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Das Böse und seine anziehende Fratze

Das Böse gibt es nicht, argumentiert der Philosoph Peter Strasser in seinem Essay als Gegenposition zu Büchern, die die Normalität des Bösen aufzeigen wollen. Es ist doch der Sieg des Guten, mit dem wir uns zuinnerst identifizieren.

Vor einigen Jahren erschien ein Buch des Kriminalpsychologen Thomas Müller mit dem Titel „Bestie Mensch“. Ich möchte gleich eingangs meine Gegenposition klar formulieren: Ich bin ein Mensch, keine Bestie. Es ist schon wahr: Unter uns gibt es Exemplare, die sich verhalten, als wären sie Bestien. Sie vergewaltigen, verstümmeln, foltern, morden planvoll und mit Lust in Serie; sogar Kannibalismus kommt vor. Doch das sind die Ausnahmen von der durchschnittsmenschlichen Regel. Aus ihnen lässt sich kein Schluss auf die menschliche Natur ziehen.

Die Prägung „Bestie Mensch“ ist ein Etikett, das eine Gemeinsamkeit im Bösen vorspiegelt, wo ganz unterschiedliche Handlungen mit ganz unterschiedlichen Unwertsgehalten vorliegen. Schon 1984 publizierte ich ein Buch mit dem Titel „Verbrechermenschen“, das den Untertitel „Zur kriminalwissenschaftlichen Erzeugung des Bösen“ trug. Dieses Buch erlebte 2005 eine erweiterte Neuausgabe, weil sich seit längerer Zeit eine bedenkliche Tendenz innerhalb des kriminologischen Denkens breitgemacht hatte und leider weiterhin breitmacht: der Neo-Lombrosianismus.

Cesare Lombroso, ein Mediziner und Psychiater aus Turin, stellte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die These vom „L‘uomo delinquente“ auf. Er glaubte nachweisen zu können, dass allen Verbrechern gewisse Merkmale biologischer Art zueigen seien, die sie vom normalen Menschen, dem Homo sapiens, unterschieden. Lombrosos Lehre wurde zunächst fasziniert aufgenommen, später stellte sich der „geborene Verbrecher“ als ein Konstrukt aus Übereifer und Ideologie heraus.

Renaissance des „Homo delinquens“?

Heute versucht man wieder vielfach, eine biologische Fundierung kriminellen Verhaltens nachzuweisen. Dagegen gibt es prinzipiell nichts einzuwenden. Nur sollte der Neigung entgegengewirkt werden, abermals einen Verbrechermenschen zu konstruieren, der sich durch seine Natur von uns „Normalen“ unterscheidet. Durch diesen neo-lombrosianischen Schwenk rückt nämlich das gemeinsam Menschliche in den Hintergrund. Das schwächt unser Pflichtgefühl, uns auch dem asozialen Mitmenschen gegenüber human zu verhalten. Und die Gegenthese, wonach die Bestie in uns allen stecke? Sie hat zur Folge, dass das „Verbrechermenschliche“ über alle Menschen verteilt wird. Dadurch wird nichts besser, es wächst höchstens das wechselseitige Misstrauen. Ich sage das keineswegs, um etwas Unentschuldbares zu entschuldigen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass die viel zitierte Faszination des Bösen in mehrerer Hinsicht relativiert werden muss. Erstens, „das“ Böse als Substanz gibt es bloß im Mythos. Dort hat es Name und Gesicht: Teufel, Satan, Beelzebub. In der Wirklichkeit gibt es böse Handlungen unterschiedlichen Gepräges und Schweregrads. Zweitens, die Faszination, die sich gerade auf die abscheulichsten Verbrechen richtet, ist kein Widerhall einer allgemeinmenschlichen „Bestialität“, sondern das Ergebnis medial hochgeschaukelter Massenemotionen, die von relativ harmloser Schaulust bis zur Lynchstimmung und dem Ruf nach der Todesstrafe reichen.

Getrieben von Neugier und Rache

Zweifellos faszinieren uns sehr böse Handlungen. Wir stehen vor einem düsteren Rätsel. Uns treiben Neugier und Vergeltungslust. Doch bevor wir die „Bestie Mensch“ bemühen, sollten wir darauf achten, dass uns generell Dinge faszinieren, die unseren Alltagsverstand übersteigen – und nicht nur böse! Mich zum Beispiel hat stets die Frage nach Ursprung und Beschaffenheit des Universums fasziniert. Mich faszinieren metaphysische Probleme.

