Digital In Arbeit

Das Dilemma der Nonstop-Bühne

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Wie hat sich die Selbstpräsentation von Jugendlichen in den Social Media verändert - und welche Probleme und Herausforderungen bringt das mit sich? Eine Spurensuche.

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Wie hat sich die Selbstpräsentation von Jugendlichen in den Social Media verändert - und welche Probleme und Herausforderungen bringt das mit sich? Eine Spurensuche.

Ihr selbst war das Spiel mit Identitäten im Netz in den Jahren der Adoleszenz noch verwehrt. Doch längst begreifen Jugendliche ihre Online-Auftritte nicht mehr als Parallelwelt, sondern als integralen Bestandteil des Alltags, sagt Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von Saferinternet.at. Die österreichweite Initiative unterstützt Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrende beim kompetenten Umgang mit digitalen Medien.

Am liebsten präsentieren sich Jugendliche in Bildnetzwerken wie Snapchat oder Instagram: Laut einer Saferinternet-Studie aus dem Jahr 2016 veröffentlichen 88 Prozent der befragten 11- bis 17-Jährigen zumindest ein Bild pro Woche. Dabei steht der Handy-Nachrichtendienst WhatsApp bei den Plattformen an oberster Stelle. Die Relevanz von Facebook ist mittlerweile stark gesunken. Angesagt sind Videoplattformen wie YouTube oder die Social-Media-App Musical.ly, auf der Nutzer ("Muser") Kurzvideos ihrer Playback-Performance veröffentlichen: 15 Sekunden Selbstdarstellung mit geringem technischen und finanziellen Aufwand.

Das geschriebene Wort hingegen - etwa in Form von Blogs - verliert laut Buchegger an Relevanz und kann mit dem steigendem Konsumtempo in der virtuellen Welt schwer mithalten. Der 16-jährige Robert Campe beschreibt das in seinem aktuellen Buch "What`s App, Mama?" so: "Der Grund dafür ist nicht, dass uns die Themen nicht interessieren, sondern dass YouTube und Instagram uns die gleichen Informationen in kompakterer Form liefern."

Bewusstes Gestalten ist gefragt

Filmemacher Golli Marboe glaubt, dass die Selbstpräsentation mithilfe von Bewegtbildern weiter an Relevanz gewinnen wird. Die Explosion jugendlicher Laienproduktionen auf Videoplattformen sieht der Gründer des Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien (VsUM) kritisch: "Woher nehmen Kinder, Jugendliche und auch Erwachsenen die Chuzpe zu glauben, sie können Videos machen, nur weil sie es technisch dürfen?", ärgert er sich, und bemüht einen Vergleich: "Nur weil wir Buben alle irgendwann gelernt haben, auf einen Ball zu treten, glauben wir, etwas vom Fußball zu verstehen und Bundesligaspiele kommentieren zu können." Ähnlich niedrig sei die Hemmschwelle in der Medienlandschaft, Werke von mieser Qualität zu veröffentlichen. Der Rat des Medienprofis: "Ich glaube, dass wir vor der Herausforderung stehen, jungen Leuten begreiflich zu machen, dass das Festhalten eines Moments und das Gestalten eines Videos etwas Besonderes ist - und die Veröffentlichung erst recht." Er empfiehlt eine emotionale "Abkühlphase" bevor man etwas veröffentlicht. Marboes Verein will einen selbstbestimmten Umgang mit Medien fördern - vom Kindergarten an: "Gerade Kinder werden viel zu wenig darauf vorbereitet, was es bedeutet, wenn man in der Öffentlichkeit vervielfältigt und kritisiert wird von Menschen, die einen gar nicht kennen."

Medienbildungs-Expertin Buchegger beklagt, dass die jugendliche Selbstinszenierung des eigenen Körpers in Onlinewelten Geschlechterklischees reproduziere. Das hat ein Forschungsprojekt des Wiener Büros für nachhaltige Kompetenz gezeigt. Burschen definieren ihr Aussehen demnach als "eigene Leistung", Mädchen wollen ihre Attraktivität "selbstverständlich" erscheinen lassen. Gefühle werden von Burschen lieber indirekt durch stellvertretende Bilder ausgedrückt. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper setzte bei beiden Geschlechtern immer früher ein. Und für Frauen mit kurzem Haarschnitt kursiert sogar ein eigener Hashtag: "#shorthairdontcare".

Marboe zeigt sich über solche Rollenbilder empört: "Dass wir in den Darstellungen der sexualisierten Jugendkultur ein Frauenbild präsentieren, dass sich über 'Germanys Next Topmodel' oder 'Bachelor' ausdrückt - ästhetisch und lebenszieltechnisch -ist dem geschuldet, das wir alles dem wirtschaftsliberalen Markt überlassen, uns zu wenig in die kulturelle Gestaltung der veröffentlichten Meinung einbringen. Der Markt ist an sich nicht nur unkreativ, sondern vor allem rückwärtsgewandt."

Natürlich müsse sich jeder präsentieren dürfen - und dazu können Selbstdarstellungstools hilfreich sein. Von Begleitern solcher Prozesse sei gefordert, Kindern die Bedeutung von Schamgefühl und Instimsphäre zu verdeutlichen. Verbote seien allerdings nicht zielführend: Durch das aktive Gestalten von Beiträgen lernen Kinder ja auch, wie leicht manipuliert werden kann. Die aktuelle Debatte über Medienerziehung dürfe sich nicht auf technische Aspekte und Geräte-Handling beschränken. Sie müsse einbeziehen, was der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen mit dem Übergang von der digitalen zur redaktionellen Gesellschaft umschreibt: die Relevanz einer Information einschätzen zu lernen.

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