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Das Ende des Mythos vom "Mutterglück"

1945 1960 1980 2000 2020

Fast wöchentlich sorgt der schreckliche Umgang mit Kindern für Schlagzeilen. Psychotherapeutin und Sexualforscherin Rotraud A. Perner über die Nöte, Probleme und Einsamkeit der jungen Mütter von heute.

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Fast wöchentlich sorgt der schreckliche Umgang mit Kindern für Schlagzeilen. Psychotherapeutin und Sexualforscherin Rotraud A. Perner über die Nöte, Probleme und Einsamkeit der jungen Mütter von heute.

Ein Baby in der Mülltonne, ein anderes verdurstet in der verlassenen Wohnung - behinderte junge Frauen von ihren Pflegemüttern in einer Kiste oder im Besenkammerl "gehalten" - und Nachbarn, die nichts bemerkt haben wollen. Solche und ähnliche Fälle liefern Schlagzeilen. Man ist erschüttert, verstört, empört. Man sucht nach Lösungen für derartige "Katastrophenfälle" - und "erfindet" die sogenannte Babyklappe neu (wie überhaupt Sozialarbeit immer wieder auf die altbewährten Klösterdienste zurückgreift). Sollen die Frauen halt ihre "Bankerten" abgeben ... Nur mit ihnen reden, sich um sie kümmern, das will niemand. Die Frauen zu "übersehen" geht halt leichter - denn das, was eigentlich zählt, ist das Kind.

Erfolgszwang Ich erinnere mich noch ganz genau, welche Sensation es 1956 bedeutete, als meine Mutter mit meinem jüngsten Bruder Ende des sechsten Monats schwanger, ins Spital eingeliefert wurde, um einer neuerlichen Fehlgeburt zu entgehen, und mein Vater auf die Frage des behandelnden Arztes, wen er im Zweifelsfall retten solle - die Mutter oder das Kind - ohne zu zögern für seine Ehefrau votierte. Im Gegenteil: Damals zählte jedes neue Leben mehr als ein bestehendes (egal, wie viele Sorgepflichten an diesem hingen). Ich führe dies einerseits auf die propagandierte Fortpflanzungsideologie des Dritten Reiches zurück ("Der Führer braucht Soldaten"), andererseits auf eine christlich hoch bewertete Hingabe an das Schicksal des "Abgerufenwerdens". Pflichterfüllung bis zum Tod: Ja, Korrekturen aus Eigeninteressen: Nein.

Heute erfahren wir die Herrschaft der Leistungsgesellschaft und mit ihr Erfolgszwang und Machbarkeitswahn. Alles muss vollbracht werden - Versagen ist nicht vorgesehen. In romantischen Romanen schildern - zumeist männliche - Autoren, wie die zwar vom Geburtsvorgang erschöpfte, dennoch aber zutiefst beglückte Mutter - mit oder ohne das Neugeborene - friedlich entschlummert.

In Wirklichkeit kann kaum eine Frau unmittelbar nach der Geburt schlafen. Aufgewühlt von all dem Neuen in und neben sich, irritiert durch Wundschmerzen aber auch Zukunftsängste und ziemlich hilflos den Hormonschwankungen ausgesetzt, verfallen viele sofort dem "Baby-Blues": sie werden depressiv, manche sogar psychotisch. Statt des in Romanen, Liedern oder Filmen beschworenen Mutterglücks tauchen Selbstzweifel auf, Versagensängste, Verlassenheitsgefühle. Die wenigsten finden im gestressten Krankenhauspersonal ein offenes Ohr, und das ist weniger deren Ausbildungs- als ihr Zeitproblem.

Mutterschaft muss glücklich machen. Hoffen wir. Und reden wir uns auch suggestiv ein oder lassen es uns einreden. Denn wir alle wollen den Gedanken nicht zulassen, dass unsere Mütter uns vielleicht gar nicht wollten, möglicherweise Pläne für unsere Beseitigung erdachten - und oft nur ein Zufall unser Lebensretter war. Was nicht bewusstseinsfähig ist, wird sofort abgewehrt, verleugnet, verdrängt. Damit verringert sich jegliche Chance, den Ursachen der Verzweiflung auf die Spur zu kommen, die zu sorglosem Umgang mit Leben - dem eigenen wie fremden - führen.

