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Das Erbe einer düsteren Epoche

Vor 1990 waren Abtreibungen in Rumänien verboten. Heute sind sie Verhütungsmittel Nummer eins.

Im Patientenraum eines Bukarester Krankenhauses ein blauer Linoleumboden, aus Neonröhren fällt kaltes Licht. An der Tür steht: "Abtreibungssalon". Sechs Betten im Raum - alle sind belegt. Intim ist hier nichts, stattdessen herrscht Hektik, in der Tür warten schon die nächsten Frauen. Einen Termin hat fast niemand. Wer zu den vormittäglichen Öffnungszeiten kommt, wird behandelt.

Gina, eine Bukaresterin, fragt ihre Bettnachbarin: "Das erste Mal?" Sie antwortet unter Tränen: "Und das letzte Mal!" "Es nützt nichts, wenn du weinst", rät ihr Gina. Sie selbst wird sich später eine Beruhigungsspritze geben lassen. Die junge Frau ist am Morgen mit einem Plastiksackerl gekommen. Darin ein Bademantel, Hausschuhe, ein Päckchen Zigaretten, ein paar rumänische Lei als Bakschisch für die Schwestern und die Ärztin. Die 30-Jährige weiß, was sie für den Krankenhausbesuch braucht. Sie hat vor einem Jahr schon einmal abgetrieben.

Gina hat zwei Buben. Ein drittes Kind? Ja, sie hat darüber nachgedacht, sie wünscht sich ein Mädchen. Sie wird sich später auf dem Gynäkologie-Stuhl den Wunsch entfernen lassen. Wie soll sie drei Kinder versorgen, mit dem Einkommen, das ihr Mann als Fernfahrer verdient? Die anderen Frauen nicken verständnisvoll. Der Abtreibungssaal wirkt wie ein kollektiver Beichtstuhl, gesündigt, sagen die Wartenden, wird ein paar Minuten später. Ginas Mann weiß nicht, dass sie abtreibt: "Was soll er mir auch raten? Schließlich bin ich für die Kinder zuständig." Er weiß, dass sie bei einer ärztlichen Untersuchung ist. Das ist weder eine Lüge, noch die ganze Wahrheit.

Im "Abtreibungsstress"

Neben jedem Bett im Abtreibungssaal liegt ein Flyer über Verhütungsmethoden. Die meisten Frauen benutzen ihn, um sich ein wenig Luft zuzuwedeln. Für "moderne Verhütungsmethoden" wirbt der Handzettel, die eine sichere Alternative zur Abtreibung seien. Die Pille zum Beispiel. Gina weiß nur, dass "die dick machen soll, und dass manche Frau trotzdem schwanger geworden ist. Stimmt das?", fragt sie die anderen. Die zucken mit den Schultern. Kondome lässt Ginas Ehemann nicht zu, für einen Verhütungskalender sei sie nicht geduldig genug. Aber vielleicht entscheidet sie sich für eine Spirale, "um nicht mehr diesen Abtreibungsstress zu haben".

Es gibt in Rumänien mehr Unwissen als Wissen über Verhütungsmittel - nicht zuletzt deshalb hat das Land mit derzeit jährlich rund 150.000 Abtreibungen die höchste Quote in Europa. Regelmäßige Aufklärungskampagnen fehlen, wenngleich das Thema in jedes Dorf getragen werden müsste. Aber selbst im Biologieunterricht wird es ausgespart. Familienärzte könnten die Aufklärung übernehmen, doch weil zu viele Patienten in den Ordinationen warten, fehlt oft die Zeit für ein Gespräch.

Fehlendes Wissen

Die Gynäkologin Ruxandra Dumitrescu erlebt regelmäßig, dass ihre Patientinnen wegen fehlender Informationen zu spät kommen. Bereits schwanger, denken die Frauen, dass Abtreibung nicht nur der letzte Weg, sondern auch die einzige Lösung sei. "Nicht die Armut, sondern Unwissenheit ist schuld an unserer hohen Quote", sagt Dumitrescu. Zeit würde vieles ändern, meint die Ärztin, die eine Beratungspflicht vor der Abtreibung befürwortet.

Wenn Frauen Bedenkzeit hätten, "würde sich die Mehrheit für ein Kind entscheiden, auch für ein drittes", sagt die Gynäkologin. "Doch in unserem hektischen Gesundheitswesen spricht niemand die Seele an." Hinzu kommt: Eine Abtreibung ist in Rumänien erschwinglich. Umgerechnet 20 Euro kostet sie im staatlichen Krankenhaus und ist damit "billiger als die Pille" - so argumentieren die Frauen im Wartesaal. Warum sich also nach Alternativen umsehen?

"Ich habe abgetrieben!"