Und wie mir ergeht es vielen Menschen, auch wenn sie möglicherweise eher vom Einfluss der Sterne und anderer Kräfte fasziniert sind, von denen sich laut Goethe unsere Schulweisheit nichts träumen lässt. Es ist kein Zufall, dass Sendungen über die „Wunder der Natur“ jedenfalls nicht weniger beliebt sind als Kriminal- und Horrorfilme. Aber ist es nicht trotzdem wahr, dass uns das Böse stärker fasziniert als das Gute? Darauf möchte ich mit einem zweifachen Nein antworten.

Zum einen sind die meisten Menschen von Alltagshelden fasziniert, darunter finden sich Feuerwehrmänner, Bergrettungsleute, Sportler. Auch suchen nicht wenige den Kontakt zu charismatischen Persönlichkeiten, die manchmal zu Gurus und im Extremfall zu Religionsgründern werden. Häufiger jedoch handelt es sich um Vorbilder, die uns Mut geben und tief in unser Leben hineinwirken können, das mag ein altgedienter Anonymer Alkoholiker oder Mutter Teresa sein.

Zum anderen jedoch gehört zu befriedigenden Geschichten, die vom Kampf zwischen Gut und Böse handeln, der Sieg des Guten, mit dem wir uns zuinnerst identifizieren. So funktioniert jeder Kriminalroman, aber so funktionieren auch die großen Fantasy-Epen, der „Herr der Ringe“ ebenso wie „Star Wars“ oder „Harry Potter“. Wie ästhetisch anspruchsvoll der französische Film Noir sein mochte, er litt unter einem strukturellen Mangel: Es gab keine eindeutig Guten, das Menschliche war Grau in Grau, und eben darin lag ein Ungenügen, über das sich bis heute nur Cineasten hinwegzutäuschen vermögen.

Das Teuflische weicht nüchterner Einsicht

Ich bezweifle also, dass dem Bösen deshalb eine besondere Faszination eignet, weil es sich dabei um Taten der „Bestie Mensch“ handelt, die angeblich in uns allen steckt. Und ich halte es daher für fragwürdig, wenn ein Buch wie jenes des Gerichtspsychiaters Reinhard Haller die schrecklichsten Entartungen des Menschlichen unter dem Titel „Das ganz normale Böse“ abhandelt.

Es ist eben nicht „ganz normal“, seine Opfer tagelang zu foltern, sie als Tote sexuell zu missbrauchen oder ihr Blut zu trinken. Je tiefer wir in die Genetik und Neurologie der Täter eindringen, umso deutlicher sehen wir, dass es sich bei ihren Taten um die Folge schwerer psychopathischer Störungen handelt, hinter denen biologische Ursachen wirksam sind. Und je deutlicher wir das sehen, umso vollständiger weichen alte mythologische Etikettierungen – das Teuflische, Dämonische, Bestialische – der nüchternen Einsicht in die medizinische Pathologie des Täters.

In einem seiner letzten Journale, „Die Fliegenpein“, erzählt Elias Canetti die Geschichte eines Mädchens, das die Kunst beherrschte, Fliegen aufzufädeln, ohne sie zu töten: „Sie verfertigte sich Ketten aus lebenden Fliegen und geriet in Entzücken über das himmlische Gefühl, das ihre Haut bei der Berührung der kleinen verzweifelten Füße und zitternden Flügel empfand.“ Canetti nennt diesen Bericht die „schrecklichste Geschichte“. Zu Recht.

Wir empfinden angesichts der Fliegenpein keine Faszination, sondern Entsetzen. Denn der Tat des Mädchens fehlt jenes menschliche Moment, das wir selbst bei Serienkillern antreffen: die Einsicht in das Böse ihres Tuns. Wir treffen hier auf das gleichsam „unschuldig“ Böse, vor dem uns nur noch graut. Ist diese Grenze erst erreicht, dann begegnen wir nicht der Bestie Mensch, sondern dem Verlust des Menschlichen überhaupt. So gesehen ist das Böse, das sich als solches immerhin erkennt, tatsächlich – wie schon Hegel betonte – eine humane Qualität.

* Der Autor ist Rechtsphilosoph an der Karl-Franzens-Universität in Graz

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