Fun, nicht Sorgen "Ihre Sorgen wollen wir haben" wird uns derzeit von einer Großversicherung eingeredet, und wie zum Hohn ertönen im Rundfunk Werbespots, in denen Pseudoberatungen zu Alltagsproblemen in der Empfehlung des Abschlusses eines Versicherungsvertrags enden.

Sorgen haben ist nicht in. Beautiful Young People haben keine Sorgen, sondern Fun. Und die Modelle, wie man Fit und Fun inszeniert, werden uns ja auch tagtäglich via Flimmerkiste ins Heim geliefert: ausgehen, konsumieren, koitieren. Von Empfängnisverhütung ist da keine Rede. Von Verantwortlichkeit der wild in der Gegend herumzeugenden Männer a la James Bond auch nicht.

Es ist so leicht, junge Menschen zu verdammen, die "irgendwo auf der Welt" auch ein kleines Stückchen Seligkeit erhaschen wollen - und wenn es auf den Hintersitzen eines PKW ist, oder auf einer "Lokaltour", eingeraucht oder eingekokst oder "nur" angesoffen. Denn das kleine Stückchen Glück ist oft nur, einem anderen Menschen nah zu sein, ein bisschen warmen Menschenkörper spüren zu dürfen - und als Gegenleistung bloß den eigenen Körper herzuleihen für ein paar Sekunden.

Wer nicht erfahren durfte, dass der eigene Körper - und mehr noch: das eigene Denken und das eigene Fühlen - wertvoll ist, wird auch fremde Körperlichkeit nicht wertschätzen können. Höchstens fürchten - wenn Körper Gewalttätigkeit bedeutet. Wer früh schon gelernt hat, dass man unangenehmen Pflichten entgeht, indem man weggeht, wird mangels besserer Alternative immer wieder die gleichen Fehl-Handlungen setzen. Zu diesen unangenehmen zwischenmenschlichen Kontakten zählen für viele Stressgespräche. Inhalte solcher Stressgespräche reichen von der Bitte an den Partner, ein Kondom zu verwenden (oder auch: auf seine Forderung nach Geschlechtsverkehr zu verzichten) bis zum Eingeständnis einer ungewollten Schwangerschaft, von der Bitte um Hilfe um Unterstützung bis zur Anzeige strafbarer Handlungen.

Aber auch die ethische Entscheidung zu treffen, nicht nach der Mutter eines "Findelkindes" zu "jagen", sondern die Entscheidung zu respektieren, wenn eine Frau ihr Neugeborenes weglegt, bedeutet Stress: man könnte ja selbst zum Gejagten werden, wenn man sich mehr den Menschen verpflichtet fühlt als Gesetzen.

"Entsorgung" Entsorgt gehört das Problem - und das ist nicht das belastende Kind, sondern die mangelnde Entlastung durch Menschen, die mit einem/einer die Last teilen.

Es gibt eine Studie der Wiener Psychologieprofessorin Brigitte Rollett über die Sorgen alleinerziehender Mütter. Ihr Ergebnis lautete: Nicht fehlende Finanzmittel sind das, was die Frauen bedrückt, oder zu wenig Zeitbudget, sondern keinen Gesprächspartner zu haben, der mit einem Entscheidungen durchspricht und - mitträgt. Es ist das Alleinsein - das Herausfallen aus der sozialen Gruppe - das, was Menschen nicht - ertragen; deswegen ist ja Mobbing so gesundheitsschädlich oder Einzelhaft heftigste Strafverschärfung.

Aber: Menschen wissen auch ganz genau, wem sie mit "so was" wie etwa der Eröffnung einer Schwangerschaft oder einer Substanzabhängigkeit oder eines Fehlers "nicht kommen dürfen".

Es ist so leicht, Mütterlichkeit von den biologischen Müttern - den anderen - zu fordern, soziale Mütterlichkeit, die nicht ans weibliche Geschlecht gebunden ist, aber selbst zu verweigern. Wenn Mütterlichkeit - Fürsorglichkeit - aber kein Mythos sein soll, sondern gelebte Wirklichkeit, müssen wir alle Verantwortung für diejenigen übernehmen, die unserer Sorge bedürfen.

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