dieFurche: Als Leiter des mobilen Hospizdienstes in Wien begleiten sie seit Jahren Schwerkranke in ihren letzten Lebensmonaten. Wünschen sich die Betroffenen ihr Ende?

Franz Zdrahal: Die Äußerung, "Wär's nur schon endlich zu Ende", ist ja was Legitimes. Aber diese Art von Todessehnsucht ist absolut nicht zu vergleichen mit der Forderung, dem Leben ein Ende zu bereiten. "Ich wünsche mir, daß das natürliche Ende bald kommt", ist eine Sache. Eine andere ist der Wunsch von Kranken oder Gesunden nach Tötung: "Ich will, daß mir jemand ein Rezept verschreibt. Ich geh' in die Apotheke und nehm' das ein, leg' mich ins Bett, und dann wach' ich nicht mehr auf."

dieFurche: Das werden Sie ja auch schon gehört haben?

Zdrahal: Dreimal im Verlauf von 15 Jahren Hospizarbeit. Alles Krebskranke. Und nach wenigen Tagen haben sie ihren Wunsch nicht mehr verlauten lassen. Eine alte Dame hat nach zehn Tagen sogar gesagt: "Hätte ich gewußt, daß doch noch so viel in meinem Leben drin ist, hätt' ich das nie wollen."

dieFurche: Welche Möglichkeiten hat die Medizin, Sterben zu erleichtern?

Zdrahal: 99 Prozent aller Schmerzen können auf relativ einfache Art gelindert werden. Schmerztherapie sollte ganzheitlich sein. Wir sollten schauen, welche Angst vielleicht ein Hindernis für gute Schmerztherapie darstellt.

Viele unserer Patienten sind immer wieder sehr traurig. Denn es ist nicht sehr angenehm, zu wissen, daß man jetzt etwas hat, an dem man vermutlich sterben wird. Das macht Angst, das macht Trauer. Eine Möglichkeit, diese Depression zu lindern, ist, Positives aus der Vergangenheit herauszufiltern.

dieFurche: Was kann man als Angehöriger tun?

Zdrahal: Die Hauptantwort ist: Mit dem Kranken offen reden. Nicht zu sagen: Dem dürfen wir nichts von seiner Krankheit erzählen. 90 bis 95 Prozent der Kranken wollen informiert werden.

dieFurche: Wie erklären Sie sich, daß gerade jetzt über Sterbehilfe diskutiert wird?

Zdrahal: Zum einen weil die Menschen immer mündiger werden. Viele hinterfragen, daß ihnen die Medizin einfach etwas vorschreibt. Es kommt leider wirklich vor, daß Patienten viel länger therapiert und auch operiert werden, als sie es sich bei ausreichender Information gewünscht hätten.

Das Gespräch führte Roland Schönbauer.

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