bis 1955, was zu einem ungeheuren Entwicklungsrückstand gegenüber den westlichen und südlichen Bundesländern führte, der erst in den achtziger Jahren halbwegs aufgeholt werden konnte; und danach weitere 34 Jahre ein Leben mit dem Rücken zur Wand, die Eiserner Vorhang hieß, verbunden mit Abwanderung und Landflucht.

Heute liegt Niederösterreich im Spitzenfeld der wachstumsstarken Bundesländer, heimste im Vorjahr die Auszeichnung als "Region of Excellence" in Europa ein, die nach Kriterien wie Höhe der Investitionen, Anzahl der Beschäftigten in den Bereichen Forschung und Entwicklung oder Zahl der Forschungseinrichtungen vergeben wird, und wickelt bereits mehr als ein Fünftel seines Exports mit mittel- und osteuropäischen Ländern ab, der gesamtösterreichisch nur einen Anteil von 15 Prozent hat.

Es ließe sich eine Fülle wirtschaftlicher Kenndaten anführen, um den Wandel vom Nachzügler zum Wirtschaftsstandort mit Zukunft zu belegen. Damit könnte wohl der Aufschwung, nicht jedoch der Aufbruch hinreichend erklärt werden, den das Kernland Österreichs in den vergangenen Jahren vollzogen hat: dass Österreichs flächenmäßig größtes Bundesland zu dem geworden ist, was es heute ist, ist ein blau-gelbes Phänomen. Zu diesem Phänomen gehört, dass das Land in den Achtzigern erstmals überhaupt zu einem Landesbewusstsein gefunden hat.

Heimat in der Welt

Die emotionale Verbundenheit der Bevölkerung mit ihrem Land war - ganz im Gegensatz etwa zu den Tirolern, Vorarlbergern, Kärntnern oder Steirern - im Land unter der Enns kaum vorhanden; wenn etwas existierte, war es ein mehr oder weniger sehr lokaler Bezug, eine Bindung, die sich allerdings - Stichwort: Abwanderung - auch oft als brüchig erwies.

In diese Situation hinein wurde 1985 die Dorferneuerung - und damit in Verbindung die Ortsbildaktion - ins Leben gerufen, die durch breite Aufklärung und Motivation das Alte im Neuen bewahrt hat; sie wuchs inzwischen zur größten Bürgerinitiative des Landes heran und wurde zum europaweiten Vorbild. 1992 wurde die Idee um die Stadterneuerungsaktion erweitert, mit dem Ziel, insgesamt eine Landeserneuerung einzuleiten, die den Niederösterreichern ein Zuhause im Leben und eine Heimat in der Welt bietet - übrigens auch immer mehr "Zuzüglern", denn längst schreibt das Land unter der Enns Wanderungsgewinne, bevölkerungsmäßig mit Wien fast schon gleichauf.

Und praktisch zeitgleich mutete sich das Land durch "historischen Entschluss" einen Kraftakt sondergleichen zu. In einer Phase, in der Großprojekte hier zu Lande kaum mehr politisch durchsetzbar waren, wurde St. Pölten 1986 zur Landeshauptstadt erhoben und ab 1992 in nur fünf Jahren - vor der Zeit fertiggestellt und mit geringeren Kosten als geplant - das größte Hochbauvorhaben Österreichs verwirklicht. Das neue Regierungsviertel, nunmehr mit einem attraktiven "Kulturbezirk" samt Festspielhaus, Landesmuseum, -bibliothek und -archiv verbunden, sowie die gezielte Förderung regionaler Entwicklungszentren haben nicht nur die Möglichkeit geboten, Strukturen neu zu ordnen und Handlungsabläufe zu straffen, sondern stimulierten auch entscheidend die wirtschaftliche Entwicklung sowie das Selbstbewusstsein der Bevölkerung.

In Verbindung mit der Dorf- und Stadterneuerung verfolgt das Land seit langem gezielt eine Aufwertung und Förderung von Ehrenamt und Freiwilligentätigkeit - nicht nur unleugbarer wirtschaftlicher Effekte wegen: Es geht um Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn. Allein 300.000 Niederösterreicher engagieren sich derzeit freiwillig in der Feuerwehr, bei Rettungsdiensten und in anderen Sozialeinrichtungen - das ist jeder fünfte Bewohner. Oder: Zwischen Enns und March spielen 460 Blasmusikkapellen mit rund 20.000 Musikanten auf, fast die Hälfte der Mitglieder ist noch keine 24 Jahre alt. Ähnliches gilt für andere kulturelle Initiativen und den Sportbereich.

Familien- & Gemeinsinn

Wie lebendig dieser Gemeinschafts- und "Familiensinn" (Landeshauptmann Erwin Pröll) ist, zeigte sich bei der Hochwasserkatastrophe, die Mitte August des Vorjahres über große Teile Niederösterreichs hereinbrach, deren Flut innerhalb weniger Tage ganze Dörfer, Landschaften und Straßen zerstörte: Nur aus dem Wunsch heraus, zu helfen, strömten Freiwillige in die Hochwassergebiete, um zu räumen, zu reparieren, zu trösten. Rund 65.000 kamen mit Organisationen, noch einmal so viele reisten als Privathelfer an.

Die verstärkte Identifikation der Bevölkerung mit ihrem Land, der Bedeutungs- und Funktionsgewinn der regionalen Ebene und dieses neue blau-gelbe Selbstbewusstsein machen wahrscheinlich - in Verbindung mit der großen politischen Stabilität und Kontinuität - jenes "Erfolgsgeheimnis" aus, weshalb Niederösterreich die historische Veränderung, die 1989 mit dem Fall des Eisernen Vorhanges eingetreten ist, als Chance begriffen und genutzt hat, weshalb aber auch zwei Drittel der Bürger und Bürgerinnen des Landes mit seiner 414 Kilometer langen Grenze zur Slowakei und zu Tschechien für die EU-Erweiterung sind.

Schon vor dem dramatischen Umbruch in Europa hat sich das Land um politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den Nachbarstaaten im Osten und Norden bemüht und verfügt dadurch über einen beträchtlichen Know-how-Vorsprung. Ein Fitnessprogramm für die Grenzregionen, eine Technologieoffensive, Innovations- und Gründerzentren sowie regionale Wirtschaftsparks haben zudem einen wichtigen Impuls geleistet, dass Niederösterreich heute nicht nur über eine gute Ausgangsposition für die Zukunft verfügt, sondern von der Ostöffnung bisher schon am meisten profitieren konnte.

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