"Ich habe abgetrieben!" - Für diesen Satz wäre Maria* vor der Wende zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden. Noch heute will sie ihren Namen nicht nennen, "weil das Erlebnis zu beschämend ist, auch wenn es Teil meines Leben war". Hunderttausenden ist es ähnlich ergangen: Sie haben trotz des rigiden Verbots, das der rumänische Diktator Nicolae Vor 199 1966 erlassen hatte, illegal abgetrieben. Ceausescu ließ nicht nur Abtreibungen, sondern auch jegliche Verhütungsmittel verbieten: Kondome, Pille und den Verhütungskalender. Mit diesen drakonischen Regeln kroch der rumänische Diktator in jedes Ehebett. Erst mit fünf Kindern hatte seiner Meinung nach "die Frau ihre Aufgabe erfüllt". Wenn sie zehn Kinder gebar, wurde sie als "Heldenmutter" ausgezeichnet.

In einem lebenswerten und damit familienfreundlichen Land wäre eine solch rigide Familienpolitik nicht nötig gewesen. Doch die Wirklichkeit in Rumänien sah anders aus, spätestens in den 80er Jahren war sie unerträglich geworden: Heizung, Strom und Lebensmittel waren aufs Minimum rationiert, an Redefreiheit war schon lange nicht mehr zu denken.

Als Maria Anfang der 80er Jahre ein drittes Mal schwanger wurde, war sie verzweifelt. Doch Angst, wegen einer Abtreibung zu einer Haftstrafe verurteilt zu werden, hatte sie keine. "Mein Alltag war doch schon ein Gefängnis", sagt sie. Sie unternahm im Selbstversuch mehrere Anläufe um abzutreiben: Sie trank den Sud von einem Kilo Petersilienwurzeln, sie badete in heißem Wasser - nichts half. Eine Biologielehrerin riet ihr schließlich zu einer Sonde, die sie nicht vergessen sollte abzukochen.

Eigenen Körper nicht gekannt

Marias Verzweiflung "war damals meine einzige Kraft". Zwei Tage dauerte es, die Sonde in den Gebärmutterhals einzuführen: "Ich gehörte zu einer Generation von Ignoranten, die den eigenen Körper nicht kannte." Maria hatte Glück im Unglück: Als Komplikationen auftraten, fand sie Ärzte, die den Mut hatten, ihr zu helfen.

Die illegalen Methoden lassen die Schwermut jener Jahre erahnen: Nadeln, dicke Pflanzenstiele und giftige Säuren sollten den Fötus lösen. Dafür gingen die Frauen zu Wunderheilern, Engelmachern, zum Fleischhauer. Der Eingriff glich einem Selbstmordversuch, den man zu überleben hoffte. Mindestens 10.000 Frauen verloren dabei in Rumänien ihr Leben. Sie hatten sich lebensgefährlich infiziert und Angst, in eine Klinik zu gehen. Dort hätten sie sich rechtfertigen müssen.

Vlad Popescu*, früher Arzt, wurde während der Ceausescu-Zeit zu sechs Monaten Haft verurteilt - wegen Mithilfe zur Abtreibung. Popescu sagt: "Ich habe lediglich die Frauen vor meinen Augen nicht verbluten lassen." Aufpasser fürs medizinische Personal gab es viele. Geheimdienst-Mitarbeiter in Zivil täuschten im Krankenhaus sogar die Frauen und gaben vor, ein offenes Ohr für ihr Schicksal zu haben. Zugleich hatten die Ärzte nahezu jede Rettungsmaßnahme zu rechtfertigen: Gerieten sie an regimetreue Juristen, legten diese die Hilfe als Verbrechen aus.

Frauentod zur Abschreckung

"Das Regime legte es auf Todesfälle an", sagt Popescu, "sie dienten als Abschreckungsmaßnahme für andere." Die Folgen des Abtreibungsdekretes entsetzen heute noch. Viele Frauen wurden nach misslungenen Eingriffen unfruchtbar, zahlreiche Mütter setzten ungewollte Babys aus, die Zahl der Waisenkinder explodierte - noch heute werden viele von ihnen wie Aussätzige behandelt. Auch bei erfolgreicher Abtreibung konnte man nicht von Glück sprechen. Über den Seelenkummer wurde geschwiegen. Wer orthodox war, bot sich als Ausgleich für jede Abtreibung als Taufpate an. Man wollte Gott mit einer guten Tat um Einsicht bitten.

Als eine ihrer ersten Amtshandlungen hob die rumänische Regierung nach der Wende das Abtreibungsverbot auf. Ein Abtreibungsboom folgte: Knapp eine Million Fälle wurden 1990 registriert. Heute gibt es Verhütungsmittel in Hülle und Fülle. "Die Leute denken in ihrer Unwissenheit, was früher geholfen hat, muss auch heute gut sein, und blenden die Realität aus", sagt Gynäkologin Ruxandra Dumitrescu.

18 Jahre nach der Wende hat der rumänische Regisseur Cristian Mungiu das Thema mit dem Film "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" auf die Leinwand gebracht (vgl. gegenüberliegende Seite). "Ich habe mich mit der Vergangenheit beschäftigt", sagt Mungiu, "weil wir nur damit unsere Gegenwart begreifen und ändern können." 18 vergangene Jahre bedeuten nicht immer, dass man schon erwachsen ist.

Die Autorin ist Korrespondentin des Netzwerkes n-ost in Bukarest.

*) Namen geändert.

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